Annemarie Schwarzenbach – eine Frau mit unerschrockener Neugier

Monica Boirar

3.10.2020 - 09:36

Man kennt Reise- und Feuilletonjournalistin Annemarie Schwarzenbach für ihre Texte. Aber sie war auch eine hochbegabte Fotografin. Erstmals werden in Bern ihre Bilder gezeigt, darunter viele grossartige.

Annemarie Schwarzenbach gehört zu den schillerndsten Kultfiguren der Schweiz. Im Jahr 1942 ist sie viel zu früh, 34-jährig, gestorben. Sie war das dritte von fünf Kindern, blitzgescheit, einstige Lieblingstochter des Unternehmers Alfred Emil Schwarzenbach und seiner Frau Renée Schwarzenbach-Wille, einer begeisterten Amateurfotografin.

In knapp zehn Jahren schrieb die promovierte Historikerin drei literarische Werke, verfasste 300 journalistische Texte für namhafte Schweizer Zeitungen und Zeitschriften und baute ihr eigenes, sorgfältig editiertes Bildarchiv mit rund 7'000 Reportagefotografien auf.

In den konfliktreichen 1930er-Jahren geriet die junge Frau in mehrfacher Hinsicht in Konflikt mit ihren Eltern. Während diese mit den Nazis sympathisieren, opponierte die bekennende Antifaschistin, Freundin von Klaus und Erika Mann, gegen Ungerechtigkeiten, interessierte sich für soziale Anliegen und kulturelle Werte des alten Kontinents Europa.

Unbekannt. Porträt von Annemarie Schwarzenbach mit Kamera, 1939.
Bild: Esther Gambaro, Nachlass Marie-Luise Bodmer-Preiswerk

Zu den politischen und weltanschaulichen Differenzen kam ihre frei gelebte Homosexualität hinzu. Annemarie liebte Frauen. Ihre ständig wechselnden Beziehungen zu politisch engagierten Frauen waren ein Dorn im Auge ihrer Mutter und ihres Vaters. Persönlich kämpfte sie mit unlösbaren inneren Konflikten, Ängsten und Depressionen. Suizidversuche führten zu mehrfachen Einweisungen in Entzugskliniken; die privilegierte Tochter aus bestem Hause kam von ihrer Morphiumsucht Zeit ihres Lebens nicht mehr los.

Engelhaftes Wesen, androgynes Aussehen

Ihr engelhaftes Wesen und androgynes Aussehen zog viele Menschen in den Bann und fasziniert noch heute. Das wunderschöne Porträtfoto, das Marianne Breslauer 1931 von ihr gemacht hatte, ging einmal um die Welt. In den 1980er-Jahren wurde Schwarzenbach von der Frauenbewegung entdeckt, die legendäre Autoreise mit Ella Maillart im eigenen Ford mit Achtzylinder-V-Motor nach Afghanistan gar verfilmt. Drei Biografen nahmen sich ihres Lebens und Werks an. Anlässlich ihres hundertsten Geburtstags im Jahr 2008 würdigte eine Ausstellung im Zürcher Strauhof das literarische Schaffen der Ausnahmeerscheinung Schwarzenbach.

Die Zeit ist reif, nun das fotografische ‎Œuvre der Reisejournalistin mit ihrer grossartigen Beschreibungskraft zu entdecken. Bei genauer Betrachtung erweist sich dieses als ebenso hochrangig wie ihr literarisches. Seit dem Jahr 2017 zeigt das Schweizerische Literaturarchiv in 27 Fotoordnern abgelegt und einsehbar auf seiner Onlineplattform öffentlich zugänglich 3'000 digitalisierte Bilder von Annemarie Schwarzenbach. Mehr als 70 Jahre nach ihrem Tod sind die Fotos inzwischen gemeinfrei nutzbar.

Im spartenübergreifenden Zentrum Paul Klee in Bern präsentiert der Kurator Martin Waldmeier die schweizweit erste thematisch gegliederte Fotoausstellung mit einer Auswahl von rund 200 Fotografien. Besonders interessant ist der Einblick in das professionelle Schaffen der Mehrfachtalentierten, die sich selber als durchaus ehrgeizige Fotografin eingeschätzt hatte: Rund ein Dutzend Originalabzüge, in Glasvitrinen aufgelegt, sind mit Repliken ihrer Rückseite ergänzt: Rückseiten von Pressefotografien erweisen sich für die Forschung vielfach als besonders relevant.



Denn ebenso wie das eigentliche Bild, gibt die Rückseite wichtige Informationen preis: Die Stempel des Fotografen und der Agenturen, die Bildlegenden, handschriftliche Anmerkungen und Korrekturen als authentische Originalquellen entschlüsseln den Nutzungskontext der Fotografien. In den 1930er-Jahren steckte die Reportagefotografie noch in den Kinderschuhen. Nichtsdestotrotz erkannten sowohl die Agenturen wie auch die Lichtbildner selbst das Vermarktungspotential.

Unglaublich perfekte Kompositionen

Schwarzenbach wusste ihren französischen Diplomatenpass, den sie 1935 durch die Heirat mit dem homosexuellen Botschaftssekretär Claude A. Clarac in Teheran erlangt hatte, auf den Reisen zu nutzen. Ihre Fotos aus dem Jahr 1937 stempelte sie mit dem Pseudonym Dr. Clark. Den Doktortitel hatte sie 23-jährig an der Universität Zürich erlangt. Zur Nutzung des Namens Clark, in Anlehnung an Clarac, wurde sie wohl durch Robert Capa inspiriert.

Dieser war 1934 in Paris unter seinem bürgerlichen Namen, André Friedmann, wenig erfolgreich. Der Durchbruch gelang ihm erst, nachdem er sich als amerikanischer Starfotograf namens Robert Capa ausgab und schliesslich zu dem wurde, den er anfänglich bloss vorgetäuscht hatte. Mit Capa und seiner Freundin Gerda Taro muss Schwarzenbach in Kontakt gestanden haben. In einem der ersten digitalen Online-Fotoordner des SLA sind einige ihrer Fotografien im Nachlass aufgelistet. Bis in die 1940er- und 1950er-Jahre und auch später war es sehr verbreitet, dass Berufsfotografen Bilder austauschten und sich – auch als Ausdruck der gegenseitig Wertschätzung – einige Abzüge schenkten.

Eine zweite schmale Vitrine erlaubt einen Einblick in das Schwarzenbachsche Archivsystem. Auf eine Karteikarte klebte sie zwei Kontaktkopien ihrer quadratischen Fotos, die zumeist mit ihrer zweiäugigen Rolleiflex-Kamera entstanden waren und ergänzte diese mit der Nummer des Films sowie Angaben zum Entstehungsort. Der so betriebene Aufwand deutet darauf hin, dass Schwarzenbach an eine längerfristige Vermarktung gedacht hatte.



Ob die 1947 gegründete Fotoagentur Magnum sie als Fotografin aufgenommen hätte? Zweifelsohne. Mit ihrem Interesse für sozial und wirtschaftlich Benachteiligte, für die Ärmsten der Armen, Ausgebeutete, Rassendiskriminierungen, die sie auf ihren Reisen in Asien, Europa, Amerika und Afrika sah, Themen, die auch heutzutage nichts an Aktualität verloren haben, hätte sie perfekt in das Konzept der jungen Bildagentur gepasst, die sich der humanistischen Fotografie verpflichtet fühlte. Auch das Ziel von Magnum, die Kontrolle über das eigene Bildmaterial zu behalten, wäre in ihrem Sinn und Geist gewesen.

Wenn Henri Cartier-Bresson, wie Schwarzenbach 1908 geboren, Jahrzehnte später als der Meister der kleinformatigen Leica-Fotografie in die Geschichte eingegangen ist, dann hätte die Schweizerin unschwer als Meisterin des quadratischen Formats gewürdigt und gefeiert werden können. Viele ihrer Kompositionen im Quadrat sind präzise und unglaublich perfekt. Die Kosmopolitin verstand es in brillanter Weise, Kinder, Frauen und Männer, Tiere, Architektur und Landschaften in ihrem Mikrokosmos einzufangen. Zahlreiche ihrer Fotografien sind dicht erzählte Geschichten, in einer bezaubernden Bildsprache auf den Punkt gebracht, einer optischen Sprache, die literarische Qualität aufweist.

Ausstellung: «Aufbruch ohne Ziel. Annemarie Schwarzenbach als Fotografin» bis zum 3. Januar 2021 im Zentrum Paul Klee in Bern.

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