Stiefkind Apostroph – das vernachlässigte Schwebeteilchen

Mark Salvisberg

16.4.2020 - 00:00

Apostroph setzen oder lieber nicht? Der Sprachpfleger klärt auf. 
Bild: iStock

Für die einen ist er ein wichtiges Rechtschreibhäkchen, für andere eine Art Fliegendreck im Buchstabensalat. Egal, wofür man ihn halte, meint der Sprachpfleger, der Apostroph werde zu oft gesetzt.

Das winzige Zeichen schwebt über den Wörtern – und virtuell das Damoklesschwert über dem potenziellen Schreibtäter. Wurde der Apostroph korrekt gesetzt: bravo! Hat man ihn falsch platziert: saust das Schwert der Blamage herunter auf des Fehlbaren Haupt! Letzeres klingt arg gestelzt, genauso wie Wir sind überrascht von des Virus Verbreitung.

Der «nackte» Genitiv

Das Virus, das omnipräsente. Im Genitiv: des Virus. Viele beschleicht hier ein seltsames Gefühl: Das Wort endet auf S, und dann soll man diesen Genitiv so «nackt» stehen lassen? Doch, Sie dürfen, ja müssen! Korrekt sprachmusikalisch heisst es auch Fis, des Fis.



Auch wenn von einem Wort abgeleitet wird, wie oben und im Folgenden, wird kein Apostroph gesetzt; natürlich klingt das arg gestelzt: des Fis Wohlklang, des Journalismus neue Formen, des Home-Office Boom. Wenn ihm ein Artikel vorausgeht, darf nicht einmal hinter einem Eigennamen ein Auslassungszeichen stehen: des Thomas Unglaube.

Grob gesagt: Das Häkchen ist nur in einem Fall nötig

Der Apostroph muss dann gesetzt werden, wenn im Genitiv Eigennamen auf einen S-Laut enden. Dabei kann das -s auch als -ss, ß, -tz, -x, -ce, -z und so weiter erscheinen: Bernie Sanders’ Nichtnominierung, Fritz’ Schutzmaske, Cannes’ Filmfestival, Marx’ «Kapital» (früher auch: Marxens) et cetera.

Mit dem Apostroph (oder: Auslassungszeichen) wird auch das Fehlen von Silben gekennzeichnet: Zürich H’brücke, M’gladbach.

In allen anderen Fällen ist das Zeichen nicht nötig!

Hier dürfen Sie – müssen aber nicht

Das Pronomen es kann jedoch mit einem Apostroph hinten an Wörter angelehnt werden: Ich hab’s gesehen, dort ist’s passiert oder wohl bekomm’s sowie wenn’s recht ist.



Ich habs gesehen ist somit auch richtig, genauso wie die einsteinsche Relativitätstheorie statt der Einstein’schen. Ersteres wirkt auf mich allerdings einen Tick moderner.

Alles korrekte Beispiele

Nur um auf das stiefmütterliche Setzen dieses Zeichens hinzuweisen – in folgenden Fällen lässt man den Apostroph bleiben: Mach, dass du wegkommst! Blas die Kerze aus! Ich fass es nicht. Des Rhythmus, des Kapitalismus, Frischs spätere Werke. Oder bei Präpositionen mit angehängtem Artikel: ins, durchs, aufs, ans. Wir haben ein Essen mit Meiers. Seit eh und je, in bessren Zeiten. Heut fühlt sie sich etwas träg.

Vorsicht vor dem «Deppen-Apostroph»

Wenn beispielsweise von «Handy’s» die Rede ist oder von «Mamas’» Pfannkuchen oder von allgemeinen «Info’s», hübschen «Tisch-Set’s», «Tatoo’s» und «Piercing’s»: Auslassungszeichen bitte auslassen.



Über die Apostrophe in Gedichten und mundartlichen Texten will ich mich nicht äussern. Generell finde ich, dass man auch dadurch ein Zeichen setzen kann, indem man keines setzt.

Zur Person: Mark Salvisberg war unter anderem als Werbetexter unterwegs. Der Absolvent der Korrektorenschmiede PBS überarbeitet heute täglich journalistische Texte bei einer grösseren Tageszeitung.

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