Auf Jagd mit den letzten Walfängern der Welt

Claudio Sieber, Lamalera (Indonesien)

4.4.2021

Für einen kleinen Volksstamm in Indonesien sind Pottwale bis heute überlebenswichtig. Bewaffnet mit Bambus-Harpunen stechen sie in See, um den Geschenken ihrer Vorfahren nachzustellen.

Claudio Sieber, Lamalera (Indonesien)

4.4.2021

In Lamalera fantasieren die Buben seit Generationen kaum von westlichen Traumberufen wie Rennfahrer oder Feuerwehrmann. Ihr Wunsch ist es, eines Tages ein angesehener Lamafa, ein Harpunist, zu werden.

Seit über sechs Jahrhunderten gehören Pottwale zu den Hauptnahrungsquellen des indonesischen Fischerdörfchens. Ihre Jagdtradition wird bis heute durch Erziehung und Vorbildfunktionen innerhalb des Clans und der Gemeinde an den Nachwuchs weitergegeben.

Aufgrund der bescheidenen Ausrüstung, mit der die Harpunisten und ihre Crews Jagd auf die Giganten machen, riskieren sie mit jeder Hatz ihr Leben. Dafür winkt den erfolgreichen Walfängern die Anerkennung des ganzen Dorfes.

Hier liegt Lamalera

Das idyllische Fischerdörfchen Lamalera befindet sich auf der indonesischen Vulkaninsel Lembata, östlich von Bali und Lombok. Eine kaum zugängliche und abgeschiedene Gegend.

Die Ahnenverehrung spielt in der Kultur der Lamaleraner eine zentrale Rolle. Sind die Vorfahren zufrieden, kommen die Wale – die Geschenke der Vorfahren und Ina Leva (die Mutter des Meeres). Sie sind für den kleinen Volksstamm bis heute überlebenswichtig.

«Im Durchschnitt müssen wir drei Pottwale pro Jahr erlegen, um alle unsere Familien zu ernähren», sagt der Dorfchef Yosef Bataona. «Unsere Leute hier mühen sich ab für einen Löffel Reis oder ein Stück Mais. Es gibt keinen fruchtbaren Boden und die gesamte Topografie ist steinig, was den Anbau von Getreide unmöglich macht. Deshalb haben wir keine andere Wahl, als das anzunehmen, was das Meer uns bietet.»

Das Internationale Übereinkommen zur Regelung des Walfangs erlaubt einigen indigenen Völkern, Wale zu jagen, da sie das Fleisch nicht verkaufen, sondern selber gebrauchen. Der kommerzielle Walfang wurde hingegen 1986 verboten.

Kulturerbe in Gefahr

Dank der Abgeschiedenheit ihrer Heimat hat der indigene Subsistenzwalfang den starken missionarischen Einfluss, die japanische Besetzung während des Zweiten Weltkriegs sowie ein gut etabliertes katholisches Bildungssystem überwunden.

Seit der Fertigstellung eines Verbindungssträsschens zur anderen Seite der Insel weht aber auch ein Hauch Moderne durchs Dorf. Trotz der vitalen Verbundenheit zu altbewährten Traditionen investieren viele Lamaleraner in die Weiterbildung ihrer Kinder – und die wandern zunehmend in die Städte aus. Mit dem Schwund potenzieller Nachfolger steht auch das Kulturerbe der Lamafa auf dem Spiel.


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zVg

Der Multimedia-Journalist Claudio Sieber aus St. Gallen reist seit mehreren Jahren durch Asien, wo er über die Traditionen fremder Völker, Popkultur und den sozialen Wandel im Orient und Ozeanien berichtet.