Gendergerechte Sprache – schreibt nie mehr von «zierlichen Frauen»

21.1.2019 - 00:00, Julia Kohli

Die «zierliche» Frau war es, über die ich stolperte. An einem einzigen Tag las ich vier Artikel, wo eine solche darin vorkam. Weder Ballett noch magersüchtige Frauen waren das Thema, sonst hätte ich es glatt überlesen.
Bild: Getty Images

Wenn es um den Duktus – pardon, den Schreibstil – geht, weiss es jeder besser. Auch unsere Autorin.

Schreibende hören manchmal Stimmen. Von Schriftstellern, Journalisten, Dichtern, Dozenten und anderen Berufenen. Denn diese haben vom «richtigen» Schreiben erzählt oder «goldene Regeln» des guten Stils aufgestellt. Es sind selten Frauenstimmen, aber das nur nebenbei. Ich höre nicht nur ihre Ermahnungen, ich sehe sie auch vor mir. Unkend sitzen sie auf ihrem Balkon und schütteln enttäuscht ihre Köpfe – wie Statler und Waldorf von der Muppet Show. Ich mutiere auch gleich zu Kermit, wenn ich an einem Text arbeite – und gestikuliere unbeholfen mit meinen wabbeligen Froscharmen.

Schmeiss nicht mit Fremdwörtern um dich, ruft George Orwell, das ist aufgeblasen! Ist ja gut und recht, George, antworte ich, ich verstehe die Kritik, aber hast du schon vom Internet gehört – die Info ist mur einen Klick entfernt, niemand muss noch tonnenschwere Enzyklopädien stemmen. Und kann ich vom aufgeweckten Leser nicht verlangen, einmal am Tag ein neues Wort zu lernen? Und überhaupt, immer diese Angst vor dem Fremden! Als Nächstes werden die Verben-Zeigefinger gegen mich erhoben: Wo auch immer möglich Verben einsetzen, dass es nur so zischt und poltert!

Adjektive sind des Teufels

Bald stimmt auch Mark Twain in den Chorus ein: Und die meisten Adjektive sind des Teufels, die braucht niemand! Darauf werde ich etwas fuchsig. Sorry, Mark, aber hast du die Odyssee gelesen? Dort wimmelt es nur so von Adjektiven – und du kannst nun wirklich nicht behaupten, dass dieser Text vergessen ging. Und übrigens gibt es jede Menge geschmeidige Adjektive, die ich nicht missen möchte. Sind die armen denn verwahrloste Ruinen in der Sprachlandschaft, während Verben wie Teslas an uns vorbeirauschen? So weit ist es gekommen: Ich bemitleide Adjektive.

Nach all den ermüdenden Diskussionen will ich schon meinem Lieblingsschriftsteller Hanif Kureishi zustimmen, der es gewagt hat, «fuck the prose» zu sagen – als Dozent für Kreatives Schreiben notabene –, und damit meinte, die Leserin oder der Leser wolle sowieso nur wissen, was als Nächstes passiert. Wenn die Story gut sei, könne man sich den Stil gleich schenken. Doch bei allem Respekt, auch diese Aussage überzeugt mich nicht. Es gibt Tage, an denen kann ich mich über ein einziges Wort aufregen, auch wenn die Erzählung überzeugt. Neulich war es sogar ein Adjektiv.

Demütiges liebes Huscheli

Die «zierliche» Frau war es, über die ich stolperte. An einem einzigen Tag las ich vier Artikel, wo eine solche darin vorkam. Weder Ballett noch magersüchtige Frauen waren das Thema, sonst hätte ich es glatt überlesen. Es waren Reportagen über erfahrene, ältere Frauen in Machtpositionen. Zum Beispiel über Margrith Bigler-Eggenberger, die erste Bundesrichterin der Schweiz. Ich frage mich dann, was uns die Autorin mit diesem Adjektiv sagen will. Soll es entwarnen? Sollen wir Lesende froh sein, dass die Frau keine wirkliche Bedrohung darstellt, trotz ihres Erfolgs, ihrer Macht, ihres Wissens? Atmen wir erleichtert auf, weil suggeriert wird, dass die Bundesrichterin ein demütiges liebes Huscheli geblieben ist, so wie wir?

Die Feministin Margarete Stokowski, die sich auch über dieses Adjektiv wunderte, stellte in einer Kolumne fest, dass es wohl viele Menschen erstaunt, «dass Frauen, die etwas auf die Reihe kriegen, so aussehen, wie Frauen eben oft aussehen».

Ich möchte in Texten Skurriles und Aussergewöhnliches erfahren. Vielleicht interessiert sich eine porträtierte Person für tasmanische Bestattungsrituale oder zeichnet in ihrer Freizeit leidenschaftlich Kellerasseln? Vielleicht verzockte sie ihr ganzes Vermögen beim Pokerspielen in Macau? Lese ich gern. Mehr davon! Doch bitte keine «zierlichen» Frauen mehr.

Eine Bekannte hatte noch eine interessante Ergänzung zum Thema: Auch Krimiautoren nerven die aufmerksame Leserin, wenn ihre Detektivinnen dauernd «etwas Leichtes» oder einen «Salat mit Hühnchen» essen. Haben Sie jemals von einem männlichen Ermittler gelesen, der das tut? Eben. Geben wir den Frauen etwas mehr Gewicht, sonst fliegen sie davon.

Was wohl die alten Herren auf ihrem Balkon darüber denken? Sind sie überhaupt noch da? Es ist so still.

Diese Kolumne erschien zuerst im Schweizer Medienmagazin «Edito».

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