«Damals fand ich Modern Talking natürlich ganz, ganz schlimm»

Von Bruno Bötschi

20.7.2021

Schulter-Polster, royale Märchenhochzeit, Punk und Modern Talking: Die 1980er gelten als Jahrzehnt der Stilsünden. Sie waren aber auch ein Jahrzehnt der Angst – der Angst vor einem möglichen Atomkrieg. Popliterat Jens Balzer hat das alles in ein Buch gepackt.

Von Bruno Bötschi

20.7.2021

Jens Balzer, Sie sind 52 und beschäftigen sich in Ihrem kürzlich erschienen Buch ‹High Energy – das pulsierende Jahrzehnt› mit den 1980ern. Was ich mich frage: Woran haben Sie mit Blick auf diese Zeit gedacht, bevor Sie mit Ihrer Buch-Recherche begonnen haben?

Bei mir überwogen rückblickend zwei widersprüchliche Grundeindrücke: Da war einerseits die fast schon apokalyptische Endzeitstimmung zu Anfang des Jahrzehnts. Andererseits der aufgekratzte Geisteszustand, der sich im Verlauf der Achtziger durchsetzte, die schrillen Farben, das Yuppietum, der technologische Wandel – vor allem der Beginn der Digitalisierung.

Ganz grundsätzlich: Wie zwängt man den Zeitgeist eines ganzen Jahrzehnts in knapp 400 Seiten?

Vorab: Ich musste natürlich viel selektieren. Ich versuchte bei meinen Recherchen von kulturellen Phänomenen und von der Popkultur im Allgemeinen auszugehen, um danach zu schauen, wie sich darin gesellschaftspolitische Entwicklungen gespiegelt haben.

Ich bin Jahrgang 1967, also wie Sie ein Kind der 1980er. Beim Lesen des Buches wurde mir klar, wie viel ich vergessen habe.

Ach, mir ging es beim Recherchieren ganz ähnlich.

Stimmt es, dass die 1980er DAS Jahrzehnt der geschmacklichen Verwirrungen waren?

Gegenfrage: Welches Jahrzehnt ist kein Jahrzehnt der geschmacklichen Verwirrung?

Touché!

Aber ich gebe zu, anfangs dachte ich auch, die 1980er seien das Jahrzehnt der Stilsünden. Aber wenn man sich diese vermeintlichen Sünden genauer ansieht, erkennt man, dass sie oft auch eine politische oder gar emanzipatorische Bedeutung besessen haben. Nehmen wir das Schulterpolster: Klar sieht das rückblickend verboten aus; aber zunächst einmal wurden Schulterpolster-Jacketts von Frauen getragen, die damit ‹männlicher› aussehen wolten, um Karriere in den grossen Wirtschaftskonzernen zu machen – die Achtziger-Variante des Feminismus. Schlimm wurde das erst, als sich dann wiederum Männer so anzuziehen begannen wie die Frauen, die sich wie Männer anzogen … Aber ansonsten, wegen der geschmacklichen Verwirrung: Menschen, die 1980er schrecklich finden, zeige ich auch gerne Bilder aus den Kommunen der 1970er oder auch aus den ersten Frauen-Cafés.

Gibt es also gar keine Unterschiede?

Was stimmt: Die 1980er waren schriller als andere Jahrzehnte, aufgedrehter, energetischer, darum heisst das Buch ja auch ‹High Energy – das pulsierende Jahrzehnt›. Das Styling und der Habitus der Menschen waren in dieser Zeit deutlich überdrehter und exaltierter. Es war das Jahrzehnt der Individualisierung. Viele versuchten damals über die Mode ihren Stil zu finden und sich so abzugrenzen gegenüber dem Rest der Gesellschaft. Man war entweder Punk, Popper, Gothic, Hippie und so weiter. Und wenn Sie mir noch eine persönliche Bemerkung gestatten: Ich finde, die Jugendlichen der 1990er sahen viel schlimmer aus als wir (lacht).

Welche Jugendkultur war Ihre?

Ich war ein Gothic und mochte New Wave. Gothic ist zwar mit dem Punk verwandt, war aber weniger destruktiv und weniger nihilistisch, dafür umso melancholischer und verträumter. Wir gefielen uns in unserem Weltschmerz.

«Da war einerseits die fast schon apokalyptische Endzeitstimmung zu Anfang des Jahrzehnts. Andererseits der aufgekratzte Geisteszustand, der sich im Verlauf der Achtziger durchsetzte, die schrillen Farben, das Yuppietum, der technologische Wandel.»: Autor Jens Balzer über die 1980er.
Bild: Roland Owsnitzki

Schulterpolster oder XL-Blazer: Welches war Ihr schlimmstes Fashion-Foul?

Gegen Ende des Jahrzehntes liess mir einen Ziegenbart wachsen. Meine Vorbilder waren, zumindest in meiner Erinnerung, Chris Cornell von Soundgarden und Kurt Cobain von Nirvana, die 1989 ihr erstes Album herausbrachten. Der Bart sah absolut schrecklich aus. Ich habe deshalb Jahre später alle Bilder vernichtet, die mich mit diesem Ziegenbart zeigten.

International markierten die 1980er den Start diverser einzigartiger Musiker-Karrieren: Modern Talking verkaufte damals so viele Platten wie keine andere deutsche Band. Ihre Meinung über das Duo Dieter Bohlen/Thomas Andres?

Damals fand ich Modern Talking natürlich ganz, ganz schlimm; nicht nur deren Musik, auch das Styling der Band.

Das tönt fast so, als hätte sich Ihre Meinung zu Herr Bohlen seither verändert.

Während der Recherche zu meinem Buch hab ich mal die Probe aufs Exempel gemacht und einen halben Abend lang abwechselnd Stücke von Modern Talking und von den Pet Shop Boys angehört. Irgendwann stellt man dann fest, dass die Unterschiede zwischen den beiden Bands gar nicht so gross sind.

Wie bitte?

Ja klar, bei den Texten gibt es – sagen wir mal – gewisse Unterschiede, musikalisch hingegen arbeiteten beide Bands durchaus mit ähnlichen Mitteln. Ich würde sogar so weit gehen, zu behaupten: Würden wir die spätere Lebensgeschichte von Dieter Bohlen nicht so genau kennen, würden ihn viele heute rückblickend für seine Songs in den 1980ern als grossen Disco-Produzenten würdigen. Es kommt nicht von ungefähr, dass sogar in den USA, und zwar gerade auch von legendären Disco-Pionieren wie Tom Moulton, für einzelne Modern-Talking-Songs geschwärmt wurde.



Wann haben Sie in den 1980ern die Nacht zum ersten Mal die Nacht zum Tag gemacht und bis ins Morgengrauen getanzt?

Das muss wohl 1986 gewesen – im Club Front in Hamburg. Das war ein Schwulenclub, der jedoch auch für uns Heteros offen war.

Angeblich hauen Sie sich ja auch heute noch gerne die Nächte um die Ohren …

Das stimmt, aber leider konnte ich das wegen der Corona-Pandemie in den letzten anderthalb Jahren nur selten tun. In normalen Zeiten gehe ich mindestens ein-, zweimal pro Monat tanzen – und das am liebsten im Berghain in Berlin. Und ich besuche auch nach wie vor noch regelmässig Konzerte. Ich gebe aber zu: In den letzten Jahren hat meine Kondition etwas nachgelassen – also zwei Tage Nachtleben am Stück schaffe ich nicht mehr, aber eine schon.

Ist es wahr, dass Ihnen viele Ideen für Ihre Bücher am Tresen der Panoramabar im Berghain gekommen sind?

So ist es; nur bei ‹High Energy› konnte ich da leider nicht sitzen, das Buch ist ja komplett während des Lockdowns entstanden. Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber mich hat die Tatsache, dass ich nicht mehr ausgehen konnte, ziemlich aus der Bahn geworfen – also ich meine arbeitsmässig. Ich bin jemand, der gerne auch einmal alleine am Tresen sitzt und ins Glas guckt oder Leute beobachtet. Da kommen mir oft die besten Ideen. Wenn ich dann nach so einem Abend heimgehe, fühle ich mich irgendwie intellektuell erfrischt, so als ob sich an der Bar oder auf der Tanzfläche in meinem Hirn Synapsen zusammengeschlossen, die vorher nicht zusammen waren.

Die Pandemie macht den Menschen Angst. Auch in den 1980ern hatten die Menschen Angst – Angst vor einem möglichen Atomkrieg etwa.

Das ist einer der grossen Unterschiede zu den 1960ern und 1970ern: Damals dachte man, die Welt könne zum Bessern verändert werden, wenn alle Hippies gleichzeitig gute Vibes aussenden würden. Die grossen Friedendemonstrationen anfangs der 1980er – unter anderem gegen den Nato-Doppelbeschluss – waren jedoch defensiv ausgerichtet.

Das müssen Sie erklären.

Die Demos waren nicht aus dem Willen geboren, etwas verändern zu können, sondern hatten das Ziel das Schlimmste zu verhindern.

«Ich war ein Gothic und mochte New Wave. Gothic ist zwar mit dem Punk verwandt, war aber weniger destruktiv und weniger nihilistisch, dafür umso melancholischer und verträumter. Wir gefielen uns in unserem Weltschmerz.»: Autor Jens Balzer in jungen Jahren.
Bild: Jan Drossart

Nach der Atomkatastrophe von Tschernobyl 1986 dachten manch einer, die Apokalypse sei nah. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Tschernobyl spielt in meinem Buch interessanterweise keine so grosse Rolle. Diese Katastrophe machte den Leuten zwar Angst, aber der erste Schub der Anti-AKW-Bewegung war damals schon etwas verpufft. Mir kam es irgendwie so vor, als wolle sich die Gesellschaft ihrem Schicksal fügen.

Glücklicherweise dachten nicht alle so.

Das stimmt. In Deutschland formierten sich in den 1980ern die Grünen, um den Planeten vor dem Kollaps zu retten. 1983 zog die Partei zum ersten Mal in den Bundestag ein.

In der Schweiz zogen die Grünen vier Jahre später in den Nationalrat ein. Bei mir überwog deshalb Ende der 1980er die Hoffnung auf eine bessere Zeit.

Damals war eine Aufbruchsstimmung spürbar, das stimmt. Nur galt die beileibe nicht für die gesamte Gesellschaft, zumindest in Deutschland nicht. In Westdeutschland stand anfangs des Jahrzehntes die Zeichen auf Rezession. Die Schwerindustrie steckte in der Krise, im Ruhrgebiet, im Saarland und anderswo wurden viele Zechen geschlossen. Der Wirtschaftssektor, der in den 1950ern das deutsche Wirtschaftswunder lanciert hatte, verschwand damals ziemlich abrupt.

Wie hat sich die Wirtschaft in den 1980ern denn verändert?

Gegen Ende des Jahrzehntes wurde der Dienstleistungssektor immer dominanter. Wer da einstieg, hatte rasch tolle Berufsaussichten. Im Nachhinein sieht man aber auch, dass damals die Spaltung der westdeutschen Gesellschaft in Modernisierungs-Gewinner und-Verlierer begonnen hat. Die klassischen proletarischen Milieus sind zerfallen, was gleichbedeutend damit war, dass eine relative grosse Bevölkerungsgruppe auf der Strecke geblieben ist.

Zu Ende gingen die 1980er mit einem Knall: dem Fall der Berliner Mauer.

Das Ende des Ostblockes, das Ende des Kalten Krieges war eine völlig überraschende Wende von durchaus planetarischem Ausmass. Es wurde alles über den Haufen geworfen. Heute wissen wir jedoch: Der Sieg des Kapitalismus und der Marktwirtschaft war nicht gleichbedeutend mit dem Sieg der parlamentarischen Demokratien.



Begonnen hatten die 1980er – vermeintlich – märchenhaft schön: mit der royalen Hochzeit von Prinz Charles und Lady Diana. Sassen Sie am 29. Juli 1981 auch vor dem Fernsehgerät?

Ja – und dass, obwohl mir Diana und Charles herzlich egal waren. In unserer Verwandtschaft gab es jedoch zwei ältere Damen, die in einer lesbischen Beziehung zusammenlebten, und in jungen Jahren beide als Nannys in England gearbeitet hatten. Danach waren beide Frauen monarchistisch infiziert. Die Hochzeit haben wir dann alle zusammen in unserem Wohnzimmer geguckt.

Gemeinsame TV-Abend gehörten in den 1980ern zum klassischen Familienleben.

Es war der totale Widerspruch: Unter der Woche schaute ich abends mit den Eltern TV-Serien wie ‹Die Schwarzwaldklinik› und ‹Ich heirate eine Familie›, während ich am Wochenende auf wilden Gothic- und Punk-Konzerten tanzte. Für mein Buch habe ich viele Folgen der beiden Serien nochmals angeschaut und dabei Erstaunliches festgestellt.

Erzählen Sie.

Viele denken, wenn sie sich an ‹Die Schwarzwaldklinik› erinnern, zuerst an den patriarchalischen Chefarzt-Professor Klaus Brinkmann. Vergessen wird dabei meistens, dass in dieser TV-Serie zum Beispiel die Patchwork-Familie zum ersten Mal thematisiert wurde. Das Spiessermodel der lebenslang andauernden Ehe wurde also in den eigentlich als bieder geltenden TV-Serien schon sehr früh und fast unbemerkt vom TV-Publikum aufgelöst.

Was kommt Ihnen jetzt, also nach der Publikation Ihres Buches, als Erstes in den Sinn, wenn Sie an die 1980er Jahre zurückdenken?

Das war eine Zeit des grossen Umbruchs, obwohl man das damals gar nicht so wahrnehmen konnte. Oder wollte. Die Gesellschaft ist diverser geworden, multikultureller, individualistischer, die Geschlechterverhältnisse wurden neu geordnet. Der utopische Drive aus den Siebzigern war irgendwie verpufft, aber das, worum es den Post-68ern ging – mehr Freiheit, mehr Selbstbestimmung, mehr Möglichkeiten –, war in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Und dann natürlich die Technik: Wir sassen im Alter von 15 Jahren vor unseren Commodore-64-Computern, den Brotkästen, und programmierten wild drauf los. Aber wir hatten keine Ahnung, wozu das gut sein sollte. ‹Der Computer ist die Antwort, wir brauchen jetzt bloss noch die Frage›, sagt Peter Glaser, ein Pionier der deutschen Hacker-Szene, in meinem Buch. Heute ist das mit der Digitalisierung genau andersherum: Wir haben täglich neue Fragen, aber finden die Antworten nicht mehr.

Bibliografie: High Energy – das pulsierende Jahrzehnt, Jens Balzer, 400 Seiten, Rowohlt Verlag, ca. 31.90