Luxus auf Schienen: Mit dem «Rovos Train» durch das südliche Afrika

25.2.2018 - 10:00, Bruno Bötschi

Ein liebevoll restaurierter historischer Zug schaukelt Passagiere elegant durch das südliche Afrika. Manche einer behauptet sogar, der «Rovos Rail» sei der schönste Zug der  Welt.

Daressalam. Hafen des Friedens. So heisst Tansanias Metropole am Indischen Ozean. Als ich im Hotel erwache, wird mir bewusst warum: Ein Halleluja, glockenhell gesungen in einer nahen Kirche, hat mich geweckt. Am Abend zuvor waren die Rufe eines Muezzins das Letzte, was ich gehört hatte, bevor ich einschlief. Im Hafen des Friedens leben viele Völker und Religionen verträglich zusammen. In der pulsierenden Drei-Millionen-Stadt beginnt meine Reise durch Ostfrika.

Der Luxuszug «Rovos Rail» wird mich 2500 Kilometer durch Tansania und Sambia, Botswana und Simbabwe schaukeln. Von Daressalam, fast am Äquator, bis zu den Victoriafällen, einem der grössten Naturschauspiele der Welt.

Als ich durch den Wartesaal des Bahnhofs von Daressalam schlendere, fängt in meinem Kopf unvermittelt der Berner Liedermacher Mani Matter an zu singen: «Das isch ds Lied vo de Bahnhöf wo dr Zug geng scho abgfahren isch oder no nid isch cho und es stöh Lüt im Rägemantel dert und tüe warte.» Ziemlich unpassend dieses Lied, denke ich und lächle. Im Bahnhof Daressalam wartet an diesem Morgen niemand. Keine Menschenseele. Einen Bahnhof in Tansania muss man sich wie eine grosse Markthalle vorstellen, in der gerade kein Markt stattfindet.

Der Traum eines Schrotthändlers

Einsam steht unser Zug auf Gleis drei. Dunkelgrün und fast einen Kilometer lang. «The Pride of Africa», der Stolz von Afrika, hat ihn sein Besitzer Rohan Vos getauft. Der südafrikanische Unternehmer wurde reich im Schrottgeschäft, und aus Schrott bestand anfänglich auch sein Traum: Rohan Vos kaufte historische ­Lokomotiven und Waggons, manche 90 Jahre alt, und liess sie stilecht restau­rieren. Was als Privatvergnügen geplant war, wurde 1989 zur «Rovos Rail». Laut Eigenwerbung der «komfortabelste Zug der Welt».

Komfortabel fängt die Reise tatsächlich an: Auf dem Perron ist ein roter Teppich für die Fahrgäste ausgelegt. Wein wird serviert, später werden wir zu unseren Suiten geleitet. 50 Passagiere aus Deutschland, ein halbes Dutzend Schweizer. Meine Suite, holzgetäfert wie der ganze Zug, trägt den Namen der südafrikanischen Stadt Warrenton. Ich staune, wie gross elf Quadratmeter sein können. Clarissa Buitendach, das Zimmermädchen, zeigt mir, wo Minibar und Safe sich verovos railrstecken. Plötzlich ein Rumpeln, es quietscht und ächzt. Der Zug nimmt langsam Fahrt auf. Während die Häuser von Daressalam vorbeiziehen, winken uns Kinder zu. Ich winke zurück und lausche der Melodie dieser Reise: Te-Tem, Te-Tem, Te-Tem.

Die ersten drei Tage fahren wir durch Tansania. Ein Abenteuer im Sitzen. Ausflüge gibt es an den ersten zwei Tage keine, dafür einige Schütteleinlagen. Die Schienen der TaZaRa, also der Tanzania-Zambia-Railway, wurden in den 70er-Jahren von den Chinesen, die sich sehr in Ostafrika engagieren, verlegt. Die Schienen verlaufen heute nicht mehr ganz parallel. Entsprechend gemächlich tuckern wir durchs Land – unsere Reise­geschwindigkeit bewegt sich zwischen 20 und 40 Stundenkilometern.

Bald passieren wir das Selous-Reservat, Afrikas grössten Wildschutzpark. Die Eisenbahnreise wird zur Zugsafari. Ich sitze mit einigen Gästen auf den Holzbänken im offenen Aussichtswagen, eine der Attraktionen des Zugs. Die Stimmung ist aufgeregt, Fotoapparate klicken. Wir sehen Antilopen, Giraffen, Zebras und – «Schaut, dort!» – eine Elefantenfamilie, die sich im Buschwerk versteckt.

Alle hoffen wir, den Big Five, den grossen Fünf, auf dieser Reise zu begegnen: Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard. Wegen ihnen sind auch Lutz und Andrea Birgit Halang an Bord dabei: «Wir träumen seit Jahren von dieser Reise.» Jahrelang schien sie ein Traum, ein unerreichbarer Traum, zu bleiben. Die Halangs sind in der DDR gross geworden.

Die schönste Art des Nichtstuns

Die Hauptbeschäftigung an Bord des «Rovos Rail» ist aus dem Fenster gucken. Sonst gibt es wenig zu tun. Genau das macht die Faszination dieser Reise aus. Und ungeheuer entspannend. Man kann aber auch in einem der bequemen Fauteuils im Loungewagen Platz nehmen, in einer der ledergebundenen Zeitschriften blättern und sich einen Kaffee servieren lassen. Handys und Computer sind hier verboten, sie sollen nur in den Suiten benützt werden.

Dafür ertönt immer zur Mittags- und Abendzeit Musik: «Ding-Dang-Dong». Eine der Servicemitarbeiterinnen marschiert mit einem Xylofon durch den Zug. Gleich pilgern die ersten Passagiere in Richtung Speisewagen. Vier Gänge werden am Mittag serviert, vier am Abend, und zu jedem Gang wird südafrikanischer Wein ausgeschenkt. Fabelhaft, was Chefkoch Aubrey Pieterse und seine fünf Mitarbeiterinnen in der schmalen Küche, eingehängt zwischen den beiden Speisewagen, zaubern. Heute gibt es Gemüseterrine, danach wird Springbock-Lende serviert.

Bald fürchte ich, man wird mich am Ende der Reise aus dem Zug kugeln müssen. Ich nehme mir vor, jeden Tag mindestens fünfmal durch alle Waggons zu wandern, was gut und gerne zehn Minuten dauert. Am Morgen des zweiten Tags schlängelt sich der Zug durch eine Hügellandschaft. Die aufgehende Sonne hat die Kamelbuckel golden übergossen. Fast unwirklich schön. Nur hin und wieder wird es sekundenlang stockdunkel; wenn der Zug durch einen der vielen Tunnel fährt.

Bisher hat «The Pride of Africa» nur zum Kühlwassertanken kurze Stopps eingelegt. Die Bahnhöfe, meist irgendwo allein in der Landschaft stehend, sehen alle gleich aus: kalkweisse Bauten in unterschiedlichen Grössen, die Wartesäle, blau oder grün getüncht, meist menschenleer. Auch am Bahnhof Makambako, wo wir zum ersten Mal aussteigen dürfen, warten bloss zwei Frauen auf den nächsten Zug. Und das wahrscheinlich seit Stunden: Sie haben zwei Decken über Holzbänke gezogen und schlafen darunter.

In Stadt herrscht fröhliches Markttreiben. Holzhütte reiht sich an Holzhütte, alle bunt bemalt, und vor jeder wird etwas verkauft – Gemüse genauso wie Möbel, Turnschuhe genauso wie Velos, aber auch Pneus und Winterjacken. Plötzlich wird das ­ Tohuwabohu noch grösser: Ein Bus hat auf der Hauptstrasse einen Personenwagen gerammt. Gleich wimmelt es am Unglücksort von Menschen. Die Aufregung ist gross, der Schaden zum Glück klein, und wir müssen zum Bahnhof zurück.

Afrikas Seele in Sambia

In der Nacht überqueren wir die Grenze nach Sambia. Als ich am Morgen verschlafen zum Speisewagen schlendere, hat sich im Loungewagen eine Zöllnerin breit­gemacht. Auf ihrem Haupt thront eine mächtige dunkelrote Perücke. Die Frau kontrolliert akribisch genau die Pässe, mich beachtet sie nicht weiter. Unser Zug macht gerade halt in Nakonda, dem ersten Ort nach der Grenze. Auf dem Perron treffe ich den Stationsmanager Masereso. Seit 22 Jahren arbeitet er bei der Bahn. Früher war er Lokomotivführer. 41 Loks waren damals noch in Betrieb, heute nur noch 14. Und das trotz ständig steigender Kupferexporte.

Von den weniger schönen Seiten Afrikas berichtet wird auch in den morgend­lichen Bordvorträgen. Die beiden Reiseleiter Bianca Preusker und Kevin Stolzenberg erzählen von der Sklaverei in Ostafrika und auf der Insel Sansibar, einem der schlimmsten Verbrechen der Menschheit überhaupt. Auch die schrecklich hohen HIV-Zahlen sind Thema; in manchen afrikanischen Ländern ist jeder Dritte infiziert. Trotzdem schwärmt der in Deutschland aufgewachsene und seit Jahren in Südafrika lebende Kevin Stolzenberg von seiner zweiten Heimat mit dem Sprichwort: «Du kannst Afrika verlassen, aber Afrika verlässt dich nie.»

In Sambia treffen wir auf das Afrika, das man sich vorstellt, wenn man an den Schwarzen Kontinent denkt. Lehmhütten mit Strohdächern und Frauen, die kunstvoll geschichtetes Obst auf den Köpfen balancieren. Balancieren tut auch der Zug – der Zustand der Schienen ist hier noch schlechter. Die Wagen ächzen, stöhnen, jammern. Kein Wölkchen hängt über dem endlos scheinenden Buschland Sambias. In der Stadt Kapiri Mposhi wechseln wir von der TaZaRa-Strecke auf die alte Kolonial-Bahnlinie.

Sie hätte einst nach den Plänen des britischen Imperialisten Cecil Rhodes bis nach Kairo führen sollen. Sein Leitmotiv war ein Slogan, der in der britischen Presse 1876 zum ersten Mal auftauchte: «Von Kairo ans Kap!» Die Gier nach Gold und Diamanten trieb viele Menschen nach Afrika. Die Ironie der ­Geschichte: Das Bahnprojekt von Rhodes wurde vom kommunistischen China in den 1970er-Jahren, wenigstens teilweise, fortgesetzt.

Auch unsere Reise geht weiter. Wenn da nur nicht dieses Problem wäre: Eine Lokomotive, die vor uns fuhr, ist ausgefallen und versperrt jetzt die Strecke. Wir haben bereits fünf Stunden Rückstand auf unsere Marschtabelle. Vergangene Nacht hat Zugmanagerin Mart Marais kaum geschlafen. Sie sucht fieberhaft nach einer Lösung. Und bleibt dabei seelenruhig, arbeitet sie doch schon seit zehn Jahren bei «Rovos Rail». Wie immer findet sie auch diesmal eine Lösung: zwei königsblaue Busse. Wir müssen umsteigen.

Die nächsten 500 Kilometer gehts auf der Strasse vorwärts. Sonst schaffen wir es nicht rechtzeitig in die Chobe Safari Lodge hinter der nächsten Grenze in Botswana. Verpassen tun wir nicht viel: Gleise und Strasse verlaufen meist parallel. Als wir gegen Nachmittag den Sambesi-Fluss erreichen, er bildet bei Kazungula die Grenze zwischen Botswana und Sambia, stehen dort Dutzende von Lastwagen. die auf ihre Überfahrt warten. Manch ein Chauffeur muss hier wegen der komplizierten Zollformalitäten bis zu vier Tage stehen, bis sein Gefährt endlich auf die Fähre darf. Uns winken die Zöllner durch.

Bei den Big Five

Jetzt ist der nächste Höhepunkt nur noch 15 Autominuten entfernt: der berühmte Chobe-Nationalpark. Kurz darauf sitzen wir im offenen Gelände­wagen und brausen Richtung Parkeingang. Die Zeit drängt etwas, nach Sonnenuntergang darf sich niemand mehr im Park aufhalten. Der «Chobe» ist bekannt für seine grossen Elefantenherden.

Die Wildnis hier ist hart, rau und romantisch zugleich. Und die weitläufige Sumpflandschaft lockt viele Tiere an: ­Neben den Elefanten weiden Flusspferde, Büffel, Kudus und Gnus. Und während einige Paviane hintereinander herjagen, sonnen sich Dutzende Krokodile scheinbar unbeteiligt am Rand des Sumpfes.

Plötzlich spricht unser Fahrer aufgeregt in sein Funkgerät, dann steht er abrupt auf die Bremse und dreht ab. Müssen wir zurück, weil die Sonne untergeht? Von wegen! Einer der Big Five hat es sich auf einem Baum gemütlich gemacht: Und der Leopard lässt sich auch von uns nicht aus der Ruhe bringen. Er streckt alle viere von sich, rekelt sich in der glutroten Abendsonne.

Die Realität ist eben doch schöner als jede Postkarte. Nur, dass in Realität jede Reise, und sei sie auch noch so schön, irgendwann zu Ende geht. Am nächsten Morgen heisst es Abschied nehmen von Afrika – aber noch wartet ein letzter, spektakulärer Höhepunkt: die Victoriafälle an der Grenze zwischen Simbabwe und Sambia. Auf einer Breite von 1708 Meter ergiesst sich das Wasser des Sambesi-Flusses über eine 110 Meter hohe Felswand. Es ist, als hätte ein Riese mit einer Axt eine Spalte in die Erdkruste gehauen. Die Einheimischen Kololo nennen die Wasserfälle Mosi-oa-Tunya, zu Deutsch: donnernder Rauch.

Der Sprühnebel steigt bis zu 300 Meter auf, ist noch in 30 Kilometer Entfernung zu sehen. Während der Nebel meine Haut benetzt, denke ich an die Tage im «Rovos Train» zurück und pflichte dem legendären englischen Missionar und Afrikaforscher David Livingstone bei, der die Fälle 1851 als erster Europäer sah und darüber den Satz notierte: «Ein Bild, so schön, dass Engel im Flug es bestaunen.»

Diese Reportage erschien zuerst in der «Schweizer Familie».

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