Falsch gedacht – wenn Fehler keine Fehler sind

Mark Salvisberg

6.8.2019 - 00:00

Gewogen und für falsch befunden? Besser, man schlägt es nach.
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Statt «Ätsch, falsch!» sagt der Sprachpfleger heute einmal: «Ätsch, richtig!» Denn es gibt sie: korrekte Wörter oder Wendungen, die auf den ersten Blick falsch wirken.

Von überallher seien sie gekommen, aus aller Herren Ländern. Doch da muss es Länder heissen, zumal es so im Wörterbuch steht. Jein. Stellen wir einmal um: Aus der bekannten Fügung aus aller Herren Ländern wird aus Ländern aller Herren – und plötzlich wird klar, dass Länder falsch sein muss, denn die Präposition aus verlangt den Dativ. Nur hat der «Duden» resigniert, weil das Dativ-n meistens unterschlagen wurde. Masse schlägt Klasse. Immerhin gilt beides als richtig.

Aber wie ist es denn mit in aller Herren Länder?

Hier drückt in eine Bewegung aus, eine solche verlangt immer den Akkusativ: Wir begeben uns in Länder. Wenn Sie sich bereits in Ihrem Zielland befinden, ist es das «ruhende» in, es ruft stets nach dem Dativ: Wir sind in Ländern. Analog dazu: Er kommt hinter Gitter, aber: Er ist hinter Gittern. Aus diesem Unterschied darf man kein Hehl machen.

Kein Hehl, also das Hehl, wirkt ebenfalls falsch – ist aber (auch) richtig. Aber leider wurde auch das so oft falsch geschrieben, dass der Duden nach einer Weile eingeknickt ist und daraus keinen Hehl gemacht hat.

Die Fehler unserer Eltern zirkulieren immer noch

Neben dem Satz «Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute» ist auch die Unart nicht totzukriegen, von den Gebrüdern Grimm zu sprechen statt von den Brüdern Grimm. Letzteres ist, obschon viele die Bezeichnung schräg anschauen, korrekt.

Um das Wort Gebrüder zu rechtfertigen, wäre nämlich die Beteiligung aller Brüder nötig gewesen. Da aber der jüngste Spross der Familie Grimm sich der Malerei widmete – ach, hätte er doch wenigstens die Buch-Covers gepinselt! –, wurden die Märchen und weiteren Publikationen korrekterweise als solche der Brüder Grimm bekannt.

Die chemischen Brüder – die Chemical Brothers – werden in der Open-Air-Saison dieses Jahres zu sehen sein. Es glauben tatsächlich schon viele, es müsse diesen Jahres heissen, vor allem Deutsche. Dies wahrscheinlich, weil Moderatoren den falschen Ausdruck fast schon inflationär verwenden. Selbstverständlich ist nur dieses Jahres korrekt.

Zwar heisst es im Herbst letzten Jahres, aber letzten ist ein Adjektiv, man könnte noch einen Artikel voranstellen: des letzten Jahres. Das geht bei Pronomen nicht: die Open Airs «des dieses Jahres»? Man sagt ja auch nicht «Er ist der Besitzer diesen Hundes». Und plötzlich wird es sonnenklar.

Also Obacht, bevor Sie das nächste Mal über einen «peinlichen Fehler» lachen und jemanden darauf hinweisen möchten, versichern Sie sich vorher, dass Sie ihm kein Märchen erzählen.

Zur Person: Mark Salvisberg war unter anderem als Werbetexter unterwegs. Der Absolvent der Korrektorenschmiede PBS überarbeitet heute
täglich journalistische Texte bei einer grösseren Tageszeitung.

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