Jason Brügger: Der Zirkusartist über seine schwere Krankheit

13.9.2018 - 00:00, Jason Brügger/bb

Luftakrobat Jason Brügger über seine Träume: «Es gibt immer einen Weg, seine Ziele zu erreichen».
Bild: Katja Stuppia/Circus Knie

Er wirkt beinahe schwerelos, wenn Jason Brügger durch das Zirkuszelt schwebt. Doch dann, eine schwere Krankheit: Die Ärzte raten dem Luftaktrobaten ab, weiterhin als Artist zu arbeiten. Aber Brügger kämpft – und schwebt bis heute.

«Es gibt immer einen Weg, seine Ziele zu erreichen», sagt Luftakrobat Jason Brügger.  Der 1993 geborene Basler, der letztes Jahr mit dem Circus Knie auf Tournee war, weiss von was wer spricht. Seit Kindesbeinen träumte er davon, Artist zu werden. Doch dann, während der Ausbildung an der renommierten «National Circus School» im kanadischen Montreal, eine schwere Erkrankung des rechten Innenohres: Hörverlust, Tinnitus und Schwindelanfälle.

Kurze Zeit später die gleiche Erkrankung auf der linken Seite. «Die Ärzte rieten mir davon ab, Artist zu werden, denn ich hatte grosse Probleme mit dem Gleichgewicht», erzählt Brügger. Aber er liess sich nicht unterkriegen, kämpfte weiter. Jetzt hat der Luftakrobat, der 2016 die TV-Castingshow «Die grössten Schweizer Talente» gewann,  seine Lebens- und Leidensgeschichte aufgeschrieben.

Ein aufregendes Leben, authentisch und ehrlich erzählt, von einem jungen Mann, der als Artist oft in der Luft hängt, aber mit beiden Beinen fest im Leben steht. Die Biografie «Traumfänger. Ein Leben zwischen Höhen und Tiefen» ist auch ein Ratgeber und ein Plädoyer, das den Glauben an sich selbst stärken soll.

«Bluewin» publiziert das gekürzte Kapitel «Meine persönliche Lebensschule» als exklusiven Vorabdruck:

Meine persönliche Lebensschule

Mich in Montreal zurechtzufinden, verlangte mir als Jungen vom Land viel ab: eine extreme Grossstadt mit Wolkenkratzern, unglaublich vielen Menschen, Hektik in der Metro. Man kann damit eine Stunde in dieselbe Richtung fahren und befindet sich immer noch in derselben Stadt.

Anfangs stieg ich in die Metro, fuhr ein paar Stationen und fand den Heimweg nicht mehr. Wie ich bin, war das Zurechtfinden für mich extrem anspruchsvoll. Nur schon das Einkaufen wurde zu einer Tortur für mich. Ich war verloren und weinte anfangs manchmal auf offener Strasse, weil ich keine Ahnung mehr hatte, in welche Richtung ich gehen sollte. In diesen Momenten vermisste ich die kleine, herzige und mir vertraute Schweiz, aus der ich doch einst möglichst weit weg wollte, sehr.

Erst mit der Zeit, als ich mehr in Kontakt mit Land und Leuten in Kanada kam, schätzte ich die gewissen Unterschiede zur Schweiz: die Offenheit, den Umgang miteinander, das kanadische Denken und Sein. Klar fragte man eher oberflächlich «Wie geht’s?» und hatte schneller Kontakt als etwa bei uns Schweizerinnen und Schweizern. Aber ich bevorzuge Menschen und Kontakte mit Tiefe schon sehr. Und obwohl ich mich nie wirklich in Kanada heimisch fühlte, war es dennoch gezwungener massen mein Zuhause. Vielleicht gewöhnt sich der Mensch an Dinge, auch wenn sie nicht ideal sind?

Ein Wesen mit vielen Fragezeichen

Der Mensch scheint mir überhaupt ein Wesen mit vielen Fragezeichen zu sein. Beispielsweise wollte ich schon als Kind immer aus der Schweiz weg. Und als ich endlich im Ausland leben durfte, vermisste ich neben meinen geliebten Menschen und Tieren sogar die Berge, Wälder, die schöne Landschaft, unsere Schweizer Musik und das Essen – Dinge, die mir früher nie wichtig waren. Wie oft dachte ich sonntags: «Jetzt hätte ich gerne Mamas Rösti mit Speck und Spiegelei.»

Jason Brügger über das Aufgeben: «Ich wollte alles hinter mir lassen, einfach aufgeben. Ich sehnte mich nach meinem Zuhause, nach meiner gewohnten Umgebung, nach meinen Menschen, die ich kannte und die ich liebte.»
Bild: zVg

Zu meinem Sonntagsprogramm gehörte auch das Waschen, wozu alle Kleider in eine Tasche gepackt und zur öffentlichen Wäscherei getragen wurden. Und dies auch im Winter bei minus 40 Grad. Das dauerte jeweils drei Stunden – Woche für Woche. Ich durfte nicht daran denken, was meine Familie und Freunde an diesen Tagen daheim machten. Wie sie sich in unserem Lieblingslokal trafen, lachten, witzelten und das Leben lebten, das ich früher auch mitgelebt hatte. Wenigstens konnte ich meinem Heimweh entweichen, war immerhin durch das Rotieren der Waschtrommel und hin und wieder durch ein freundliches Wort mit jemandem im Waschsalon abgelenkt. Das Leben in der Schweiz ging weiter – auch ohne mich. Ich war daran, meinen Traum zu verwirklichen. Auch wenn der Weg dorthin brutal war.

Mehrere Male wollte ich aufgeben. Ein einziges Mal stand ich kurz davor, einen grossen Fehler zu machen. Damals, als meine Kreditkarte aber aus unerklärlichen Gründen nicht funktionierte, während ich Hals über Kopf meinen Flug in die Schweiz buchen wollte. Ich wollte alles hinter mir lassen, einfach aufgeben. Ich sehnte mich nach meinem Zuhause, nach meiner gewohnten Umgebung, nach meinen Menschen, die ich kannte und die ich liebte. Wie ich sie vermisste!

An dem Tag, als mein Heimweh ein Ausmass angenommen hatte, das mich zu übersteigen schien, klappte es nicht mit der Buchung. Es sollte wohl nicht sein. Es durfte nicht. Irgendeine Macht schien da die Hand im Spiel zu haben, damit ich in Kanada blieb. Meine zwei einzigen Menschen, denen ich mich ausserhalb der Schule anvertraute und die mich in diesem Moment auffingen, waren ein chinesisches Ehepaar, das vis-à-vis meiner Wohnung ein «Dépanneur», einen kleinen Verkaufsstand, der 24 Stunden am Tag geöffnet hatte, betrieb. Jeden Tag nach der Schule besuchte ich sie kurz, auch wenn ich nichts einkaufte, einfach um mit ihnen reden zu können. Ich blieb also. Ich zog es durch – trotz allem.

Schlimmer Tiefschlag

Lange hatte ich bis dahin nur auf dem rechten Ohr Probleme gehabt, hin und wieder auch kurze Schwindelanfälle. Doch dann passierte es auch auf meinem linken Ohr; ich bekam ebenfalls einen Tinnitus und hörte daraufhin auf beiden Ohren schlecht. Und damit verstärkten sich auch die extremen Schwindelanfälle. Das setzte mich körperlich und psychisch enorm unter Druck. Wie sollte ich damit umgehen? Diese Schwindel konnten zu jeder Zeit auftreten. Ziemlich unpassend und gefährlich in meinem Job. Ich fürchtete gar, aufgeben zu müssen. Lange verheimlichte ich meine körperlichen Probleme vor meinen Trainerinnen und Trainern, doch irgendwann ging das nicht mehr.

Es überfiel mich ein Schwindelanfall, ging es mir nicht gut. Wenn ich so eine Attacke hatte, fühlte ich mich in meinem eigenen Körper nicht mehr sicher. Es wurde mir schwindelig, ich konnte nicht mehr stehen, musste mich rasch auf den Boden setzen oder noch besser legen, sonst hätte es mich irgendwo hingeschleudert, wodurch ich mich unkontrolliert hätte verletzen können, und es wurde mir von einer Sekunde auf die andere übel. In diesen Momenten war ich wie ein kleines Kind, weinte, weil ich Angst hatte, meinen Körper nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Er entglitt mir. Mir, der tagtäglich damit arbeitete – mein Körper war mein Arbeitsinstrument. Und er sollte es auch bleiben!

Ich war in diesen Momenten am Boden – wortwörtlich. Nicht nur körperlich, sondern auch psychisch. Ich war ein Häufchen Elend, brauchte enorm viel Kraft und Energie, um mich hochzukämpfen, nur um wieder aufzustehen. Es war ein Riesenstress für den Körper und auch für die Psyche, weil ich jederzeit und zu den unpassendsten Momenten damit rechnen musste, von diesen Schwindelanfällen heimgesucht zu werden. Dazu kam noch dieser nervende Tinnitus. Ein Tinnitus ist ein Symptom, bei dem der Betroffene Geräusche wahrnimmt, in meinem Fall ist es ein konstantes, sehr lautes und hohes Pfeifen, wie wenn ein Schiedsrichter direkt neben meinem Ohr in seine Trillerpfeife pfeift. Dies macht mich manchmal fast wahnsinnig. Es kann einem das Leben ruinieren, oder man lernt, damit umzugehen. Ich entschied mich für Letzteres.

Jason Brügger über seine Krankheit: «Diese Schwindel konnten zu jeder Zeit auftreten. Ziemlich unpassend und gefährlich in meinem Job.»
Bild: Oscar Alessio/Circus Knie

Kam wieder ein Schwindel auf mich zu, musste ich mich teilweise auf allen Vieren fortbewegen. Und da ich ganz auf mich allein gestellt war, gab es da auch keine Mutter, keinen Liebsten oder keine beste Freundin, die mich umsorgt hätten. Da war niemand für mich. Ich war allein – mutterseelenalleine in einer fast Zwei-Millionen-Stadt. Ich weiss seit damals, was dieses Wort wirklich bedeutet. Um weitermachen zu wollen, musste ich selber wieder aufstehen. Und vielleicht war genau dies das Gute. Vielleicht hätte die Krankheit gewonnen, wäre jemand für mich da gewesen.

Die Ärzte in Kanada und meine Schuldirektorin rieten mir, die Ausbildung zum Artisten abzubrechen, da dies mit solch einer Diagnose viel zu gefährlich sei. Die Gesundheit gehe immer vor. Doch ich hatte schon so viel Schweiss und unzählige Tränen in meinen Traum investiert und wollte ihn mit aller Kraft umsetzen. Ihn nun wegen dieser Schwindelanfälle aufzugeben, war keine Option für mich. Manchmal hasste ich mich dafür, einen so starken Ehrgeiz zu haben. Es wäre doch so viel einfacher gewesen, aufzugeben, aber etwas in mir liess dies einfach nicht zu. So musste ich lernen, damit umzugehen. Ob ich das aber wirklich schaffen würde?

Schlaflose Nächte

Und immer wieder lag ich nachts wach im Bett, zerbrach mir den Kopf über meine Zukunft. Eigentlich durfte ich mich über mein Leben doch gar nicht beschweren, denn trotz der Schwindelanfälle fand ich immer wieder einen Weg, weiter zu trainieren. Warum überkamen mich dann plötzlich solche Ängste, die mich nicht schlafen liessen? Es gab so viele Menschen auf dieser Welt, die wirklich grosse Probleme hatten, und ich wälzte und drehte mich in meiner eigenen kleinen Welt. Manchmal aus dem puren Respekt vor dem Leben. Dem Leben, das mir so viele Möglich keiten bot, dass es mich manchmal fast überforderte.

In schlaflosen Nächten wie diesen ging ich dann meistens raus auf meinen kleinen Balkon, direkt am Highway. Ich setzte mich auf meinen halb morschen Klappstuhl und schaute den Mond und die Sterne an, dachte dabei an meine Lieben zuhause und fragte mich: Schaut ihr manchmal auch in den Sternenhimmel und denkt dabei an mich?

Und dann gab es Momente, in denen mir tief bewusst wurde, dass ich einfach nur glücklich und dankbar sein sollte, und dieses Glück lag zu einem grossen Teil in meinen Händen und in meiner Einstellung dieser Krankheit gegenüber. Und irgendwann kam die Erkenntnis, dass die Ängste mir zeigen wollten, dass ich auf dem genau richtigen Weg bin. Gleichgültigkeit ist wahrscheinlich eher ein Zeichen dafür, auf dem falschen Weg zu sein. Verliere also nicht den Mut, wenn dich deine Ängste plagen. Erkenne sie und trete Schritt für Schritt gegen sie an. Dies half mir enorm auf meinem weiteren Weg.

Wenn die Zeit zum Heilen fehlt

In den Nächten, die mich nicht schlafen liessen, hätte ich oft am liebsten aufgegeben. Meine Ausbildung, meinen Aufenthalt an der Zirkusschule und mich selbst. Da war mein Körper, der schmerzte, und meine Seele, die weinte. Die Angst und mein Alleinsein. Ich hatte Entzündungen in meinen Muskeln, ganz besonders der rechte Oberarm war stark entzündet, und da waren enorme Gelenkschmerzen durch die ständige Überbeanspruchung.

Inzwischen schluckte ich jeden Tag Schmerztabletten vor dem Training, um es nur irgendwie durchstehen zu können. All das gehörte einfach auch dazu. Als Artist hat man eigentlich immer irgendwo Schmerzen. Vieles sieht bei den anderen Menschen oft so einfach aus, was dahintersteckt, mag man sich gar nicht vorstellen. Wir wissen es nicht, weil wir nur die Menschen von aussen betrachten. Um in sie hineinzublicken, benötigt es Zeit. Zeit, die uns heutigen Menschen oft fehlt oder die wir für Unnötigeres einsetzen.

Ungerne denke ich an meine schmerzenden Schultern, die mich damals in Kanada nachts stundenlang wachhielten. Da konnte ich nur auf der einen Seite schlafen, und kaum eingeschlafen, erwachte ich ständig wieder. Damit begann der Teufelskreislauf: Wenn du zu wenig Schlaf bekommst, wirst du unkonzentriert, musst dadurch noch mehr trainieren, die Schmerzen verstärken sich und du schläfst noch schlechter. Eine schlimme Abwärtsspirale, die du irgendwie durchbrechen musst.

Die Strapatenbänder schürften meine Haut auf, ich hatte Verbrennungen an den Armen, aber auch das gehört dazu. Und irgendwie war ich ja auch stolz darauf, weil ich mir dadurch selbst bewies, dass ich doch nicht so sensibel bin, wie alle immer behauptet hatten. Ein paar Stunden über Nacht konnten die Wunden ein wenig heilen, doch am nächsten Tag begann alles wieder von vorne. Die Zeit zum Heilen fehlte. Inzwischen hatte ich gelernt, gut zu mir zu schauen, mich seriös auf das Training vorzubereiten und auch den allfälligen Schmerzen vorzubeugen. Schmerztabletten, Salbe und Eisbeutel waren zu dieser Zeit meine besten Freunde.

Jason Brügger über Schmerzen: «Sie gehören nun mal dazu und ich bin überzeugt, es ist viel ungesünder, seinen Körper überhaupt nicht zu beanspruchen.»
Bild: zVg

Wenn ich nachts dann so halbdämmrig im Bett lag und mir die Frage stellte «Wie wird meine Zukunft aussehen?», wusste ich selbst keine Antwort darauf. Ich war auf dem Weg und würde da hingeführt werden, wo ich hingehörte. Aufgeben war, wenn ich es mir recht überlegte, keine Option für mich. Schon gar nicht der Schmerzen wegen. Die Schmerzen gehörten nun mal dazu und ich bin überzeugt, es ist viel ungesünder, seinen Körper überhaupt nicht zu beanspruchen.

Was würde meine Zukunft sein? Es ginge mir schlechter, wenn ich nichts machen würde. Es waren meist oberflächliche und vorübergehende Schmerzen. Es ist ungesünder, gar nichts zu tun, als so etwas Krasses, wie ich es halt betrieb.

Das Gehörlosenzentrum von nebenan

Neben der Zirkusschule war ein Zentrum für Gehörlose – auch das noch! Ich konnte fast nicht hinsehen, als sie mit ihren Händen miteinander sprachen. Nein, ich wollte das einfach nicht sehen. Aus der puren Angst heraus, dass ich bald auch nur noch durch die Gebärdensprache würde kommunizieren können. Ich möchte die Vögel zwitschern hören, Musik hören, kommunizieren mit anderen Menschen und Tieren. Kontakt aufnehmen mit anderen Menschen, ohne als Außenseiter angeschaut zu werden. Nein, das wollte ich nie mehr.

Ich wurde quasi mit meiner Angst konfrontiert. Und dies täglich. Und wieder krochen diese Angstgefühle von früher in mir hoch. All dies, weil dieses Gehörlosenzentrum direkt neben der Zirkusschule lag. Im Bus, im Café, überall, es war schwierig, aber ich konnte die Menschen fast nicht ertragen – weil ich eine derart grosse Angst in mir trug, dereinst wie sie kommunizieren zu müssen, von der Welt abgeschnitten zu werden – ohne Gehör, völlig taub. Ich litt grausam und alles drehte sich in mir. Es gab Zeiten, da wusste ich nicht mehr, wo sich oben und unten befand.

Diagnose: Morbus Menière

Meine Krankheit zwang mich, kurz vor den Abschlussprüfungen notfallmässig zurück in die Schweiz zu fliegen. Dr. Kaspar Strub gab meiner Krankheit endlich einen Namen: Morbus Menière. Es handelt sich dabei um eine Erkrankung des Innenohres, gekennzeichnet eben durch diese Anfälle und Schwindel, wie auch die Phantomgeräusche, bekannt als Tinnitus oder Ohrensausen. Treten diese drei Symptome gemeinsam auf, spricht man von der Menièrschen Trias. Ausserdem geht die Krankheit mit einem Hörverlust einher.

Die Ursachen sind nicht bekannt. Wohl gibt es einige Behandlungsmethoden, die den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen können, die aber kontrovers beurteilt werden. Die Erkrankung tritt eher zwischen dem 40. und 60. Lebensjahr auf und eher bei Frauen als bei Männern. Ich passte so gar nicht in dieses Krankheitsbild, und doch waren sich die Ärzte sicher, dass ich genau von diesem Morbus Menière betroffen war.

Nach der Diagnose sagte der Arzt zu mir: «Gib ja nicht auf. Wenn du jetzt aufgibst, gewinnt die Krankheit und du wirst vermutlich kein normales Leben mehr führen können. Du wirst immer wieder solche Attacken haben, aber du wirst lernen, damit umzugehen. Vertrau dir, Jason, du kannst das. Du hast schon so viel erreicht mit deinem Training und nun musst du dein körperliches Gleichgewicht schulen. Du kannst das, glaub an dich.»

Dr. Strub verdanke ich viel. Vielleicht hätte ich ohne ihn und seine sich in meinem Kopf einprägenden Worte sogar tatsächlich aufgegeben. Er war es, der mir den nötigen Mut zu sprach und mir versicherte, tatsächlich mit der Krankheit leben und in meinem Beruf arbeiten zu können. Die Menière-Anfälle würden schubweise auftreten, zwischen den einzelnen Anfällen könnten aber gar mehrere Jahre ohne Beschwerden liegen. Ich musste mich einem kleinen Eingriff unterziehen, wobei ich Röhrchen ins Trommelfell eingesetzt bekam. Mit der Diagnose «Du wirst dein Leben lang mit Schwindelanfällen zu kämpfen haben und kannst das komplette Gehör verlieren» flog ich zurück nach Kanada. Niederschmetternd.

Aufgeben ist keine Option

Die ersten Monate mit dieser Diagnose waren schwierig. Vor allem, weil ich es zurück in Kanada wieder alleine schaffen musste. Ich musste es mir und allen anderen beweisen. Und immer stellte ich mir die Fragen: «Warum nur habe ich so einen schwierigen Weg? Warum? Warum kann ich nicht wie andere Artisten diese Schule durchlaufen, lernen und gesund abschliessen? Warum muss mir, einem jungen Menschen, mein eigener Körper einen Strich durch die Rechnung machen?» Es waren endlose Nächte, in denen ich mir diese Fragen stellte und keine Antwort darauf bekam. Ich zweifelte gar, den falschen Traum zu verfolgen.

Die meisten Menschen können mit der Diagnose Morbus Menière nicht mehr arbeiten, viele bekommen Depressionen, weil sie ständig Angst haben vor diesen Schwindelanfällen. Und ich war also wieder auf mich gestellt in der Ferne und musste alleine damit umgehen. «Sollte ich aufgeben? Was hatte dieser Abschluss für mich noch für eine Bedeutung? Wieso ich? Warum kann ich nicht unbeschwert sein? Warum kann mein Körper nicht funktionieren wie bei den anderen?» Ich litt. Ich war wütend.

Es war gar so schlimm, dass man mich zu meiner eigenen Sicherheit aus der Zirkusschule werfen wollte – eigentlich verständlich. Sie hatten Angst um mich, konnten es kaum mehr riskieren, mich ungesichert auf 10 bis 15 Metern Höhe an meine Strapaten zu lassen. Was, wenn etwas passierte? Und mit welchen Konsequenzen hätte die Schule zu rechnen? Alle waren sie sich eigentlich einig: «Das schafft Jason mit dieser Diagnose nie!»

Doch ich lernte, mit meiner Krankheit umzugehen. Vielleicht weil ich es schaffte, sie zu überlisten. Inzwischen kontrolliert sie mich längst nicht mehr. Sie ist wohl noch da und ich muss jederzeit mit einem Schwindelanfall rechnen. Aber ich habe sie im Griff, nicht umgekehrt, und ich weiss, wie ich reagieren muss. Inzwischen kann ich gut damit umgehen – weil ich die Krankheit akzeptiert habe, so nach dem Motto: «Was dich nicht umhaut, macht dich stark!» Dies zu lernen, machte mich wiederum stärker. Dass mich genau diese Schwäche stärkte, wird mir auch erst heute bewusst. Viele hätten wahrscheinlich in dieser Situation aufgehört. Ich konnte nicht. Ich konnte einfach nicht aufgeben, obwohl ich mehrmals auch kurz davor war. Aber da war mein innerer Antrieb, diese Stimme in mir, die mir dann jeweils leise zuflüsterte: «Jason, mach weiter. Du musst es schaffen. Folge deinem Traum!»

Der Traum wird wahr

Ja, meinem Traum sollte ich näherkommen: Im Frühling 2015 standen die Abschlussprüfungen an. Frühling in Kanada bedeutet: Der ganze Schnee, welcher sich über die Wintermonate ansammelt, schmilzt langsam dahin. Die öde Schneedecke wird endlich wieder von Farben abgelöst und irgendwie fühlte ich mich genauso. Am Tag der Prüfung war ich sehr nervös. Ich wusste, heute würde sich meine Zukunft entscheiden. Die wichtigsten Leute aus der Zirkusindustrie waren da, wie auch eine Jury, die uns Artistinnen und Artisten bewertete. Nach dem praktischen Teil folgte der theoretische, denn nach Vollendung der Zirkusausbildung hat man einen offiziellen Collegeabschluss in der Tasche.

In Kanada gab es dafür zwei Programme: eines für die Ausländer in englischer Sprache und eines für die französisch sprechenden Kanadier. Da ich aus der Schweiz war, hatten sie mich automatisch in die französisch sprechende Klasse eingeteilt – obwohl ja meine Muttersprache gar nicht Französisch ist. Zu ehrgeizig, um dies zu ändern, hatte ich mich aber auch dieser Herausforderung gestellt und neben dem Training einfach Tag und Nacht gebüffelt, um die französische Literatur wenigstens ansatzweise zu verstehen. So musste ich schlussendlich alle Fächer in Französisch abschliessen, um die Noten zu bringen und die Prüfung zu bestehen. Ein Abschluss an der Artistenschule ist also nicht bloßes «Rumturnen» an den Strapaten.

Jason Brügger über seine Abschlussprüfung: «Ich bestand sie mit Auszeichnung. Seither denke ich immer wieder: 'Sei mutig und fang dir deine Träume!'»
Bild: zVg

Meine Abschlussnummer dauerte acht Minuten. Lange und eingehend hatte ich nach dem passenden Song gesucht und ihn bei «Ashes and Snow» von Gregory Colbert gefunden. Seine Dokumentationen über die Verbindungen von Mensch und Tier hatten mich schon lange fasziniert. Colbert bringt darin auf eindrückliche Weise Mensch und Tier in der Wildnis zusammen, dokumentiert dies und untermalt es mit eben diesem Song. Dieser passte genau zu mir und so hatte ich mich für ihn entschieden. Genau zu seiner Musik wollte ich selbst etwas zeigen und mit den Menschen meine Emotionen teilen. Ich spielte die Geschichte einer verlorenen Seele, die leicht und anmutig wie eine Feder im Wind tanzte.

Und ich bestand meine Abschlussprüfung mit Auszeichnung. Seither denke ich immer wieder: «Sei mutig und fang dir deine Träume!»

Kurz darauf brach ich meine Zelte in Kanada ab, packte meine wenigen Siebensachen und meine Strapaten ein und flog heim. Ein unglaubliches Gefühl, endlich nach Hause fliegen zu dürfen. Als anerkannter Zirkusartist der renommierten Zirkusschule «École nationale de cirque de Montréal». In Kanada ist dies ein sehr angesehener Beruf. In der Schweiz wurde ich hin und wieder belächelt – das verletzte mich aber nicht, man kennt es nicht besser. 

Buchhinweis: «Traumfänger. Ein Leben zwischen Höhen und Tiefen», Jason Brügger, Cameo Verlag, ISBN 978-3-906-287-48-5, ca. 26.90 Fr.

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