Nur in Grindelwald: So wird ein «Velogemel» gebaut

Nicolai Morawitz

8.2.2019 - 14:02

Velogemelbau: «Es ist eine Herzensangelegenheit»

Velogemelbau: «Es ist eine Herzensangelegenheit»

Seine erste Begegnung mit dem Velogemel endete mit wunden Fingern. Heute ist es mehr Leidenschaft als Leiden, wenn Schreiner Markus Almer den Fahrradschlitten in seiner Werkstatt bei Grindelwald anfertigt.

02.01.2020

Anfang des letzten Jahrhunderts vertrauten die Menschen in Grindelwald auf einen Veloschlitten, um die Post oder Brot auszuliefern. Diese Zeiten sind längst vorbei – doch produziert wird der «Velogemel» immer noch. «Bluewin» hat den einzigen Hersteller besucht.

Beim Berner Patentamt mochten sie an einen Scherz geglaubt haben, als Christian Bühlmann am 1. April 1911 sein Patent anmeldete. Der Zimmermann hatte einen 'veloähnlichen Holzschlitten' entwickelt, um sich das Leben zu erleichtern – der Velogemel war geboren. Denn mit einem einfachen Schlitten konnte und wollte sich der an Kinderlähmung erkrankte Schreiner nicht zufrieden geben.

Am Velogemel zu feilen, bedeutet für Markus Almer auch eine kleine Flucht aus dem Alltag als Schreiner.
Bluewin/mn

Aus Eschenholz und Ahorn zimmerte er deshalb ein Schneefahrrad, um auch im Winter selbstständig kleinere Strecken zurücklegen zu können. Wenn Markus Almer mehr als hundert Jahre später über die pragmatische Bastelei des Velogemel-Erfinders spricht, huscht ihm ein kleines Lächeln über das Gesicht. Für den Schreiner aus Schwendi war der erste Kontakt mit dem Velogemel ein schmerzhafter: «Ich musste als Lehrling so viele Holzlenker schleifen, dass meine Finger wund wurden.» 

50 bis 60 Velogemel verkauft die Schreinerei pro Jahr zu einem Stückpreis von 600 Franken.
Bluewin/mn

Trotz dieser ersten unangenehmen Begegnung lodert seitdem eine Velogemel-Leidenschaft in der Brust des 40-Jährigen. «Wenn ich auf der Schlittelbahn einen Velogemel sehe und meine Arbeit wiedererkenne, ist das sehr speziell.»

Das Patent für den Velogemel ist zwar abgelaufen, doch der Name noch geschützt.
Bluewin/mn

Was Allmers Wissen um den Velogemel so besonders macht: Selbst in der Schreinerei mit 30 Mitarbeitern sind nur noch drei Personen mit dem Schneefahrrad «aufgewachsen», wie der Schreiner sagt. Denn das Geld wird anderswo und nicht mit dem Velogemel verdient: «Wenn wir es nur gewinnorientiert anschauen würden, müssten wir es sein lassen.»

Almer baut einen Velogemel aus elf Einzelteilen zusammen.
Bluewin/mn

Der Velogemel hat sich längst von einem Alltagsgehilfen zu einem Freizeitsportgerät gewandelt. Seit Ende der 1990er Jahre wird sogar eine Weltmeisterschaft der Velogemelfahrer in Grindelwald organisiert. «Bluewin» hat mit dem amtierenden Weltmeister gesprochen und ihn kurz vor dem Wettkampf beim Training begleitet.

Serie «Die Letzten ihrer Art»

Nicht nur Sprachen, Kantone und Landschaften sorgen für die Vielfalt der Schweiz – es sind auch Berufe, Orte und Traditionen. Einige von ihnen könnten bald verschwunden sein. «Bluewin» hat deshalb die «Letzten ihrer Art» gesucht. Oben in der Seitenleiste finden Sie eine Auswahl der übrigen Beiträge.

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