Leben mit dem Virus VI

«Ich habe das Gefühl, dass die Leute grantiger werden»

Aufgezeichnet von Tobias Bühlmann

11.4.2020

Die Schauspielerin Anna Hofmann – auf die Bühne kann sie nun erst mal nicht.
Die Schauspielerin Anna Hofmann – auf die Bühne kann sie nun erst mal nicht.
Bild:  zVg

Das Coronavirus zwingt allen einen neuen Alltag auf. Doch wie fühlt es sich an, dieses neue Leben? «Bluewin» lässt in einer Serie eine Woche lang jeden Tag jemanden davon erzählen. Heute: eine Bühnenschauspielerin.

«Ich bin Schauspielerin und gehöre zum Ensemble des Theaters Neumarkt in Zürich. Am 2. April hatten wir eine Premiere geplant. Wir wollten «Nouvelle Nahda» auf die Bühne bringen, eine Koproduktion mit der Station Beirut, einem Kulturinstitut aus dem Libanon.

Im Februar waren wir mit dem Team eine Woche in Beirut und haben uns da stark mit den Begriffen Revolution und Renaissance auseinandergesetzt. Das war schon länger geplant, und dann sind im Libanon im letzten Oktober grosse Proteste ausgebrochen. Eine Künstlerin aus Beirut ist direkt nach der Woche im Februar mit uns zurück nach Zürich geflogen. Die anderen hätten nachkommen sollen, aber dazu kam es dann nicht mehr, der Lockdown kam dazwischen.

Das Runterfahren im Theaterbetrieb war ein schleichender Prozess. Ich habe noch einige Vorstellungen gespielt bis Anfang März, und da ist das Publikum immer weniger geworden. Als wir dann einmal vor sieben Leuten gespielt haben, wurde mir schon klar, dass das nicht mehr lange so weitergeht.

Zur Person: Anna Hofmann
Bild: zVg

Anna Hofmann (29) ist Schauspielerin und Performing Artist am Theater Neumarkt. Sie lebt seit sechs Jahren in Zürich. 2014 kam sie aus Wien in die Schweiz, um an der Zürcher Hochschule der Künste Theater bzw. Schauspiel zu studieren. Geboren und aufgewachsen ist Anna Hofmann in Hamburg.

Und da habe ich auch realisiert, dass wir nicht mehr in den Libanon fliegen werden. Wir haben geplant, die Produktion auch in Beirut zu zeigen. Aber erst mit dem Freitag dem 13. März, als sich alles geändert hat, haben wir im Theater offen über den Stillstand gesprochen und was das für uns bedeutet.

Anstatt der Bühnen-Performance haben wir nun an dem Premierenabend eine Online-Publikation gemacht. Mit Texten und Bildern, die das Publikum jetzt so konsumieren kann, wie es will. Und gleichzeitig zur Publikation gab es einen Livestream mit einem Artist-Talk. Da haben wir uns von zu Hause vom Laptop aus darüber unterhalten, was das für uns bedeutet als Kunst- und Kulturschaffende.

«Ich hatte Angst, dass auch ich angesteckt wurde.»

Nach dieser virtuellen Premiere habe ich dann aber gemerkt, wie traurig ich auf einmal war. Weil sonst feiert man im Theater die Premiere mit einem grossen Fest. Man trink zusammen, nimmt sich in den Arm. Aber nach der Online-Premiere sass ich dann einfach allein vor dem Computer. Meine Laune sank in den Keller und ich dachte mir, das kann es nicht sein. Denn dieses Unmittelbare, die Begegnungen am Theater, das ist einfach unheimlich schön.

Anna Hofmann reist eigentlich gerne in der Theaterpause – doch jetzt geht das nicht.
Anna Hofmann reist eigentlich gerne in der Theaterpause – doch jetzt geht das nicht.
Bild: zVg

Ich finde Situationen, wo die Dinge auf einmal vom Plan abweichen, eigentlich spannend. Wenn Pläne über den Haufen fliegen, kurbelt das mein Vorstellungsvermögen an. Ich dachte mir: «Gut, erst mal einen Gang zurückschalten».

«Man kann nicht schönreden, dass nun Menschen einsam sterben.»

Ich meine das nicht zynisch. Denn bei uns am Theater gab es auch einen Fall von Covid-19. Und da sah ich, dass auch jüngere Leute ohne Vorerkrankung schwer erkranken können. Ich war selber in Quarantäne, weil ich Angst hatte, dass auch ich angesteckt wurde. Aber dann konnte ich einen Test machen, und der war negativ.

Man kann die Situation nicht schönreden, wenn nun Menschen einsam sterben an dem Virus. Ich versuche mich auch darauf einzustellen, dass einige meiner älteren Verwandten jetzt krank werden könnten und ich nicht zu mehr zu ihnen kann. Meine Familie lebt in Hamburg, da käme ich im Moment eh kaum hin. In den letzten Tagen hat mir meine Oma, die mir sehr nahe ist, ihr Testament geschickt.

Ich bin noch nicht so ungeduldig bisher, die Zeit rast gerade für mich. Ich mache nicht so viel, aber doch vergehen die Tage extrem schnell. Aber ich nehme wahr, dass in meinem Umfeld sich Ungeduld breit macht. Ich habe das Gefühl, dass die Leute grantiger werden.

Chronologie der Coronakrise

Ich glaube, vielen werden nun die eigenen Probleme bewusst, weil die eigenen Gedanken lauter werden. Bisher konnte man das, was da war, gut zur Seite schieben mit Arbeit, Arbeit, Arbeit und Rausgehen. Einfach mal stummschalten.

Das merke ich bei mir schon auch, dass mich einige Dinge mehr beschäftigen, da kommen schon einige Dinge krasser um die Ecke grad. Und natürlich frage ich mich auch, was mit dem Theater geschehen wird. Aber im Endeffekt wissen wir das nicht, das versuche ich zu akzeptieren.»


Serie «Leben mit dem Virus»

Wie tickt die Schweiz in Zeiten von Corona? Eine Woche lang lässt «Bluewin» in einer Artikelserie jeden Tag eine andere Person über ihren neuen Alltag erzählen. Die Porträtierten haben dabei gänzlich unterschiedliche Berufe, um einen vielschichtigen Blick in unterschiedliche Leben zu erhaschen.

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