Verfügbare Desinfektionsmittel sind ein Unding – sprachlich

Mark Salvisberg

18.3.2020 - 00:00

So manches gerät aus der Mode – das gilt auch für die Sprache. 
Bild: iStock

Ein Titel, ein ganz «normales» Wort, ein Adjektiv. Was hat denn der Sprachpfleger daran auszusetzen? Er sagt, solche Wörter würden heute zu Recht nicht mehr gebildet.

Die Endung -bar bei einem Adjektiv weist darauf hin, dass man mit einem Ding oder einer Person etwas anstellen kann. Der Ursprung von -bar geht auf das althochdeutsche giberan – gebären, hervorbringen – zurück. Wen bringt man hervor, wen gebiert man?

Hier schreit der Akkusativ. Wörter, die auf -bar enden, fussen also auf einem Verb, das nach dem Wen fragt: Anfechtbar, wen (was) fechte ich an? Zählbar: Wen (was) zähle ich? Lesbar: Wen (was) lese ich?

Bei sogenannten intransitiven (nicht zielenden) Verben ist das ausgeschlossen. Intransitiv sind: danken, blühen. Man kann nicht jemanden danken oder etwas blühen. «Liebling, die Blumen sehen toll aus, die sind ziemlich blühbar!» Es gibt somit (im Prinzip) auch keine «unverjährbaren» Verbrechen, man verjährt sie nicht, sie verjähren selbst.

Beliebte sparsame Wortschöpfungen

Zusammensetzungen mit -bar sind aufgrund ihrer sprachlichen Ökonomie weit verbreitet. Der folgende Vergleich verdeutlicht dies: Der Betrieb produziert universell einsetzbare Folien ist eingängiger als Der Betrieb produziert Folien, die universell eingesetzt werden können.

«Unentrinnbar» – nicht lupenrein

Tatsächlich «wagen» es viele Adjektive, auf -bar zu enden, obwohl das ihnen zugrunde liegende Verb nicht nach dem Wen fragt. Wie eben unentrinnbar. Typischerweise sind diese im Prinzip falschen Begriffe etwas älter, oder sie stammen aus einer Fachsprache.



Verfügbare Desinfektionsmittel sind auch so ein Unding. Man kann keine Mittel verfügen, sehr wohl aber über jene verfügen – allenfalls deren Vorhandensein in Apotheken verfügen (anordnen). Unverzichtbare Forderungen wiederum sind solche, auf die man nicht verzichten kann.

Forderungen können aber nicht verzichtet werden. Doch oft ist es schwierig, so ein Wort zu ersetzen. Für unverzichtbar gibt es hingegen die perfekte Lösung: Unentbehrlich, denn dort gilt der Akkusativ: Wen/was kannst du entbehren?

Das unsinkbare Schiff (das nicht sinken könnende) ist ein weiteres Beispiel. Um den Begriff unsinkbar zu rechtfertigen, müsste man ein Schiff «sinken» können.



In der Gegenwartssprache werden kaum mehr Adjektive gebildet, die auf -bar enden und nicht auf einem Verb mit Akkusativ basieren. Und so bleiben sie – wunderbar! – Mangelware.

Jede Sprache hat kleine Webfehler. Man muss diese nicht unbedingt flicken, auch wenn sie manchen merkwürdig erscheinen, um nicht zu sagen: sonderbar.

Zur Person: Mark Salvisberg war unter anderem als Werbetexter unterwegs. Der Absolvent der Korrektorenschmiede PBS überarbeitet heute
täglich journalistische Texte bei einer grösseren Tageszeitung.

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