Was Pippis rotes Haar mit dem Höllenfeuer zu tun hat

Julia Käser

26.11.2020 - 11:33

Laechelnd traegt die Schauspielerin Inger Nilsson in einem Film von 1968 als "Pippi Langstrumpf" an einem kalten Wintertag ihr Aeffchen "Herr Nilsson" auf der Schulter spazieren (Szenenfoto). (KEYSTONE/EPA/PRESSENS BILD/Delden)
«Faul sein ist wunderschön», sagt Pippi Langstrumpf. 
Bild: Keystone

Pippi Langstrumpf feiert ihren 75. Geburtstag und ist eine von vielen rothaarigen Kindheitsheldinnen. Dass ihre Zöpfe feuerrot sind, ist kein Zufall, schreibt die Kolumnistin. 

«Polizisten sind das Beste, was ich kenne – gleich nach Rhabarbergrütze», sagt das kleine Mädchen und spielt Fangis mit den Beamten. Frech, laut und vor allem unabhängig:

So kennt Pippi Langstrumpf fast jedes Kind. 

Seit heute vor 75 Jahren das erste Buch über die kleine Schwedin erschienen ist, wurden ihre Geschichten knapp 66 Millionen Mal verkauft und in 77 Sprachen übersetzt. Pippis Markenzeichen: die feuerroten seitlich abstehenden Zöpfe. 

Mit ihrem Rotschopf befindet sich Pippi in prominenter Gesellschaft: die rote Zora, Kim Possible, Prinzessin Merida und sogar Arielle – auffallend viele unserer Kindheitsheldinnen haben rotes Haar. In der Gesamtgesellschaft hingegen machen Rothaarige nur einen klitzekleinen Anteil aus. 

Gespreizte Beine und hemmungsloses Lachen

Kommt hinzu, dass sich die Rotschöpfe unter uns nicht selten alles andere als heldenhaft fühlen. Meine Mutter beispielsweise wurde für ihre Haarfarbe viel häufiger gehänselt als gefeiert. Wie Pippi trug auch sie rote Zöpfe – nur kam sie damit längst nicht so gut an wie die Bewohnerin der Villa Kunterbunt. 

Tatsächlich gibt es einen Grund dafür, dass Pippi und Co. nicht feines blondes oder schwarz glänzendes Haar haben. Es liegt weniger an der geringeren Schmerzempfindlichkeit von rothaarigen Personen – meine Mutter ist das beste Beispiel hierfür – als daran, dass eine rote Haarpracht symbolisch steht fürs Wildsein und eine gewisse Bubenhaftigkeit.



Eine Studie kommt zum Schluss, dass rothaarige Titelheldinnen gesellschaftliche Erwartungen, die Frauen und Mädchen auferlegt sind, konsequent ignorieren. Sie spreizen die Beine, lachen hemmungslos und frech, geben sich trotzig und hauen Sätze raus wie: «Faul sein ist wunderschön!» Danke dafür, Pippi. 

Auch Engel hatten rotblondes Haar

So sehr ich Pippi für ihre Unabhängigkeit und die Unangepasstheit liebe – die legendären roten Zöpfe der Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf bedienen eigentlich also nur ein Vorurteil. Eines, das seit dem Mittelalter besteht.

Der Verräter Judas wurde schon damals allzu gern mit rotem Haar gezeichnet und auch die Nähe zum Höllenfeuer wurde Rotschöpfen in dieser Zeit nachgesagt – mit folgenschweren Konsequenzen. Selbst meine Mutter musste sich Hunderte Jahre später noch immer als Hexe betiteln lassen – zum Glück wusste sie sich zu wehren und liess sich fast so wenig sagen wie Pippi. 

Ich denke, man sollte eines nicht vergessen: Es hätte alles anders kommen können für Pippi und all die anderen Rotschöpfe. Denn nicht selten wurden in derselben Epoche auch Engel mit rotblondem Haar dargestellt.

Regelmässig gibt es werktags um 11:30 Uhr und manchmal auch erst um 12 Uhr bei «Bluewin» die Kolumne am Mittag – es dreht sich um bekannte Persönlichkeiten, mitunter auch um unbekannte – und manchmal wird sich auch ein Sternchen finden.

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