Photoshop? Es lebe das alte Handwerk

Barbara Schmutz (Text), Nicolai Morawitz (Video und Fotos)

6.3.2019 - 12:22

Fotoretuscheurin:  «Auch schon angefragt worden, ob wir Ausweise fälschen»

Fotoretuscheurin: «Auch schon angefragt worden, ob wir Ausweise fälschen»

Nadine Reding hilft Archiven, Museen und Privaten dabei, dass ihre Fotoschätze erhalten bleiben. Ursprünglich hatte sie als eine der letzten Schweizerinnen den Beruf der Retuscheuren gelernt.

05.03.2019

Nadine Reding restauriert Schätze aus der Vergangenheit – Fotos, die in Archiven und Museen lagern. Bei ihrer Arbeit kommt ihr das Handwerk zugute, das sie in ihrer ersten Ausbildung gelernt hat. Als letzte der Schweiz hat die 43-Jährige eine Lehre als Fotoretuscheurin gemacht.

Nadine Redings Atelier an der Berner Schwarzenburgstrasse hat mehr als einen Raum. In ihrem Bürozimmer, eingerichtet mit Sofa, Salontisch und Kaffeemaschine, empfängt sie ihre Kundschaft.

In der Dunkelkammer wässert sie Fotonegative und -abzüge. In der lichtdurchfluteten Werkstatt restauriert sie Fotos. Hier sind schwere, massive Möbel platziert. Tiefe Kommoden mit schmalen Schubladen, in denen Papiere, Folien, Kartons lagern.

Geräte aus dem Fundus einer Buchbinderei – eine 400 Kilogramm schwere, gusseiserne Pappschere und zwei Buchbinderpressen, beides ebenfalls keine Leichtgewichte. Arbeitstische, die bis auf wenige ausgebreitete Fotografien, leergeräumt sind. In einem raumhohen Schrank sind Schachteln verstaut, gefüllt mit Fotoabzügen, Glasnegativen, Schwarzweiss- und Farbnegativen, sie alle dokumentieren Schäden, die Fotos erlitten haben oder Retuschen, die einst gemacht wurden.

Sie blickt aufs Bild und machmal auch in Lebensgeschichten: Nadine Reding.
Bild: Bluewin/mn

In anderen Schränken, auf anderen Gestellen, stapeln sich Malkästen, liegen Farbtuben und Plastiksäckchen mit Fotoecken, stehen Flaschen und Fläschchen gefüllt mit Chemikalien. Die 43-Jährige ist selbständige Fotorestauratorin, gelernt hat sie Retuscheurin, als letzte der Schweiz. Bis kurz vor Lehrbeginn war ihr dieser Beruf völlig unbekannt.

«Wie Photoshop, aber als Handwerk»

Sie hatte Fotografin werden wollen, war als Teenager ständig mit einer, manchmal mit zwei Kameras unterwegs. Doch der Zutritt zum Fotografenstudium an der damaligen Zürcher Kunstgewerbeschule blieb ihr verwehrt, sie hatte für den Vorkurs zuwenig zeichnerisches Talent. Und auch auf der Suche nach einer Fotografen-Lehrstelle kassierte sie nur abschlägige Bescheide.

Da entdeckte sie in Zürich Thomas Regenscheits Retouche-Atelier. Sie schrieb ihm eine Bewerbung – ohne zu wissen, dass er der einzige verbliebene Ausbildner in der Schweiz war – wurde zur Schnupperlehre eingeladen und konnte wenig später, im Sommer 1993, die Lehre starten. Die Lehrabschlussprüfung vier Jahre später musste sie beim Experten zuhause machen; nebst ihrem Lehrbetrieb gab es kein Retuschieratelier mehr.

Nadine Reding ist international vernetzt – schon allein, weil es nur noch so wenige Berufsgenossen gibt.
Bild: Bluewin/mn

So ätzte sie im Badezimmer der Zollikerberg-Wohnung unter anderem Glasnegative und bekam vom Experten aufgetragen, abends bevor sie ging, ihre Werke abzudecken, «wägem Büsi», sagte er. Die Hauskatze sollte auf den Prüfungsarbeiten keine Spuren hinterlassen.

«Wie Photoshop, aber als Handwerk und nicht als Computerprogramm», müsse man die Arbeit der Retuscheurin verstehen, sagt Nadine Reding. Sie lernte, aus guten Fotos bessere zu machen, verpasste einer Maschine den Glanz, der auf dem Bild nicht zu sehen war, strichelte für einen Modekatalog die Nähte eines Herrenanzugs nach.

Ihr Lehrmeister zeigte ihr, wie man Folien auf Fotos so schneidet, dass die Bilder nicht kaputt gehen, er führte sie in die Technik der manuellen Fotomontage ein – Sujets ausschneiden, mit Klebstoff zusammenfügen, die Übergänge mit Airbrushen unsichtbar machen. Und er lehrte sie genau hinzuschauen. Jeden Mittag schickte er sie auf einen einstündigen Bummel durch die Stadt: Sie sollte Objekte betrachten und Perspektiven studieren.

Akribisch und detailverliebt, effizient und entschieden ist Nadine Reding bei der Arbeit.
Bild: Bluewin/mn

Die Lehrjahre gerieten zur Berg- und Talfahrt. Nach dem ersten Lehrjahr schwanden die Retuschieraufträge, Reding musste entscheiden, ob sie die Lehre fortführen oder zu den Lithografenstiften wechseln wollte. Sie hielt an der begonnenen Ausbildung fest – und bekam ein Jahr später zu hören, die Lehre werde es nach ihrem Abschluss nicht mehr geben und sie danach kaum Arbeit finden.

«Den ganzen Tag mit Fotos beschäftigen»

Doch auch diesmal liess sie sich nicht beirren. «Die Ausbildung war goldrichtig für mich», sagt sie.  Der Zufall hatte sie zu ihrem Lehrberuf geführt, der Zufall sollte ihr auch die Zukunft weisen.

Ein historisches Foto, das für eine Retusche auf ihrem Arbeitstisch lag, zündete den Funken: Sie erinnerte sich an einen Artikel, den sie zuhause im damaligen «Meyers Modeblatt» gelesen hatte, er beschrieb den Beruf der Fotorestauratorin. Sie beschloss, diesen Weg weiterzuverfolgen.

Kein Mausklick, sondern ein Pinselstrich ist gefragt.
Bild: Bluewin/mn

Sie absolvierte ein Vorpraktikum im Zürcher Staatsarchiv und begann danach an der Berner Fachhochschule das Studium zur Fotorestauratorin.

Während der vorlesungsfreien Zeit reiste sie nach Wien ans Institut für Papierrestaurierung, wo sie ein Fotorestaurator in sein Handwerk einführte; und in die USA nach Rochester, wo sie bei Kodak, an einer der Quellen der Fotografie, viel neues Wissen tanken und so das Grundgerüst für ihren Zweitberuf vermittelt bekam.

Schöne Schadensbegrenzung

Heute arbeitet sie für Archive, für Museen und für Private. Letztere bringen ihr oft Einzelbilder, Erinnerungsstücke, die zerkratzt sind oder etwa einen Wasserschaden erlitten haben. So wie die Sammlung von über dreihundert Bildern, die sie im vergangenen Jahr restaurierte. «Die Arbeit wurde richtig schön», sagt sie, «alle Bilder waren danach wieder plan, Buchbinderpresse sei Dank.»

Wie neu aber hätten sie nicht ausgesehen. Das sei nicht ihr Job, Bilder so wirken zu lassen, als seien sie eben gemacht worden, schon gar nicht solche, die vor Jahrzehnten geschossen wurden. «Ich versuche, den Schaden nahezu unsichtbar zu machen.»

Reding mit Unterlagen aus ihrer Ausbildungszeit.
Bild: Bluewin/mn

Als sie der Besucherin von ihrem Job erzählt, parkiert ein Lastwagen aus dem Bündnerland vor ihrem Atelier; die beiden Chauffeure tragen Kartons gefüllt mit Glasnegativen in den ersten Stock. Rund 2500 Glasplatten aus dem Staatsarchiv Graubünden wird Nadine Reding in den nächsten Monaten bearbeiten.

Sie wird sie reinigen, auf Schäden überprüfen, allfällige Glasbrüche restaurieren und die Platten dann in Konservierungsmaterial verpacken, das anders als gewöhnliches Papier, auch nach Jahrzehnten nicht brüchig wird. «Viel Arbeit, aber ich freue mich darauf.» Über manche der Platten wird sie lediglich mit einem Pinsel wischen, andere wird sie mit Wasser oder Chemikalien behandeln müssen, damit sie wieder sauber werden.

Swissair und Arktis

Sollte sie auf dem einen oder anderen der Schwarzweissnegative rote Farbe entdecken, weiss sie: Das ist eine Retusche. Mit der Farbe wurde eine Überbelichtung aufgehellt. «Rot lässt nur wenig Licht durch.»

Auf dem Rundgang durch ihr Atelier öffnet Reding Schublade um Schublade, holt Negativ um Negativ hervor, und präsentiert eine Daguerreotypie ihrer beiden Söhne. Fotografiert mit einem Verfahren, das im 19. Jahrhundert vom französischen Maler Louis Jacques Mandé Daguerre erfunden wurde, erscheinen die Gesichter der beiden Buben, festgehalten auf einer polierten Metalloberfläche, mal negativ, mal positiv. Je nachdem, wie sich das Licht auf dem Metall spiegelt.

Schwarze Tage, goldene Zeiten — alles festgehalten auf Fotografien. 
Bild: Bluewin/mn

«Mein Beruf ist mehr als ein Beruf, er ist eine Leidenschaft«, sagt sie. Unter anderem weil sie stundenlang in Archiven stöbern kann und bei manchen Arbeiten Zeitreisen besschert bekommt. Etwa als sie für die Swissair Bilder des Piloten, Fotografen und Swissair-Mitgründers Walter Mittelholzer restaurierte. Oder als sie für die ETH-Bibliothek Fotografien des Arktisforschers Alfred de Quervain sichtete.

«Dann besorge ich mir Lektüre oder mache Recherchen im Internet. Ich will wissen, wer diese Leute waren und was sie umtrieb. So bekomme ich immer wieder von neuem quasi auf dem Silbertablett Wissen präsentiert.»

Serie «Die Letzten ihrer Art»

Nicht nur Sprachen, Kantone und Landschaften sorgen für die Vielfalt der Schweiz – es sind auch Berufe, Orte und Traditionen. Einige von ihnen könnten bald verschwunden sein. «Bluewin» sucht deshalb die «Letzten ihrer Art». Die Portraits erscheinen in regelmässiger Abfolge. Im Tessin haben wir bereits einen Buchhändler getroffen, der ohne Internet auskommt, sind in Appenzell bei einer der letzten Zinngiesserinnen in der Werkstatt gewesen, und wir haben den Berner Erich Baumann gefragt, warum er immer noch Schirme flickt.

Bilder des Tages

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