Warum es im Todeswald Aokigahara so viele Selbsttötungen gibt

tafi

12.12.2018 - 20:05

In einem dichten Wald am Fusse des Fujis erhängen, erschiessen und vergiften sich mehr Menschen als an anderen Orten in Japan. Warum übt der Aokigahara-Wald diese morbide Faszination aus?

Es ist der Ort, an dem man alles beenden könne: So beschrieb der japanische Schriftsteller Matsumoto Seichō in den 1960er-Jahren in seinem Roman «Nami no tō» (deutsch: «Der Wellenturm») den Aokigahara-Wald.

«Das Meer der Bäume», so wird dieser ursprüngliche, aussergewöhnlich dicht bewachsene Wald am Nordhang des Fuji genannt. Oder eben: «Der Selbstmordwald». An keinem anderen Ort in Japan scheiden so viele Menschen freiwillig aus dem Leben wie hier.



In Japan hat es immer schon eine extrem hohe Suizid-Rate gegeben. Angst vor gesellschaftlicher Schande, hoher Arbeitsdruck, Einsamkeit – etwa 25'000 Menschen beenden jedes Jahr freiwillig ihr Leben im Land der aufgehenden Sonne. Laut einer von CNN zitierten aktuellen Statistik ist die Suizidrate unter Kindern und Jugendlichen zuletzt so hoch gewesen wie seit 30 Jahren nicht mehr.

«Das Leben ist ein kostbares Geschenk» – das steht auf grossen Schildern an den Eingängen des Aokigahara-Walds. Und trotzdem finden Behörden und Spaziergänger in dem märchenhaften-düsteren Wald jedes Jahr Dutzende Leichen. Am Jahresende durchkämmen Hundertschaften der Polizei den Wald, um die Toten zu bergen. Als die Präfektur im Jahr 2003 zuletzt offizielle Zahlen veröffentlichte, waren es 103. Seitdem wird die Statistik geheimgehalten, um nicht noch mehr Sterbewillige anzulocken.



Überall im 3'000 Hektar grossen Wald, der Wanderer mit seinem dichten Bewuchs und hügeligem Boden schnell verschlingen kann, finden sich Zeichen der unzähligen menschlichen Tragödien, die sich hier ereigneten. Letzte Lagerstätten, einsame Schuhe, Seilreste, die von Behörden und Helfern nicht weggeräumt wurden.

Experten haben lange gerätselt, warum ausgerechnet der Aokigahara-Wald eine derartige Faszination auf Menschen ausübt, die ihrem Leben ein Ende setzen wollen. Zum einen spielt der geistliche und kulturelle Faktor eine Rolle. Seit Jahrhunderten wird der Wald mit dem Tod assoziiert. Angeblich sei man hier den Geistern besonders nahe. Seit einem halben Jahrhundert verankerten Bücher, Mangas und Filme den Ort auch im popkulturellen Bewusstsein.

Der makabre Bestseller «Handbuch für Selbstmord» empfiehlt ihn explizit für die letzte Reise. Aber es gibt auch pragmatische Gründe: Weil der Wald so unübersichtlich ist und auch an Sommertagen kaum Sonne durch das Blätterdach dringt, können sich Todeswillige relativ sicher sein, nicht gefunden und von ihrem Vorhaben abgehalten zu werden.



Dass ihre aus unterschiedlichsten Gründen verlorenen Kämpfe mit dem Leben für Klicks und Lacher ausgeschlachtet werden, davor sind sie gewiss nicht geschützt. Im Januar 2018 sorgte Youtube-Star Logan Paul für einen Sturm der Entrüstung, weil er sich im Aokigahara-Wald auf Leichensuche begab und in einem Video Witze über einen toten Mann riss, den er tatsächlich fand. Erst vor wenigen Tagen eiferte ihm ein indonesischer Rapper nach. 

Hier bekommen Sie Hilfe:

Wenn Sie selbst Suizid-Gedanken haben oder jemanden kennen, der Unterstützung benötigt, wenden Sie sich bitte an die Berater der Dargebotenen Hand. Sie können diese vertraulich und rund um die Uhr telefonisch unter der Nummer 143 erreichen. Spezielle Hilfe für Kinder und Jugendliche gibt es unter der Nummer 147.

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