Seit einige Zeit geistert der alte weisse Mann als Inbegriff der Fortschrittverhinderung und Sinnbild von Sexismus durch Medien und feministische Diskussionen. Was ist dran am Phänomen?
Der alte weisse Mann ist ein Auslaufmodell – das suggerieren zahlreiche Medienberichte und Wortäusserungen. Ein Gegenentwurf zu Vielfalt, Inklusion und Gleichheit, Feindbild des Feminismus und der Gleichstellung. Jahrelang leitete er die Geschicke unserer Welt – nun soll er ausgedient haben. Doch wer ist eigentlich dieser alte weisse Mann?
Autorin und «Netzfeministin» Sophie Passmann versucht in ihrem Buch «Alte weisse Männer» eben dieser Frage auf den Grund zu gehen. Denn mit den soziodemografischen Markern weiss, alt und männlich ist es nicht getan.
Um sich dem Phänomen anzunähern, unterhält sich die 25-Jährige einen Sommer lang mit mehr oder weniger alten weissen Männern. Sie trinkt Kaffee mit Sportkommentator Marcel Reif am Zürichsee, isst Hummus mit Alt-Hippie Rainer Langhans und trinkt Schorle mit Interneterklärer Sascha Lobo. Allen ihren Gesprächspartnern ist gemein: Sie sind männlich, weiss, und besetzen eine Position, die eine gewisse Macht mit sich bringt, medial, politisch, gesellschaftlich.
Schnell wird klar: Eine eindeutige Definition für den alten weissen Mann gibt es nicht. Aber eine Annäherung an das Phänomen. Alle Gesprächspartner Passmanns haben eine andere Sicht auf Feminismus und alte weisse Männer, und sie alle zählen sich selber natürlich nicht dazu. Das ist vielleicht der rote Faden, der sich durch sämtliche Gespräche zieht: Der alte weisse Mann, das sind immer die anderen.
Angst vor Machtverlust
Es gibt zahlreiche alte weisse Männer, die keineswegs dem Stereotyp entsprechen. Auch in Sophie Passmanns Buch kommen sie zu Wort, etwa der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert (obwohl der mit Jahrgang 1989 nicht wirklich alt ist). Genauso wie es junge Männer gibt, die perfekt ins Bild des alten weissen Mannes passen.
Einige gemeinsame Charakteristika lassen sich dennoch herausschälen: Dass man privilegiert ist aufgrund seiner Rasse und seines Geschlechtes. Dass man sich dieser Privilegiertheit nicht bewusst ist, sondern sie für selbstverständlich hält. Die Annahme, sämtliche Vorteile, die sich aus dem Leben als weisser Mann in gewissen Momenten ergeben, könne man sich selber zuschreiben, zählt ebenfalls dazu. Kein Bewusstsein für die eigene Privilegiertheit zu haben, bedeutet gleichzeitig, blind zu sein für die Benachteiligung der anderen.
Der Ausdruck bezeichnet eine Geisteshaltung, umschreibt ein Festhalten an überholten Rollenbildern und Privilegien und damit einhergehend auch die Angst vor Machtverlust und vor mehr Gleichheit. Dabei ist längst klar: Macht soll nicht mehr ausschliesslich in Old Boys Clubs stattfinden. Wer daran festhält, ist: ein alter weisser Mann.
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