Lockdown und andere «coronische» Anglizismen

Mark Salvisberg

1.4.2020 - 17:30

Alles zu ... zu englisch in unserer Sprache? Manchmal fehlen die Alternativen. 
Bild: iStock

Die Massnahme des Bundesrats, mit der er die Bevölkerung vor sich selbst (also nicht vor dem Bundesrat) schützen will, heisst Lockdown. Andere Anglizismen machen gerade ebenfalls Karriere.

Vater Staat verhängt den Lockdown, dabei lockt uns der Frühling nach draussen! Doch das Virus kennt keine Gnade. Und so ergötzen wir uns am Lenz durch Fensterscheiben und werden dadurch einerseits von ihm gelockt und sind anderseits down, weil wir zu Hause sitzen; quasi «downgelockt» durch den Lockdown.

Warum Lockdown?

Ein Leser hat mich kürzlich gefragt, ob es denn auf Deutsch kein besseres Wort dafür gebe. Es hat Kandidaten, doch vermag mich keiner von ihnen zu überzeugen:

Einschliessen? – Das klingt, als wären wir Gepäckstücke. Hausarrest? – Wir sind doch keine unartigen Kinder. Ausgangsverbot? – Das erinnert mich an meine Rekrutenschule. Kontaktsperre? – Nein, Kontakte werden dadurch nicht ganz unterbunden. Wie wär’s mit Polizeistunde? – Polizist Wäckerli lässt grüssen. Quarantäne kommt auch nicht infrage (lateinisch quadraginta = vierzig), nach der einst praktizierten vierzigtägigen Hafensperre für Schiffe mit eventuell schwerkranken Personen an Bord.

Ein Begriff, der für manches taugt

Wir sehen, deutsche Wort-Gegenstücke passen nicht. Zur Definition: Es geht um eine aus Sicherheitsgründen verhängte vorübergehende staatlich angeordnete und durchgesetzte Einschränkung des öffentlichen Lebens. Das verlangt nach einer prägnanten Bezeichnung. Der Lockdown wird normalerweise – nein, normal ist das in keiner Weise – in folgenden Fällen verhängt: Bombenalarm, Amoklauf, Aufstand, Terroranschlag, Tsunami sowie Epidemie und Pandemie.

Wie steht's mit der Rechtschreibung?

Warum schreibt man nicht Lock-down? Es gibt ja auch den Count-down (oder: Countdown), ebenfalls eine Kombination von Verb und adverbialem Zusatz. Der Grammatik-Kapazitäten Wege sind unergründlich. Denn der Duden empfiehlt beispielsweise, Burn-out zu schreiben, also mit Bindestrich, bei Countdown hingegen wird die Schreibung ohne Bindestrich empfohlen, wobei wohlgemerkt beides korrekt ist.



Ich persönlich ziehe die Variante ohne Bindestrich vor, da auch im Englisch oft zusammengeschrieben wird. Belassen wir’s also beim Lockdown.

Ein anderes Kind der (Corona-)Krise ist Social Distancing. Ein Begriff, der je nach Quelle räumliche Trennung oder Kontaktvermeidung bedeutet. Und das ist gut so, denn eine «soziale Distanzierung» kann im Zeichen von Social Media nicht gemeint sein.

Im Unterschied zu einem weiteren Begriff dieser Krise, Contact-Tracing (Nachverfolgen der Kontaktpersonen), wird Social Distancing nicht mit Bindestrich geschrieben. Dies gemäss der Regel: Anglizismen, bestehend aus Adjektiv (Social) und Nomen (Distancing), haben nie einen Bindestrich, dürfen aber, sofern lesbar, zusammengeschrieben werden: Big Band / Bigband, Fair Play / Fairplay. Aber nie: «Socialdistancing» oder «Standingovations»!



Anglizismen, die aus zwei Nomen bestehen, können entweder mit Bindestrich oder in einem Wort geschrieben werden: Country-Music / Countrymusic – oder, schon lange: Countrymusik. Nur wenn es sich um Namen oder namensähnliche Begriffe handelt, entfällt der Bindestrich: Chief Operations Officer.

Vielleicht gesellt sich ja in Form eines Hits von 1989 ein weiterer Anglizismus hinzu, zum Beispiel wenn die grassierende Corona-Seuche in die Geschichte eingeht als «All we can do is sit and wait»-Pandemie.

Zur Person: Mark Salvisberg war unter anderem als Werbetexter unterwegs. Der Absolvent der Korrektorenschmiede PBS überarbeitet heute
täglich journalistische Texte bei einer grösseren Tageszeitung.

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