Lee Miller Die Fotografin, die sich in Adolf Hitlers Badewanne inszenierte

Von Monica Boirar

30.8.2020

Im Zweiten Weltkrieg wurde aus der Fotokünstlerin eine Kriegsreporterin: Lee Miller. Eine Ausstellung in Zürich zeigt das bewegte Leben einer starken Frau.

Die steile Karriere der attraktiven Frau mit den schönen blauen Augen und den kurz geschnittenen blonden Haaren als Fotomodell hatte sie 19-jährig begonnen. Entdeckt wurde Elisabeth «Lee» Miller von keinem geringeren als Condé Nast, dem Verleger der Frauenzeitschriften «Vogue» und «Vanity Fair».

Er war es, der sie vor einem Verkehrsunfall rettete, als sie versehentlich auf die Fahrbahn einer New Yorker Strasse lief und dabei den LKW, der direkt auf sie zufuhr, übersah. So landete Elisabeth in den Armen von Condé Nast; dieser war sehr angetan von ihrer aparten Erscheinung. Die Frau mit der schönen Figur passte perfekt zum Typ Fotomodell seiner Frauenzeitschriften.

Miller mit dem wunderschönen Gesichtsprofil, hochgewachsen, schlank und androgyn, avancierte schnell zum amerikanischen Supermodel, stand in den 1920er-Jahren für Starfotografen wie Edward Steichen vor der Kamera und schaffte es, 20 Jahre jung, mit einer Illustration ihres Gesichts auf das Cover der März-Ausgabe 1927 des Magazins «Vogue».

Vertrautes Spiel mit der Kamera

1907 in Poughkeepsie, im Staat New York geboren, hatte die Tochter eines begeisterten Amateurfotografen schon als Kind für ihren Vater Modell gestanden. Das Spiel der Selbstinszenierung vor der Kamera und für die Kamera war ihr vertraut. Alle berühmten Fotografen wollten Elisabeth Miller vor ihrer Kamera haben. Und man behandelte sie mit Respekt.

Bald schon war die junge Frau ihrer Rolle als Modell jedoch überdrüssig. Ihr eigentliches Interesse galt Bühnenbildern, Lichtgestaltung und Theaterfotografie. Ihr Entschluss stand fest. Sie wollte das fotografische Handwerk von Grund auf erlernen, um fortan hinter der Kamera arbeiten zu können.

Normandie, Frankreich, 1944: Kriegsfotografin Lee Miller in Uniform.
Normandie, Frankreich, 1944: Kriegsfotografin Lee Miller in Uniform.
Bild: Keystone/AP Photo/Lee Miller Archive/Str)

In Paris stellte sie sich mit einem Empfehlungsschreiben des Modefotografen Edward Steichen in der Tasche bei Man Ray vor und eröffnete diesem, dass sie seine Schülerin werden wollte. Lernwillig und lernfähig wie sie war, wuchs sie über diese Rolle bald hinaus.

In der Fachliteratur über viele Jahrzehnte hinweg lediglich als Muse von Man Ray beschrieben, war Miller wie die jüngste Forschung belegt viel mehr. Sie gilt nicht nur als die treibende Kraft und wichtigste inspirierende Quelle ihres Lehrmeisters und Geliebten, sondern war selbst eine der bedeutendsten surrealistischen Fotokünstlerinnen des 20. Jahrhunderts.

Ihre fotografische Bildsprache zeichnet sich durch Werke mit engen Bildausschnitten zur Verfremdung der Motive aus. Das in der Wüste Ägyptens entstandene «Portrait of Space», das einen schwarzen Rahmen und den Blick auf das Meer durch ein zerrissenes Netz zeigt, gilt als ihre beste surrealistische Aufnahme und hat sich im kollektiven Gedächtnis der fotografischen Fangemeinde längst eingeprägt.

Neue Rolle als Porträtfotografin

Während dreier Jahre, von 1929 bis 1932 arbeiteten Miller und Ray zusammen. Dann war die attraktive Frau ihres vor Eifersucht rasenden Mentors überdrüssig und machte sich gemeinsam mit ihrem Bruder Erik in New York als Mode- und Porträtfotografin selbstständig.

Als sie ihr eigenes Fotostudio eröffnete, nannte sie sich fortan Lee, ein Vorname der sowohl männlich als auch weiblich sein kann. So erkannten potenzielle Kunden, die ein Porträtbild von sich haben wollten, nicht sogleich, dass es sich bei Lee Miller um einen weiblichen Studiofotografen handelte; diese Strategie brachte ihr Anfang der 1930er-Jahre wohl einige Vorteile.

Die Ausstellung im Museum für Gestaltung Toni Areal in Zürich präsentiert das Lebenswerk von Lee Miller in seiner ganzen Breite.
Die Ausstellung im Museum für Gestaltung Toni Areal in Zürich präsentiert das Lebenswerk von Lee Miller in seiner ganzen Breite.
Bild:  Monica Boirar

Ihre neue Rolle als kommerzielle Porträtfotografin gab sie schon bald wieder auf, heiratete den reichen ägyptischen Aristokraten und Geschäftsmann Azis Eloui Bay und zog mit ihm nach Kairo. Allerdings langweilte sie sich hier insgesamt so sehr, dass sie nach nur gerade drei Jahren zu ihren Freunden Pablo Picasso, Max Ernst und vielen weiteren Künstlern der Avantgarde nach Paris zurückkehrte.

Dort lernte sie ihren zweiten Mann, den Surrealisten Roland Penrose, kennen. 1939 bei Kriegsbeginn folgte sie ihm nach London, wo sie mit ihrer Rolleiflex Mittelformatkamera für die britische «Vogue» als Modefotografin zu arbeiten begann. Ihre eigenwillige Bildsprache und ihr bissiger Witz kamen auch in diesen Arbeiten zum Ausdruck, die sie Anfang der 1940er-Jahre für die Frauenzeitschrift realisierte: Die Modelle inszenierte sie vor zerstörten Gebäuden als makabre Kulissen.

Frauen im Krieg

Frauen als Opfer des Kriegs, als Täterinnen oder als Mitläuferinnen galt ihr persönliches Interesse, Frauen waren Thema ihrer Kriegsberichterstattung für die Zeitschrift «Vogue». Unerschrocken, mit surrealistischem Blick ging sie im Unterschied zu ihrer Berufskollegin, Margaret Bourke-White, sehr nahe an ihre Motive heran.

Das Bild der toten Tochter, des stellvertretenden Leipziger Bürgermeisters, die sich mit Zyankali umgebracht hatte, gleicht, mit der Kamera von Lee Miller gesehen, einer theatralischen Inszenierung. Erschütternde Kriegsbilder mit Leichenhaufen in den befreiten Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald hielt Miller als akkreditierte Kriegsberichterstatterin der US-Armee fest.

Als Kriegsreporterin schrieb sie ihre Texte selber. Sie hatte, wie sich herausstellte, Talent zum Schreiben. Alle ihre Artikel wurden von «Vogue» veröffentlicht. «Believe it», «Glaubt es», schrieb sie ihren Leserinnen angesichts der unfassbaren Gräueltaten. Die surrealistische Künstlerin, die mit ihren Arbeiten die reale Welt überschreiten wollte, um dem Wahnsinn und dem Grauen des Unbewussten ins Auge zu schauen, hatte nun reale Bilder des Wahnsinns und der Gräueltaten vor Augen und hielt Unvorstellbares mit ihrer Leica Camera fest.

Sie schickte die belichteten Filme schnellstmöglich nach London. Den Dreck von Dachau wusch sich Miller am 30. April 1945 in Hitlers Badewanne am Prinzregentenplatz 16 in München vom Leib. Das selbstinszenierte Bild, die Fotografin nackt in der Wanne, von ihrem Berufskollegen David E. Sherman festgehalten, ging einmal um die Welt. Die Machtverhältnisse hatten sich umgekehrt. Am Rand der Badewanne ist ein Bild von Adolf Hitler zu sehen, der sich an ebendiesem Tag in seinem Bunker in Berlin erschossen hatte. Vor der Wanne steht als Teil der militärischen Ausrüstung ein Paar Armeestiefel der Alliierten.

Das Foto machte sie berühmt: Lee Miller im April 1945 in Adolf Hitlers Badewanne. Kollege David E. Sherman fotografierte sie in der Wohnung in München.
Das Foto machte sie berühmt: Lee Miller im April 1945 in Adolf Hitlers Badewanne. Kollege David E. Sherman fotografierte sie in der Wohnung in München.
Bild: Keystone/AP Photo/Lee Miller Archive/Str

Nach dem Krieg litt Lee Miller unter Depressionen infolge der Kriegserlebnisse. Doch sie fing sich wieder auf, lud gemeinsam mit ihrem Mann Roland Penrose ihre Freunde auf den Landsitz in Sussex, porträtierte Pablo Picasso, Joan Miró, Antoni Tàpies und andere in die Jahre gekommenen Künstler. Sie erfand sich in den beiden kommenden Jahrzehnten noch einmal neu, nun als Kochkünstlerin und Gourmetköchin, organisierte kulinarische Anlässe und verfasste originelle Rezepte.

Facettenreiches Œuvre

Im Museum für Gestaltung Toni Areal in Zürich wird das fotografische Werk und Wirken von Lee Miller thematisch gegliedert und in einer chronologischen Abfolge präsentiert. Erstmalig sind in der monografischen Ausstellung alle Schaffensperioden und alle fotografischen Gebiete, in denen Lee Miller tätig war, präsentiert.

Kleinformate Vintage-Prints, grosse digitale Drucke und Leuchtkasten-Fotografien, ergänzt mit zwei kurzen Propagandafilmen aus den 1940er-Jahren, von British Pathé produziert, und einem 25-minütigen Film über Lee Miller und Man Rays Zusammenarbeit erlauben einen einmaligen Einblick in das einzigartige facettenreiche Œuvre einer herausragenden Frau.


Fotoausstellung «Lee Miller Fotografin – zwischen Krieg und Glamour» im Museum für Gestaltung Toni-Areal, Pfingstweidstrasse 96, Zürich, Dauer der Ausstellung: bis 3. Januar 2021.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr, Mittwoch, 10 bis 20 Uhr; Führungen/Veranstaltungen siehe Internetseite. Empfohlen für Menschen ab 14 Jahren. Die Fotografien aus den Konzentrationslagern sind für Kinder nicht geeignet.

Film: Arte zeigt am Sonntag, 30. August, 22.15 Uhr, den Dokumentarfilm «Lee Miller – Supermodel und Kriegsfotografin». Online ist er bereits jetzt bis am 27. November 2020 verfügbar.

Bibliografie: Lee MillerWalter Moser, Klaus Albrecht Schröder, Hatje Cantz, 160 Seiten, ISBN 978-3-7757-3955-9

Krieg, Reportagen und Fotos – mit den Alliierten in Europa 1944-1945, Reportagen und Fotos, Lee Miller, BTB, 272 Seiten, ISBN: 978-3-442-74901-0

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