Tipps fürs neue Jahr vom Glücksforscher

«Es wird Zeit, aus der Empörung auszubrechen»

Von Anne Funk

30.12.2021

Champagnerglaeser neigen sich zum obligaten Prosit und den Glueckwuenschen zum Jahresende. Der Beginn des neuen Jahres wird ritualisiert durch Feuerwerk, Korkenknallen, Girlanden und Gluecksbringer. (KEYSTONE/Str)
«Pro Woche einen empörungsfreien Tag festzulegen, hilft nicht nur dem eigenen Glück, sondern auch dem Glück der Mitmenschen»: Der Experte plädiert für mehr Gelassenheit gerade auch jetzt, wo die Pandemie-Lage sich verschärft. (KEYSTONE/Str)
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Der Glücksforscher Mathias Binswanger erklärt, warum wir guten Mutes ins Jahr 2022 gehen können – und welche Tricks gegen Pessimismus helfen.

Von Anne Funk

30.12.2021

Die Corona-Krise will einfach kein Ende nehmen, und auch der Klimawandel ist eine riesige Herausforderung. Aktuell positiv in die Zukunft zu blicken, fällt nicht gerade leicht.

Das zeigen auch die Ergebnisse einer aktuellen Umfrage: Vier von fünf Personen machen sich wegen der Corona-Pandemie Sorgen. 81 Prozent der Befragten sind wegen der Teuerung beunruhigt, ein Sechstel befürchtet, dass sich ihre finanzielle Lage im kommenden Jahr verschlechtern wird. Es gibt viele Gründe, pessimistisch zu sein. 

Zur Person

Mathias Binswanger (1962) ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen. Binswangers Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Makroökonomie, Finanzmarkttheorie, Umweltökonomie sowie in der Erforschung des Zusammenhangs zwischen Glück und Einkommen. Er ist Autor der Bestseller «Die Tretmühlen des Glücks» (2006) und «Sinnlose Wettbewerbe» (2010).

Und trotzdem: Den Mut verlieren sollten wir nicht. Dieser Meinung ist auch der Glücksexperte Mathias Binswanger. Im Interview mit blue News verrät der Wissenschaftler Strategien, damit einem die Sorgen nicht über den Kopf wachsen. Ausserdem spricht Binswanger über die Rolle der Corona-Pandemie, kritisiert die Rolle der Medien – und wirbt für eine besondere Massnahme.

Herr Binswanger, wie hat sich 2021 vom ersten Pandemie-Jahr 2020 unterschieden?

Im Jahr 2021 wusste man schon ungefähr, was bei einer zweiten, dritten oder einer weiteren Welle auf einen zukommt. Dann wurde die Impfung zum grossen Hoffnungsträger. Leider ging diese Hoffnung nur begrenzt in Erfüllung. Die Impfung mildert zwar den Verlauf, aber verhindert keine Ansteckungen.

Einen grossen Unterschied machte auch die wirtschaftliche Entwicklung. Nach dem durch Lockdowns ausgelösten Rückschlag im Jahr 2020 erholte sich die Wirtschaft 2021 ziemlich schnell, und wir haben das Niveau des BIP vor der Pandemie bereits wieder übertroffen.

Laut einer aktuellen Umfrage blicken Schweizer*innen eher pessimistisch auf das neue Jahr, etwa wegen Corona und steigender Mieten. Wie kann ich mir den Optimismus in dieser Zeit bewahren?

Indem ich mir immer wieder bewusst mache, dass die Berichterstattung in den Medien zu alarmistisch und schwarzmalerisch daherkommt und die Realität verzerrt wiedergibt. Mit Panik lassen sich eben mehr Klicks generieren als mit Schönwetterberichten.



Nach wie vor leben wir in der Schweiz nach objektiven Kriterien besser, als Menschen jemals in der Geschichte irgendwo auf dieser Welt gelebt haben. Doch wir sind Weltmeister darin, das Glas nicht zu 9/10 als voll, sondern zu 1/10 als leer zu sehen.

Kann es eine Lösung sein, einfach keine Nachrichten mehr zu konsumieren?

Das kann durchaus eine Lösung sein. Heute muss ich mir ja keine Mühe mehr geben, an News heranzukommen. Diese springen mir auf fast jedem Internet-Portal ins Gesicht. Das Problem ist vielmehr, wie ich es schaffe, nicht ständig mit irrelevanten und auf wichtig getrimmten Trivialitäten zugemüllt zu werden. Das gilt auch für Corona. Es macht keinen Sinn, sich 365 Tage im Jahr mit Corona-News vollzustopfen.

Welche Tricks und Techniken können dabei helfen, damit einem die Sorgen nicht über den Kopf wachsen?

Menschen machen sich im Alltag gar nicht so oft Sorgen um grosse Themen wie Corona oder Klimawandel, solange sie nicht selbst davon betroffen sind. Wirklich Sorgen bereiten Dinge, die einen selbst betreffen wie Tod oder Trennung von geliebten Menschen, ein drohender Jobverlust, Einsamkeit, oder die Frage, wieso jemand Erfolg hat, von dem man genau «weiss», dass er es nicht verdient hat. Was dagegen hilft, ist einerseits ein aktives Sozialleben durch Pflege von Freundschaften und Beziehungen und andererseits das Ausüben von Tätigkeiten, die einem Freude bereiten.

Was macht das Auf und Ab der Pandemie mit den Menschen?

Stets wiederkehrende Einschränkungen oder deren Androhungen machen Menschen je nach Typ mit der Zeit apathisch, depressiv oder auch aggressiv. Das wahrscheinlich Schlimmste: Menschen verlagern ihr sonst schon auf Sparflamme kochendes reales Leben noch mehr in virtuelle Sphären.

Der Oberrheinrat lobt die Verschärfung der Corona-Schutzmassnahmen in Basel-Stadt, wie die Schliessung der Restaurants, als vorbildlich.
Zu den Einschränkungen der Corona-Pandemie gehörten auch Restaurantschliessungen. Glücksexperte Binswanger befürchtet daraus resultierend ein Sozialleben auf Sparflamme.
Bild: SDA

2020 haben wir alle mit der Hoffnung verabschiedet, dass im neuen Jahr alles besser wird. Doch nun, so scheint es, stehen wir ähnlich da wie vor einem Jahr, trotz Impfungen. Wie kann man da noch mit Zuversicht ins neue Jahr schauen?

Ich habe mich nicht von dieser Hoffnung verabschiedet. Ich sehe keinen Grund für längerfristigen Pessimismus. Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben, so wie wir auch mit Grippe, Krebs oder Unfällen leben.

Was wünschen Sie den Schweizer*innen und der Schweiz für das kommende Jahr?

Es wird Zeit, aus der sinnlosen Empörungsspirale auszubrechen, bei der sich Impfskeptiker und Impfenthusiasten gegenseitig in einen Dauerempörungszustand katapultiert haben. Natürlich geht das nicht von heute auf morgen. Aber man kann ja mal damit beginnen, pro Woche einen empörungsfreien Tag festzulegen. Das hilft nicht nur dem eigenen Glück, sondern vor allem auch dem Glück der Mitmenschen.