Mundart als neue Schriftsprache – gaht’s no?

Mark Salvisberg

4.3.2021

Unsere Mundart ist zum Sprechen da. Geschrieben neigt sie zum Holprigen.
Bild: Getty Images

«Potz Holzöpfel und Zipfelchappe!» Chasperli-Geschichten und Märchen von Trudi Gerster hatten ihn als Kind gefesselt. Aber hätte der Sprachpfleger jene Texte lesen wollen?

Podcasts, Poetry Slam, Mundart-Bands, Kinofilme, Märli-Tonträger, Dialektfestivals – seit Ende der sechziger Jahre sind unsere Dialekte vollends im Hoch. Kein Wunder, sie vermitteln Emotionen. Das Aufkommen der digitalen Plattformen und sozialen Netzwerke hat dem Schwyzerdütsch noch weiter Auftrieb verliehen.

Vor allem die Jüngeren chatten im Dialekt auf den Kanälen, die die sozial-mediale Welt bedeuten. Haben sie sich fürs Schwizerdütsch entschieden, weil sie vermuten, dass ausländische Geheimdienste angesichts all der Dialekte entnervt den Lauschangriff abbrechen?

Befreites Schreiben ohne Regeln

Für die Digital Natives, die Generation, die von Kindesbeinen an täglich stundenlang auf Smartphone-Displays starrt, ist die Mundart die neue Hochsprache. Das Schreiben gehe leichter von der Hand, es sei authentischer. Man habe keine Scheu und tippe munter drauflos, denn Regeln gebe es ja keine. Und so zeigt sich nur schon innerhalb eines Dialekts eine riesige Bandbreite von «innovativen» Schreibvarianten.

Da steht xund für gsund, shade für schade – was für ein Shice! Pardon. Kulturell wertvoll sei die Mundart, sagen die, die ihr Handy damit füttern; das Lokale solle betont werden. Ich pflichte ihnen bei, das Schwyzerdütsch ist grossartig, nur: Es ist eine Mundart; sie ist primär zum Sprechen da.

Mundart «hätte» eben doch Regeln

Ein bisschen Regelwerk erleichtert die Verständigung, auch im Dialekt. Man schreibt mit Vorteil stampfsch statt schtampfsch, Stei statt Schtei. Differenzierungen gibt es im Wortinneren, wo auf Deutsch st und sp anders als in der Mundart ausgesprochen werden: Aus dem deutschen Weste wird korrekterweise Weschte, haspeln wird zu haschple. Im Weiteren werden Artikel mit Abstand und ohne Apostroph geschrieben: Sie wott s Holz i d Chischte lege. Ist hingegen das Wörtchen es gemeint, wird der Apostroph gesetzt: ’S hät, solang ’s hät.

«Eingeschweizerter» Dialekt

Eine weitere Unart sind deutsche Wörter, umgeformt zur Pseudomundart in Werbespots: Die Schoggolade schmöckt guet. Schoggolade? Es heisst Schoggi. Und schmöckt? Schmöcke heisst riechen: Dis Hämp schmöckt nöd guet. Viele Wirte fragen nach dem Essen: Hät’s gschmöckt? Ich hoffe nicht, es sollte ja möglichst frisch sein; dies wurde kopiert aus dem Deutschen Hat’s geschmeckt? Nicht optimal, aber immerhin freundlich. Mein Vorschlag: Isch es rächt gsi?

Die «pluralistische» Gesellschaft

Es gilt noch andere Fehlentwicklungen zu unterbinden. Man bastelt sich heute gern eine eigene Mehrzahl, beispielsweise den Doppelplural: Geschter hämmer Rösser (statt Ross) gseh. Sie händ dene Frauene (statt Fraue) gfale. Die Endung -ene war früher für weibliche Nomen bestimmt, die auf -i enden: Chuchi, Chuchine. Heute wird die Endung konzeptlos verwendet.

Dreifach-Plural gefällig? Ich ha früener mehreri Jöbbers (statt Jobs) gha. Das Plural-s findet sich auch vermehrt an Orten, wo es nicht hingehört: Kafis, Büsis und sogar Männers.

Seltsam klingt für mich die häufig verwendete Mehrzahl von Foto: Fotone. Das Photonen-Torpedo aus «Raumschiff Enterprise» wird lebendig. Aber ich will kein Korinthenkacker sein; manche Berner sagen dem so, und sie dürfen das.

Das Hochdeutsch leidet

Je weniger man sich aber mit der deutschen Schriftsprache beschäftigt, desto unsicherer wird der Umgang mit ihr. Die Hochsprache steht – wohlgemerkt – zwar nicht über dem Dialekt, ist also nichts «Besseres». Sie hat aber einen Riesenvorteil: weitgehend einheitliche Regeln.

Zeitung in Mundart-Ausgabe

Vor Jahren hatte die Pendlerzeitung «Blick am Abend» eine Jubiläumsausgabe in der Mundart publiziert – als Reverenz gegenüber der treuen jungen Leserschaft? Ich bewunderte den Mut des Blattes, denn Mundart ist aufgrund der zig verschiedenen Dialekte nicht am geeignetsten, das Welt- oder Dorfgeschehen verständlich, differenziert und nüchtern darzulegen. Ich stelle mir gerade vor, wie die geschätzt 500'000 Menschen in der Deutschschweiz, die keinen Dialekt verstehen, in jene Zeitung schauen. Als Zielgruppe fallen sie schon mal weg.

Warum hat Friedrich Schiller den «Wilhelm Tell» nicht in der korrekten, authentischen Mundart geschrieben? Die schriftliche Sprache soll neutral und verständlich sein, ein gut geöltes Kommunikationsvehikel ohne Widerhaken – und kein Flickenteppich mit zweihundert Versionen und tausend Mischvarianten.

Doch warum denke ich eigentlich über all das nach? Heute, im Zeichen von Trends wie Clubhouse, der gehypten Sprech-App, erledigt sich das Mundartschreiben für die Jugend langfristig ohnehin von selbst.

Zur Person: Mark Salvisberg war unter anderem als Werbetexter unterwegs. Der Absolvent der Korrektorenschmiede PBS überarbeitet heute täglich journalistische Texte bei einer Tageszeitung.


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