Super-Taifun Rai hat ihnen alles genommen

Von Claudio Sieber, Siargao, Philippinen

11.1.2022

Kurz vor Weihnachten fegt «Rai» über die Philippinen. Der tropische Wirbelsturm hinterlässt ein verwüstetes Land und über 400 Tote. Die beliebte Ferieninsel Siargao trifft es besonders hart. Eine Fotoreportage.

Von Claudio Sieber, Siargao, Philippinen

11.1.2022

Kurz nach dem Erscheinen des romantischen Films «Siargao» 2017 kürte «Condé Nast Traveler» Siargao zur «schönsten Insel Asiens», und der Tourismus-Hype war perfekt. Surfer und Reisende kamen in Scharen, etliche Investoren erschufen hier innert wenigen Jahren eine Vorzeigeinsel.

Jedoch illustrieren die traumhaften Bilder von Siargao, die man von Social Media her kennt, nur eine Seite der Tropeninsel. Die heimische Bevölkerung ist seit eh und je mittellos. Lediglich 5 Prozent der 200'000 Einwohner profitieren von der jungen Insel-Ökonomie.


So inszenierten sich Reisende vor dem Tropensturm auf der Insel Siargao:

Kaum Touristen während der Pandemie

Die Pandemie kommt der «schönsten Insel Asiens» höchst ungelegen. Touristen reisen ab, Hotelbetreiber offerieren ihre Gemächer zu Tiefstpreisen, doch mit der andauernden Misere machen auch sie sich irgendwann davon.

In der Gastronomie, wo kaum einer Reserven hat, wird es ganz eng, wenn der Tourist aus Übersee, ja sogar der Hauptstadt Manila ausbleibt. Ergo flieht jegliches Personal zwangsläufig zurück zur Familie in die Provinz, pflegt den Garten oder widmet sich wieder dem Fischfang.

Spur der Zerstörung

Dann, kurz vor Weihnachten, verdichtet sich die Wolkendecke am Tor zum Pazifik.

Die tiefgläubigen Philipiner beginnen zu beten.

Am 16. Dezember zerlegt Supertaifun «Rai» (Klasse 5) in knapp zwei Stunden die Insel in ihre Einzelteile.

Hausdächer werden verweht, geankerte Boote zerstört, Strom-Masten umgeknickt, die zahlreichen Palmen der Insel wirbeln wie Zahnstocher durch die Luft. 

Zurück bleibt ein Ödland, in dem auf den ersten Blick nichts zu gedeihen scheint als das «Bayahinan» – der unvergleichbare Zusammenhalt der philippinischen Kommunen, die mit vereinter Kraft ihre einfachen Hütten wieder aufbauen und dabei den Launen der Welt entgegengrinsen. «Keine Wahl», sagt Jerry Gana seufzend, der gerade Balken zu seinem dachlosen Heim schleppt.

Staatliche Hilfe bleibt aus

Weder Staat noch Versicherung rettet die Einheimischen aus der Tristesse. Nach wenigen Tagen finden die ersten Hilfsgüter auf die Insel, vor allem Reis und Konserven. Vieles davon wurde von der Provinzregierung umgehend konfisziert und vorübergehend eingelagert.

Gemäss Informationen von Siargao Masaya – einem Hilfswerk, das von der hier wohnhaften Westschweizerin Stéphanie Roth Gana gegründet wurde, missbrauchen die mächtigen Clans die Soforthilfe für ihren angehenden Wahlkampf. «Sie nutzen die Gunst der Stunde, um die Essenspakete vor der Distribution mit Propaganda zu versehen», sagt Stéphanie.

Die Administration in Manila gab wiederum bekannt, dass für den Wiederaufbau schlicht das Budget fehlt. In der Tat verliessen die letzten Transportflugzeuge Siargao vor wenigen Tagen. «Wir fühlen uns vom Staat im Stich gelassen», sagt Jhenalyn de Leon wütend, eine Mutter von drei Kindern, die ihr Zuhause an den Taifun verloren hat.

Wiederaufbau beginnt

Die Rettungsarbeit hängt vom Goodwill Privater ab, von spendierfreudigen Immigranten sowie in- und ausländischen Hilfswerken wie Siargao-Masaya. Alle stehen sie vor einer logistischen Herausforderung: Ein Grossteil der einheimischen Bevölkerung hat alle Habseligkeiten verloren und lebt weit ab vom Schuss, für unbestimmte Zeit fehlt ihnen der Zugang zu sauberem Wasser und Reis.

In der nächsten Phase der Katastrophenhilfe geht es laut Siargao Masaya nun darum, Materialien für die zerstörten Häuser zu organisieren und die Existenzgrundlage der Fischer und Bauern zu sichern. Nur so haben die Einheimischen eine Perspektive.


Zum Autor: Claudio Sieber
Bild: zVg

Der Multimedia-Journalist Claudio Sieber aus St. Gallen reist seit mehreren Jahren durch Asien, wo er über die Traditionen fremder Völker, Popkultur und den sozialen Wandel im Orient und Ozeanien berichtet.