58 Buchstaben lang Dorf mit Rekord-Namen wird zum Touristenmagneten

Silvia Kusidlo, dpa

17.3.2018

Ziemlich abgelegen, viel Regen: Wer in einem solchen britischen Ort wohnt, muss sich schon etwas einfallen lassen, um gut leben zu können. Ein Dorf in Wales profitiert von einer genialen Idee.

«Ich habe noch nie so viele Leute aus aller Welt gesehen - und das ausgerechnet hier.» Gwenno Ann Gawler, Verkäuferin im kleinen Delikatessenladen eines abgelegenen Dorfes in Wales, ist verblüfft über die Heerscharen von Touristen. «Chinesen, Japaner, Russen, Franzosen, Niederländer - sie kommen einfach alle.»

Es ist der 58 Buchstaben lange Name des Ortes im Westen Grossbritanniens, der die Touristen in Scharen anlockt. Er heisst: Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch. Damit hält das unscheinbare Dorf, in dem es oft regnet, einen Rekord: Es hat den längsten amtlichen Ortsnamen in Europa. Wird er auf einer Wetterkarte im Fernsehen gezeigt, dann reicht der Name vom Westen des Vereinigten Königreichs bis zur deutsch-niederländischen Grenze.

Ortsname nahezu unaussprechbar

Für Fremde ist die Ortsname nahezu unaussprechbar. Schon die vier «l» hintereinander stellen Nicht-Waliser vor Rätsel. Wer glaubt, dass dieser Name Humbug ist, der irrt gewaltig. Er bedeutet: «Marienkirche in der Mulde der weissen Hasel, in der Nähe eines schnellen Strudels und der Kirche St. Tysilio bei der roten Höhle».

«Stell' dich genau unter die Mitte des Schildes», weist eine Mutter ihren Sohn auf dem Bahnhof des Ortes an. Als der sich unter dem 29. Buchstaben positioniert hat, beginnt ein Fotoshooting. Das ultralange Bahnhofsschild gehört zu den beliebtesten Fotomotiven in Wales, wenn nicht gar in ganz Grossbritannien, wie Einheimische behaupten.

Das Wortungetüm entstand im 19. Jahrhundert als Marketing-Gag. Ursprünglich hiess der Ort nur Llanfair Pwllgwyngyll. Doch als ab den 1850er Jahren eine Eisenbahnlinie durch das Dorf führte, suchten die Bewohner nach einer Möglichkeit, die Reisenden zum Zwischenstopp zu bewegen. Ein gewiefter Schuster habe sich den werbewirksamen langen Namen ausgedacht, sagt Gemeinderat Alun Mummery.

Die Rechnung ging auf: Zahlreiche Reisegruppen besuchen seitdem den Ort auf der Insel Anglesey, die durch Brücken mit dem Festland verbunden ist. Etwa 3000 Einwohner leben hier, wie Mummery berichtet. «Ausserdem haben wir ein schönes Hotel und zwei Pubs», schwärmt er.

Auch Prominente besuchen die Insel

Die Idee des Schusters war ein Glücksfall, denn sonst ist nicht viel los in Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch. Der Ort liegt in der Nähe, aber nicht direkt an der Irischen See. Unter anderem für Wanderer sind die Ausläufer des Snowdonia-Nationalparks zu erkennen, aber das Gebirge ist noch ein ganzes Stück weg. Die meisten Häuser könnten ein paar Töpfe Farbe gebrauchen. Schön ist anders.

Normalerweise machen auf der entschleunigten Insel im Nordwesten von Wales, die mehr Schafe als Bewohner hat, nur Eingeweihte Ferien. Prinz William und Herzogin Kate hatten auf Anglesey gelebt, als William dort als Huschrauberpilot für die Royal Air Force stationiert war.

Prominenz gab es auch direkt im Dorf; Schauspielerin Naomi Watts lebte als Kind hier bei ihren Grosseltern. In einen Film schaffte es der Ort ebenfalls - als Kennwort in der Comicverfilmung «Barbarella».

Llanfair oder Llanfairpwll

Die Einwohner profitieren zwar vom langen Namen ihres Ortes, nennen ihn aber meist selbst nur Llanfair oder Llanfairpwll. Auf der Insel Anglesey beherrschen fast 70 Prozent der Einwohner Walisisch, das auch an Schulen unterrichtet wird. Sowohl Walisisch als auch Englisch sind die Amtssprachen im britischen Landesteil Wales.

«Hierher kommen sogar Amerikaner, deren Kreuzfahrtschiffe im Hafen von Holyhead ankern», berichtet stolz eine Mitarbeiterin eines Einkaufszentrums direkt am Bahnhof. «Auch Australier besuchen uns. Oft kommen sie hierher, weil ihre Vorfahren aus Wales stammen.»

Der 58-Buchstaben-Ort ist nichts im Vergleich zu Thailands Hauptstadt Bangkok in der Landessprache. Sie gilt als längstes Ortsbezeichnung weltweit und bringt es locker auf das fast Dreifache an Buchstaben.

Ganz kurz geht es auch: Viele Ortsnamen bestehen nur aus einem einzigen Buchstaben, zum Beispiel Å in Skandinavien, was etwa kleiner Fluss bedeutet. Die Menschen in Wales brachte das auf eine weitere Idee: Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch schloss werbewirksam Partnerschaften mit Orten, die extrem kurze Namen haben. Seitdem verbindet die Waliser eine Freundschaft mit dem niederländischen Dorf Ee und einer kleinen Gemeinde in Frankreich: Y.

Zurück zur Startseite