Vom Makel zum modischen Statement: graue Haarpracht

Kerstin Degen

1.3.2019 - 15:27

Das erste graue Haar – früher ein Alptraum. Heute färbt grau, wer noch Farbe auf dem Kopf hat. Ein Plädoyer für gepflegte Silberwellen und den Mut zur alternden Haarpracht.

Graue Haare machen Männer interessant, vermitteln Reife, Geborgenheit, finanzielle Sicherheit und Lebenserfahrung, heisst es. Man denke an George Clooney oder Richard Gere, beide landeten in den 90er-Jahren – nach Auftreten der ersten silbernen Strähnen – auf der Liste der Sexiest Man Alive.

Doch Reife oder finanzielle Sicherheit gehören bestimmt nicht zu den Primärattributen, die in die Jahre gekommene Männer auf Partnersuche in den Vordergrund rücken. Ergo landete Frau mit silberner Haarpracht auch eher in der Kategorie graue Maus – bisher, denn zum Glück stehen mittlerweile immer mehr Frauen zu ihrem natürlichen Haar, ganz gleich wie ergraut der Schopf auch sein mag.

Grosi-Haar erobert die Welt

Angefangen hat es vor ein paar Jahren. Während die Ü40er noch jedes graue Haar mit Pinsel und Farbe attackierten, begannen junge Celebrities und Fashionistas wie Tavi Gevinson, Kylie Jenner oder Pink ihren blonden, roten oder kastanienbraunen Mähnen einen grauen Anstrich zu verleihen. Geboren war der «Granny Look», der bis heute in Variationen von Pastellgrau zu Ultraweiss auf- und jenseits der Laufstege zu bewundern ist. 

Strahlend weiss – strahlend schön: Stefanie Heinzmann im Grosi-Look

Graue Haare – Die wichtigsten Fakten:

  • Graue Haare gibt es nicht. Die graue Haarpracht ist eine optische Täuschung einer Mischung pigmentierter und pigmentloser Haare. 
  • Wie so vieles, lässt auch die Produktion des Farbpigments Melanin mit dem Alter nach und stellt sich irgendwann komplett ein. Dadurch treten verstärkt weissliche, nicht pigmentierte Härchen, erst an den Schläfen und zuletzt am Hinterkopf auf.
  • Niemand ist vor weissem Haar gefeit, doch den Zeitpunkt des Ergrauens bestimmen zum grössten Teil unsere Gene. UV-Licht, andauernder Stress und eine anhaltende Übersäuerung des Körpers können den Prozess jedoch beschleunigen.
  • Ständiges Haarefärben oder gar Repigmentieren ist ein kostspieliges und strapaziöses Unterfangen und lässt die Haarpracht stumpf und brüchig werden.
  • Graues Haar wirkt oft spröde, glanzlos und kann einen Gelbstich erhalten. Wer dem entgegenwirken will, greift zu einem Shampoo mit blauen Farbpigmenten.

Graues Haar als Karrierehindernis

Den Sprung auf die Karriereleiter schaffte lange Zeit nur, wer einer gewissen Norm entsprach, schnittiger Anzug und Föhnfrisur inklusive. Und gerade für Frauen in der Öffentlichkeit, von der Managerin bis zur TV-Moderatorin, galt über Jahrzehnte: Grau wirkt nicht kompetent, sondern einfach nur alt.

Das mag zwar verwundern, schaut man sich jedoch unter Staatsmännern und -frauen um, fällt auf: auch am Politikerhaar wird getüncht und gepinselt, bis die Farbe stimmt. 

Heute ist mehr Individualität gefragt. Wer erfolgreich sein will,  muss vor allem Ideenreichtum und Kreativität mitbringen. Und so setzt auch die Führungsetage immer mehr eigene Akzente, sei es mit den Sneakers zum Doppelreiher oder eben mit den silbernen Strähnen.

«Grau ist modern», sagte Monika Schulz-Strelow, die sich mit ihrem Verein Fidar für mehr Frauen in den deutschen Aufsichtsräten starkmacht, vor einem Jahr in einem Artikel der Welt . «Und das setzt Energien bei Karrierefrauen frei, die sich nicht mehr verbiegen müssen oder wollen.»

Zurück zur Natur

Unter dem Hashtag #grombre zelebrieren Frauen aus aller Welt ihre alternde Haarpracht. Die «Silver Community», wie sie sich nennt,  pfeift auf den gesellschaftlichen Schönheitswahn und regelmässige Coiffeurbesuche. Die sind nämlich nicht nur müssig, sondern weisen eine furchtbar schlechte Ökobilanz auf und gehen darüber hinaus ganz schön ins Geld. 

Ach ja, und das Haar wird auch nicht schöner. Ständiges Haarefärben lässt die Haare stumpf, brüchig und dünn werden – und damit die Trägerinnen umso älter aussehen. Ein Glück, dass sich das Schönheitsideal zu wandeln scheint.

Graues Haar ist nicht länger ein Zeichen des Älterwerdens, sondern gilt als modisches Statement. Die «Silver Ladys» – egal, welchen Alters – tragen ihre Silberwellen mit Stolz, Mut und Entschlossenheit und wirken damit mindestens ebenso attraktiv wie Clooney oder Gere schon in den 90ern.

Stress lass nach – die schönsten Wellnessoasen der Schweiz
Zurück zur Startseite