Milena Moser: «Ich bin nicht einsam, ich bin fernsehsüchtig»

10.9.2018 - 00:00, Bruno Bötschi

Milena Moser über Veränderungen: «Der Mensch kann vielleicht das Innerste seiner Seele nicht verändern, aber sein Verhalten ganz sicher. Und das bedeutet Freiheit.»
Bild: Nina Wright

Milena Moser ist eine der erfolgreichsten Schweizer Schriftstellerinnen. Seit drei Jahren lebt sie in den USA. Sie erzählt von ihren Süchten, verrät, wie viele Romane sie für den Kübel geschrieben hat und spricht über die Liebe in der zweiten Lebenshälfte.

Restaurant Cosmos in Zürich, kurz nach 10 Uhr früh. Milena Moser ist gut gelaunt, sehr sogar. Hatte das Feuilleton ihre Romane bisher stiefmütterlich behandelt, so ist es diesmal anders. Ihr neuer Roman «Land der Söhne», der vor wenigen Tagen erschienen ist, kommt an – nicht nur bei der Leserschaft, auch bei den Kritikern.

Moser lacht. Man kennt sich. Der Journalist hat die Schriftstellerin in den letzten zehn Jahren öfters interviewt, mehrfach über sie geschrieben. Er entschuldigt sich vorab: Die gemeinen Fragen, die gleich gestellt würden, könnten durchaus mit einem «Weiter» beantwortet werden, bietet er seiner Gesprächspartnerin an.

Bluewin: Frau Moser, ich stelle Ihnen in den nächsten 30 Minuten möglichst viele Fragen. Und Sie antworten möglichst kurz, schnell.

Milena Moser: Oh, möglichst schnell denken vor dem ersten Kafi …, hoffentlich schaffe ich das.

Bleistift, Schreibmaschine oder Computer?

Bleistift, danach Computer. Ich bin eine Bleistift-Fanatikerin, erste Ideen schreibe ich ausschliesslich mit dem Modell «Faber Grip mit Radiergummi» auf. Die Mine muss total hart sein, damit die Schrift fast durchsichtig ist. So kann ich mich selber austricksen, weil man den Text fast nicht sieht auf dem Blatt Papier und ich die Möglichkeit habe, ihn sofort auszuradieren.

Buch oder E-Book?

Ich bin gelernte Buchhändlerin – come on!

Raclette oder Hamburger?

Hamburger. Die Sache mit dem geschmolzenen Käse habe ich noch nie verstanden.

Mit oder ohne Pommes?

Mit.

Konnten Sie schon lesen und schreiben, bevor Sie in die 1. Klasse gingen?

Zumindest bildete ich mir das ein. Ob ich es wirklich konnte, weiss ich nicht. Meine Mutter hat mir erzählt, ich hätte sie im Alter von drei Jahren gefragt, wie man «Preiselbeeri» buchstabieren würde, weil ich eine Beeren-Geschichte schreiben wollte. Ich hätte dann aber nur Kringel auf das Papier gemalt.

Man kann jetzt schon sagen: Sie ist wach – und das doch vor dem ersten Kafi.

Streberin – ja oder nein?

Ich wäre gerne eine Streberin, aber es mangelt oft an der Disziplin.

Ihre erste Leinwandliebe?

Gérard Depardieu.

Schrieben Sie gute oder sehr gute Aufsätze?

Ich fand immer, ich hätte supergute Aufsätze geschrieben, meine Lehrer kommentierten meine Arbeiten hingegen meistens mit: «Zu viel Fantasie.» Oder mit: «Am Thema vorbei.»

Wirklich wahr, dass Sie mit 13 im Zürcher «Tages-Anzeiger» Ihren ersten Text publiziert haben?

Ja. Es gab eine Beilage, die «Extrablatt der Jungen» hiess. Oder so ähnlich. Einmal gab es darin einen Aufruf, man solle selbstgeschriebene Gedichte einschicken. Als ich bereits wusste, dass mein Gedicht publiziert würde, fragte ich ganz kokett meinen Vater, ob ich Chancen hätte, dass ein Gedicht von mir publiziert würde? Er sagte: «Schreiben ist schön, aber es ist sehr schwierig, veröffentlicht zu werden.» Jahre später musste ich dann erfahren, dass mein Vater doch recht hatte.

Traumberuf Schriftstellerin?

Immer.

Sie sind einmal so zitiert worden: Hingabe und Gefühlswelten seien bei Ihren Eltern wenig gefragt gewesen …

What? An diese Aussage kann ich mich nicht erinnern.

Erschufen Sie beim Dichten Ihre eigene Fantasiewelt?

Auf jeden Fall war es ein Fluchtmechanismus. Für mich funktioniert das Schreiben bis heute so: Sobald ich damit beginne, öffnet sich eine Türe, und ich trete in eine andere Welt hinein.

Eine Ihrer Freundinnen sagt in Ihrem Buch: «Das Glück sieht immer anders aus», das Schreiben sei Heilung. Gilt das auch für Sie?

In meinem Fall ist das Schreiben eher Prävention.

Auf einer Skala von 1 bis 10, wie glücklich sind Sie im Moment?

11.

Die Antwort kommt wie aus der Kanone geschossen.

Mit welchem Text haben Sie – gemessen an seiner Länge – bisher am meisten Geld verdient?

Keine Ahnung.

Woran liegt es, dass die meisten Menschen Reichtum nicht glücklich macht?

Weil Reichtum nicht glücklich macht.

Sie prustet vor Lachen.

Geld ist nur Mittel zum Zweck. Ich kenne nur eine Person, die gleichzeitig reich und glücklich ist, eben weil sie ihr Geld mehrheitlich für andere Menschen ausgibt. Ich glaube, glücklich ist, wer in eine Gemeinschaft eingebunden ist, glücklich ist, wer etwas mit anderen Menschen zusammen unternehmen kann – da kann Geld natürlich sehr hilfreich sein. 

Welche Ihrer Fantasien hat sich zur literarischen Verwendung zuletzt als unbrauchbar herausgestellt?

Bei mir funktioniert das nicht so. Meine Phantasie beginnt während des Schreibens. Und weil sie erst dann beginnt, führt sie immer irgendwohin. 

Milena Moser über das Schreiben: «Ich habe früher so schnell geschrieben, weil ich daneben noch so viel anderes gemacht habe. Ich hatte einen anderen Lebensrhythmus.»
Bild: Keystone

Wie viele Romane haben Sie bisher für den Kübel geschrieben?

Fünf. Oder viereinhalb. Meine ersten drei Romane sind nie erschienen. Später habe ich einen Roman geschrieben, der fast fertig war, bis ich ihn doch weglegte. Und einmal habe ich eine Geschichte angefangen, bei der mir plötzlich die Figuren abhanden gekommen sind. Das passiert mir oft, dass ich noch etwas bei den Figuren bleiben will, jene aber sagen: «Sorry, wir sind fertig.»

Rein sprachlich beurteilt: vögeln oder bumsen?

Beides nicht.

Und schon schämen wir uns beide. Aber es nützt nichts, wir wollen exakt hier weitermachen – weiter über Liebe, Missbrauch und Familie reden.

Erinnern Sie sich an den Tag, an dem Sie den ersten Satz Ihres neuen Romans «Land der Söhne» geschrieben haben?

Ja. Aus Scherz besuchte ich in Santa Fe einen Workshop mit dem Titel «How to write a bestseller in a weekend». Dabei wurde die Methode der «Écriture automatique» auf die Spitze getrieben. Alle Workshop-Teilnehmer mussten zunächst zehn Minuten lang nonstop schreiben. Dann hat jeder seine Wörter gezählt und sie danach mit 6 multipliziert, dann mit 24 und am Schluss mit 2. So kamen wir auf die Anzahl der Wörter, die man ohne Innehalten innerthalb von 48 Stunden schreiben könnte. Während ich damals schrieb, sah ich plötzlich eine Landschaft vor meinem inneren Auge. Es war nicht der erste Satz meines neuen Romans, aber es war ein erstes Bild der Geschichte. Ich spürte damals irgendwie, dass da was ist. Wochen später bin ich nach Los Alamos gereist und habe dort die Schule entdeckt, die im Buch erwähnt ist.

Sie sind als Schnellschreiberin bekannt. Wieso hat es so lange gedauert, bis der Roman «Land der Söhne» erschienen ist?

Lustig – gestern Abend hat mich ein Mädchen nach einer Lesung gefragt, wie lange ich an diesem Roman geschrieben hätte. 'Drei Jahre', sagte ich. Das Mädchen antwortete: 'Wieso so lange? Konnten Sie nicht schneller schreiben?' Ich glaube, diese Geschichte brauchte ihren Platz. Ich habe früher so schnell geschrieben, weil ich daneben noch so viel anderes gemacht habe. Ich hatte einen anderen Lebensrhythmus. Aber ich wusste immer, da ist noch etwas anderes, dass passieren könnte, wenn ich mehr Zeit hätte. Ich wollte diese Geschichte langsam entwickeln.

Wer ist Ihre erste Gegenleserin, Ihr erster Gegenleser?

Meine ehemaliger Verleger Dirk Vaihinger hat die erste Fassung von «Land der Söhne» gelesen, danach mein Agent Sebastian Ritscher. Es waren also zwei Männer und explizit keine engen Freundinnen. Die lesen den Roman später auch noch, aber die erste Meinung ist von jemandem, der zwar auch nicht ganz neutral ist, aber keine enge Gefühlsverbindung zu mir hat.

Auf der Klappe Ihres neuen Buches schreiben die Verantwortlichen des Verlags Nagel & Kimche, Sie würden «eine ganz neue, erzählerische Tiefe» entfalten. Das müssen Sie erklären.

Das müssen Sie die Menschen fragen, die das geschrieben haben.

Auf der ersten Seite des Romanes steht der Satz: «Für Ka-Pie, die es mir erklärt hat.» Wer ist Ka-Pie?

Eine enge Freundin.

Und was hat sie Ihnen erklärt?

Ka-Pie hat mir die Quintessenz des Buches erklärt. Sprich: Was dir passiert, hat nicht mit dir zu tun. Es geht in meinem Roman um Missbrauch – und ob man daran zerbricht. Die Worte von Ka-Pie lege ich der Romanfigur Giò in den Mund, der sie zwei Kindern erklärt, die schlecht behandelt wurden. Giò sagt, das sei, wie wenn man Bus fahren und das Gegenüber einem über die Hose kotzen würde. Das sei zwar total unangenehm, aber es habe nichts mit einem selber zu tun. Man muss sich dafür nicht schämen. Wenn man einen Autounfall hat, schämt man sich auch nicht dafür. Aber wenn jemand vergewaltigt wird, fragen sich die meisten Opfer, ob sie das irgendwie ausgelöst haben. Ja, sie schämen sich. Die Erklärung von Ka-Pie war für mich wie eine Erleuchtung – als hätte ich einen Selbsthilfekurs besucht. Es war wie ein Moment, in dem dir eine Freundin etwas sagt und du realisiert: Wow, das ändert alles.

Die zwei Hauptfiguren im Roman sind zwei Schwule, die eine Tochter haben – ein politisches Statement?

Nein – also kein bewusstes. So wie ich lebe, ist es nichts Aussergewöhnliches. Und es passt zu San Francisco, wo ein Teil der Geschichte spielt. Der Romanfigur Giò gelingt es, anders als seinem Vater, eine innige und beständige Beziehung mit jemandem aufzubauen. Im Prinzip wäre es egal, ob das eine Frau oder ein Mann ist, in seinem Fall ist es aber ein Mann. Ich fand das interessanter, weil Giò von seinem Vater und einem Freund seines Vaters vergewaltigt worden ist. Für ihn war es deshalb schwerer, einem Mann zu vertrauen.

Es gibt immer noch viele Menschen, die Schwulen und Lesben verbieten wollen, Kinder zu haben oder sie zu adoptieren. Schrecklich, oder nicht?

Bei allem, was in sogenannten normalen Familien passiert, finde ich, sollte man eigentlich eine Prüfung ablegen, bevor man Kinder bekommen darf. Ich rede auch von mir selber. Ich war 24, als ich meinen ersten Sohn geboren habe. Ich hatte keine Ahnung, und es ist ein Wunder, dass er so gut rausgekommen ist. Damals hätte man mich auch einmal fragen müssen: Weisst du überhaupt, um was es geht? Ich glaube, die meisten Menschen, die sich bewusst entscheiden, Kinder zu haben, sind wahrscheinlich die besseren Eltern. Ach, vielleicht war das jetzt eine zu pauschale Aussage ...

Können sich Menschen ändern?

Ja.

Schöne Vorstellung, dass ein Mensch ihretwegen weint?

Ich weiss nicht, ob es schön ist. Aber es ist berührend, es ist ein Geschenk.

Lesen Sie Kritiken?

Aktuell schon. Der Verlag meldet mir immer vorab, wenn Kritiken publiziert werden. Zurzeit heisst es ständig: «Es kommt eine, die gut ist. Es kommt eine, die gut ist ...»

Für die Kritikerin der «NZZ am Sonntag» ist es sogar der «bisher beste Roman» von Milena Moser.  Auf der Schweizer Bestsellerliste stieg das Buch auf Platz 3 ein.

Wann einem Kritiker zuletzt einen Klaps aufs Füdli gegeben?

Noch nie. Ich komme ihnen nicht nahe genug.

Sind Sie ein mutiger Mensch?

Nein.

Mit welchen Worten bricht man höflich ein Telefonat ab?

Ich habe mein Telefon meistens auf stumm geschaltet, telefoniere überhaupt nur selten.

Sind Sie stolz auf Ihren Mut, mit 50 allein in die USA ausgewandert zu sein?

Ich bin total froh, dass ich es gemacht habe. Ich denke, mit Mut hatte es nicht so viel zu tun. Ich habe mir gewisse Dinge einfach nicht überlegt. Ich bin mehr der Typ, der hoch springt, und während ich in der Luft bin, denke ich plötzlich: 'Oh, Moment, was kommt da auf mich zu?'

Was ist das für ein Gefühl, wenn man seine Angst überwunden hat?

Das verändert alles. Mit 47 besuchte ich einen Phobie-Kurs, nachdem ich jahrelang Panik hatte, wenn ich eine Spinne sah. Seither mag ich Spinnen. Das war eine wunderschöne Erfahrung. Deshalb bin ich überzeugt: Der Mensch kann vielleicht das Innerste seiner Seele nicht verändern, aber sein Verhalten ganz sicher. Und das bedeutet Freiheit.

Wie oft haben Sie es schon bereut, in die USA gezogen zu sein?

Ein paarmal, aber nicht nachhaltig.

Warum leben Sie lieber in den USA als in der Schweiz?

Ich fühle mich in den USA mehr daheim.

Was hat die USA, was die Schweiz nicht hat?

Nichts. Im Gegenteil, die USA hat viele Dinge nicht, die die Schweiz hat. Aber es ist einfach dieses Gefühl, das ich in der Schweiz habe, als wäre ich nur zu Besuch da, als müsste ich mich ständig bemühen, dass ich nichts falsch mache, dass ich nirgends anecke. In den USA habe ich das Gefühl, ich kann so sein, wie ich bin. Ich habe nicht das Gefühl, ständig unter Beobachtung zu sein und etwas falsch zu machen, obwohl ich objektiv dort viel mehr falsch mache.

Woran erkennen Sie eine Schweizerin, einen Schweizer?

Am Nörgeln.

Selbstbewusste Frau Moser, momoll.

Welchen amerikanischen Satz können Sie perfekt?

Just kidding.

Ihre Einsamkeitsbeschäftigung?

Ich bin nicht einsam, ich bin fernsehsüchtig.

Was hilft gegen Heimweh?

Skype.

Was tun Sie, wenn Sie die beiden Söhne vermissen?

Skype. Heimweh und meine Söhne vermissen ist das Gleiche.

«Wir verlieren alles, wofür wir gekämpft haben», sagt Papa Santi zu Beginn Ihres neuen Romanes. Er befürchtet nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten, dass dieser «alle Errungenschaften» der letzten Jahrzehnte kaputt machen werde. Dachten Sie in den letzten zwei Jahren je daran, aus den USA wegzuziehen?

Nein. Ich bin in einer superprivilegierten Situation, denn ich bin Schweizerin. Liesse mich die USA nicht mehr einreisen, könnte ich in der Schweiz in ein sicheres Nest zurückkehren. Jener Satz stammt von einer 68-jährigen Freundin, die quasi aus politischem Protest nach 18 Jahren Beziehung vor kurzem ihre 84-jährige Freundin geheiratet hat. Die beiden Frauen haben die ganze Geschichte der Befreiung und der neuen Möglichkeiten miterlebt. Aber mit der Wahl Trumps kam Angst auf, dass dies alles wieder weggenommen werden könnte. Stück für Stück, abgeschnitten, gestrichen.

Wann zuletzt demonstriert?

Am Women’s March im Januar.

Wirklich wahr, dass Sie Menschenmassen nicht mögen?

Ja. In der Masse habe ich immer ein bisschen Angst. Vor allem, wenn ich mich in einer Masse befinde, in der alle das Gleiche denken und sagen, dann will ich plötzlich das Gegenteil tun, weil es mir plötzlich zu viel wird.

Milena Moser über die Liebe: «Vielleicht klingt das jetzt peinlich und auch traurig: Aber in der Beziehung zu Victor fühle ich zum ersten Mal, dass ich mich selber sein kann. Das ist super.»
Bild: Keystone

Santa Fe soll ein ziemlich hartes Pflaster sein, gerade auch punkto soziale Sicherheit.

Die sozialen Schichten in Santa Fe klaffen weit auseinander. Es gibt einerseits die superreichen Hollywood-Stars und andererseits Menschen, die unter dem Existenzminimum leben. Santa Fe hat so etwas trügerisch Leichtes. Im Sommer ist es eine schöne Touristenstadt, aber dann kommt der Winter und die Natur wird hart. Es gibt viele gefährliche Tiere. Der Hund einer Freundin ist am Strassenrand von einem Puma gefressen worden. Eine andere Kollegin hatte einen Bären im Garten, der ihre Goldfische frass.

Ihre letzte Straftat?

Ich bin super korrekt, ich habe Angst, wenn ..., ach, ich habe vergessen in den USA die Steuern zu zahlen. Ich dachte, ich hätte sie bereits vorausbezahlt, vergass aber, die Checks einzureichen. Irgendwann meldete sich das Steueramt. Ich sah mich bereits im Gefängnis, bis meine Steuerberaterin mir erklärte: «They'll be happy to get the money, just send another check.»

Ihr Geheimtipp, der in keinem Santa-Fe-Reiseführer steht?

Der schönste Platz in Santa Fe ist mein Garten.

War es einfach, sich in Santa Fe zu integrieren?

Ich hatte Glück, weil ich gleich zu Beginn Doris kennengelernt habe. Doris ist eine ausgewanderte Schweizerin, die seit 25 Jahren in Santa Fe lebt. Fast alle Leute, die ich in Santa Fe kenne, habe ich durch sie kennengelernt. Ich dachte erst kürzlich wieder: Obwohl ich nicht das ganze Jahr in Santa Fe lebe, sondern oft auch in San Francisco bei meinem Freund Viktor oder in der Schweiz bin, habe ich ein sehr gutes Netz in der Stadt. Ich habe Menschen, die ich anrufen könnte, wenn es mir schlecht ginge. Das ist viel wert.

Wie pflegen Sie Ihre Freundschaften in der Schweiz?

Nicht gut genug.

Wie heissen Ihre drei besten Freundinnen mit Vornamen?

Sie bringen mich in Teufels Küche. Nein, das können Sie nicht machen. Es sind sowieso mehr als drei.

Ihre Botschaft an alle Frauen?

Es gibt keine Medaille für die Aufopferung.

An die Männer?

Für mich ist extrem wichtig, dass ein Mann nett ist. Es heisst zwar oft, Nettsein sei langweilig. Aber ich finde, es ist fast das Wichtigste, was ein Mann sein kann.

Wird Treue überbewertet?

Nein. Unsere Generation hat es eher unterbewertet. Aber Treue macht das Leben so viel unkomplizierter.

In den USA fanden Sie eine neue Liebe: Sie leben in Santa Fe, Ihr Partner Victor Zaballa in San Francisco. Benötigen Sie nach zwei Scheidungen heute etwas mehr Distanz zu Ihrem Partner?

Nein, es sind einfach die Umstände. Ich habe mich in das Haus in Santa Fe verliebt und mein ganzes Leben nach dem Haus ausgerichtet. Später habe ich Victor kennengelernt, der 2000 Kilometer entfernt wohnt. Aber ich kann oder will einfach weder das eine noch das andere aufgeben. Und Victor kann wegen seiner gesundheitlichen Probleme nicht zu mir ziehen. Es ist einfach so, wie es ist. Gleichzeitig ist es ein grosse Freiheit, weil ich nach Gefühl hin- und herreisen kann. In letzter Zeit war ich mehr bei Victor; als ich mehr geschrieben habe, war ich mehr in Santa Fe. Vielleicht wird sich das eines Tages bündeln, vielleicht auch nicht. Trotz allem haben wir keine distanzierte Beziehung. Wir skypen täglich zweimal. Wir sind uns sehr nah. Vielleicht ist diese Distanz auch das Resultat meiner früheren Ehe-Erfahrungen. Früher habe ich für einen Mann rasch alles aufgegeben.

Fühlt sich diese Liebe besser an als die vergangenen Beziehungen?

Ja.

Welche Eigenschaften machen einen Mann für Sie zum Traummann?

Vielleicht klingt das jetzt peinlich und auch traurig: Aber in der Beziehung zu Victor fühle ich zum ersten Mal, dass ich mich selber sein kann. Das ist super. Ich hatte durchaus grosse Lieben und Leidenschaften, aber es gab immer das Gefühl: Was ist jetzt? Was will er? Geht es ihm gut? Mit Victor ist es einfach schön. Das ist so angenehm, und das macht ihn zum Traummann.

Ihr Freund musste sich 2009 einer Nierentransplantation unterziehen. 2017 war auch das Jahr mit den bisher meisten Besuchen auf der Notfallstation. Wie hält man das aus?

Wir sind jetzt gerade ein Jahr notfallfrei – ich weiss nicht, wie man das aushält. Ich habe es gewusst, als ich mich in Victor verliebt habe. Am Anfang gab es eine Schonfrist, dann kam der erste Notfall, eine Hirnblutung. Zwei Wochen Spital und alles ganz schlimm. Damals realisierte ich: Ich kann das. Ich will es nicht, aber ich kann es. Es wäre mir lieber, wenn er gesund wäre, aber ich kann es. Victor ist extrem philosophisch. Er jammert nicht, er ist immer extrem freundlich mit den Spitalmitarbeitern. Und er bringt mich zum Lachen, wenn wir im Spital sind oder er malt. Ich lerne viel von ihm – unter anderem wie man mit Dingen umgeht, die unangenehm sind.

Haben Sie keine Angst, dass Sie Ihren Freund viel zu früh verlieren könnten?

Doch. Aber wer weiss, ob ich nach diesem Interview über die Strasse laufe und von einem Auto überfahren werde ...

Kann eine Krankheit die Liebe zu einem anderen Menschen stärker machen?

Ich weiss es nicht. Wir sind ja nicht zusammengekommen und dann erst wurde Victor krank. Es war schon immer so. Aber es gibt sicher ein mütterliches Element. Also, wenn ich das Gefühl habe, eine Behandlung tut ihm weh oder ein Arzt behandelt ihn schlecht, dann werde ich zum Tier.

Wann zuletzt geweint?

Gestern.

Wo ist Ihr Zuhause?

Gute Frage. Ich weiss es nicht.

Sind Ihre Bücher ein Daheim?

Der Akt des Schreibens ist ein Daheim, eine Verankerung.

Könnten Sie ohne Schreiben existieren?

Nein, aber muss ich auch nicht, oder? Ein Versicherungsagent hat mir einmal gesagt, ich könnte auch Bücher schreiben, wenn ich querschnittgelähmt wäre.

Gibt es Dinge, die so schön oder hässlich sind, dass Sie mit Worten nicht beschreibbar sind?

Ja, solche Dinge gibt es, zum Beispiel die beiden Worte, die Sie mir am Anfang dieses Interviews zur Auswahl stellten. Liebe machen ist etwas, dass sehr schwer zu beschreiben ist. Ich bin überhaupt nicht sicher, wie viel man darüber reden sollte. Und wenn schon, dann bitte lieber drumherum schreiben oder reden. Auch die erwähnte Missbrauchsszene im Buch war nicht einfach zu beschreiben, deshalb schrieb ich sie aus einer kindlichen Perspektive. So, dass man es nicht ganz aussprechen muss, es nicht ganz versteht.

Wie schreibt es sich nach einer Yoga-Session?

Yoga oder Meditieren wirkt bei mir wie ein Scheibenwischer. Alles was ich davor dachte, was ich davor wollte, ist wie weggeblasen. Es passiert dann oft etwas, das ich nicht geplant habe. Und das ist gut so. Deshalb mache ich fast immer vor dem Schreiben Yoga oder versuche mindestens zehn Minuten lang in mich zu gehen.

Wie schreibt es sich mit einem Gläschen Wein intus?

Nicht.

Die gemeinsame Zeit von Schriftstellerin und Journalist neigt sich dem Ende zu. Wir geben nochmals Gas, werden nochmals persönlich.

Es heisst, sie sässen stundenlang am Schreibtisch, manchmal ohne aufzuschauen.

Es gibt so Phasen.

Wie schaffen Sie es, so lange konzentriert zu bleiben?

Es zieht mich dann einfach so rein. Es ist das grösste Glück, wenn mich eine Geschichte reinzieht, dass ich gar nicht merke, wie die Zeit vergeht. Aber da ich auch nicht mehr die Jüngste bin, landete ich deshalb beim Chiropraktiker und beim Shiatsu, weil ich oft gar nicht am Schreibtisch, sondern in irgendwelchen Positionen stundenlang auf dem Sofa sitze. Irgendwann konnte ich deshalb meine Schulter nicht mehr richtig bewegen.

Pflanzen auf dem Schreibtisch?

Nein.

Lüften Sie auch genug?

Was ist das denn für eine Frage? In Santa Fa sind die Fenster sowieso immer offen, ausser im Winter. Ja, ich habe genug Luft und ich rauche auch seit 30 Jahren nicht mehr.

Fernseher am Bett?

Ich habe keinen Fernseher, ich schaue Filme nur auf meinem Laptop.

Loriot-Büchlein auf dem Gäste-WC?

Nein. Ich lebe auf 50 Quadratmetern, habe kein Gäste-WC.

Der Komiker Otto behauptete kürzlich in einem «Spiegel»-Gespräch, Journalisten stellten ihm immer dieselben Fragen. Ihnen auch?

Heute definitiv nicht.

Was waren denn die drei häufigsten Fragen?

Die häufigsten Fragen sind: Was hat die Geschichte mit Ihnen zu tun? Ist das Buch autobiographisch? Was wollen Sie mit dem Buch sagen? Wie kamen Sie auf diese Ideen? Es sind Fragen, die man eigentlich gar nicht beantworten kann, zumindest ich nicht.

Antworten Sie in Interviews ehrlich?

Ja.

Wann sind Lügen in Ordnung?

Vielleicht gibt es solche Fälle, in denen die Wahrheit ..., nein, Lügen machen alles noch komplizierter. Das Zusammenleben ist eh schon genug kompliziert, und wenn man dann noch etwas sagt, was man nicht wirklich sagen will, dann wird es Babylon. Vielleicht ist es einfacher für mich, im Privatleben immer die Wahrheit zu sagen, weil ich als Romanschreiberin hauptberuflich Geschichten erfinden darf.

Zur Person: Milena Moser

Milena Moser, 55, ist eine der erfolgreichsten Schweizer Schriftstellerinnen. Mit dem Roman «Putzfraueninsel» gelang ihr 1991 der Durchbruch. Dieser Tage ist ihr zwanzigstes Buch, der Roman «Land der Söhne», erschienen. Moser, die zwei Söhne hat, lebt seit 2015 in Santa Fe, USA, und ist mit dem in San Francisco lebenden Künstler Victor Zaballa liiert.

Moser ist zur Zeit auf Lesetour mit ihrem neuen Roman «Land der Söhne». Die aktuellen Termine finden sich auf ihrer Internetseite.

«Bluewin»-Redaktor Bruno Bötschi spricht für das Frage-Antwort-Spiel «Bötschi fragt» regelmässig mit bekannten Persönlichkeiten. Bötschi hat viel Erfahrung mit Interviews. Für die Zeitschrift «Schweizer Familie» betreute er jahrelang die Serie «Traumfänger». Über 200 Persönlichkeiten stellte er dafür die Frage: Als Kind hat man viele Träume – erinnern Sie sich? Das Buch zur Serie «Traumfänger» ist im Applaus Verlag, Zürich, erschienen. Es ist im Buchhandel erhältlich.
Bild: zVg
Zurück zur Startseite

Weitere Artikel