Dänemark schaltet in den Rückwärtsgang

tafu

10.11.2021

epa09444616 Nightlife guests gather in front of Rumors on Noerregade in Copenhagen, Denmark, 03 September 2021. From Wednesday, nightclubs and bars could be open more or less as usual with a dance floor and without distance. This is the first time since the coronavirus pandemic hit Denmark.  EPA/Olafur Steinar Gestsson  DENMARK OUT
Mitte September fielen in Dänemark sämtliche Corona-Beschränkungen. Doch aufgrund steigender Zahlen ist das Feiern ohne Corona-Pass nun erst einmal wieder vorbei.
Bild: Keystone/EPA/Olafur Steinar Gestsson

In Dänemark erklärte man im September die Pandemie für beendet. Zwei Monate später sieht sich das Land mit steigenden Infektionszahlen konfrontiert. Der einzige Weg: die Rückkehr der Corona-Einschränkungen.

tafu

10.11.2021

«Freedom Day» – auf diesen Tag fiebern wohl weltweit alle Menschen hin. Der Tag, an dem alle Corona-Vorschriften fallen. Dänemark konnte diesen Tag bereits am 10. September feiern, man habe die Pandemie unter Kontrolle, hiess es damals. Tausende Menschen drängten sich wieder auf Tanzflächen, die Maskenpflicht gehörte der Vergangenheit an, ob getestet, genesen, geimpft oder ungeimpft, niemand wurde mehr nach seinem Status gefragt.

Doch der Jubel dauerte nicht lange an: Dänemark steht vor einer erneuten Verschärfung der Corona-Massnahmen. Das Land, das nicht nur mit dem «Freedom Day», sondern auch mit dem Lockdown oder der Einführung eines Corona-Passes zu den ersten in Europa zählte, muss nun offenbar auch als eines der ersten den Schritt zurückgehen, berichtet der «Spiegel». Vielleicht müssen auch hier in den kommenden Wochen weitere Länder folgen.

«Das Virus nicht einfach laufen lassen»

Ministerpräsidentin Mette Frederiksen bereitet die Bürgerinnen und Bürger auf erneute Einschränkungen vor. «Wir können das Virus nicht einfach laufen lassen», so die Warnung. Das Parlament hat am Dienstagabend bereits grünes Licht für die Wiedereinführung bestimmter Corona-Beschränkungen gegeben.

Denmark's Prime Minister Mette Frederiksen speaks during a press conference on coronavirus in the Prime Minister's Office at Christiansborg in Copenhagen, Monday Nov. 8, 2021.
Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen warnte am Montag: «Wir können das Virus nicht einfach laufen lassen.»
Keystone/Olafur Steinar Gestsson/Ritzau Scanpix via AP

Der zuständige Ausschuss beschloss nach Angaben von Gesundheitsminister Magnus Heunicke, dass Covid-19 wieder als «gesellschaftskritische Krankheit» bezeichnet werden kann – zunächst für einen Monat. Damit ist die Regierung bevollmächtigt, Massnahmen zu beschliessen, die die Verbreitung des Virus bremsen sollen, ohne vom gesamten Parlament die Zustimmung einholen zu müssen. Es reicht, wenn der Ausschuss dies absegnet.

Der Corona-Pass ist zurück

So muss ab kommendem Freitag beim Besuch eines Restaurants oder Clubs wieder der Corona-Pass, der den Nachweis über Impfung, Genesung oder Test erbringt, vorgezeigt werden, von allen Personen ab 15 Jahren. Bei allen öffentlichen Veranstaltungen wie Konzerten, Konferenzen, Messen oder in Vergnügungsparks sowie beim Besuch von Spitälern ist die Vorlage ebenfalls nötig.

Grund für die neuerlichen Verschärfungen ist die stark gestiegene Zahl neuer Ansteckungen. Während Mitte September gerade einmal 200 Fälle registriert wurden, liegt der Wert derzeit bei 2300. Auch der Anteil positiver Tests hat sich fast verdoppelt, von 1,2 Prozent auf 2,3.

Hospitalisierungen steigen

Doch wie auch in anderen Ländern ist nicht nur die Zahl der Fälle entscheidend, sondern vor allem die Belastung der Spitäler. Derzeit werden in ganz Dänemark 300 Corona-Patienten stationär behandelt. Die kritische Grenze rückt damit immer näher. Für einen kurzen Zeitraum seien 800 bis 1000 Patienten vertretbar, längerfristig dürfte die Zahl die 500 nicht übersteigen, um das Gesundheitswesen nicht zu überlasten.

Bleibe es beim derzeitigen Anstieg, sei der erste kritische Wert bereits in einem Monat erreicht, erklärt Lone Simonsen, Epidemiologie-Professorin an der Universität Roskilde beim «Spiegel». Die neuen Pläne seien also eine «angemessene Vorsichtsmassnahme».



Erwartet hätte Simonsen diese allerdings noch nicht so früh. Einen neuerlichen Lockdown schliesse die Epidemiologin aber aus, da die Impfquote in Dänemark sehr hoch sei. Über 95 Prozent der Menschen über 50 Jahren seien voll immunisiert. «Das ist entscheidend, denn die Älteren haben das höchste Risiko, durch das Virus schwer zu erkranken.» Mit einer dritten Impfung soll der abnehmenden Schutzwirkung besonders bei den gefährdeten Altersgruppen entgegengewirkt werden.

A view of the audience watching the Minds of 99, during a concert in the Park, in Copenhagen, Saturday, Sept. 11, 2021.
50'000 Menschen feierten am 11. September 2021 in Kopenhagen bei einem Rockkonzert – ohne Beschränkungen. 
Keystone/Olafur Steinar Gestsson/Ritzau Scanpix via AP

Lone Simonsen sieht in den neuen Massnahmen zwei weitere Vorteile: Das allgemeine Risikobewusstsein werde wieder steigen, die Menschen werden sehen, dass die Pandemie noch lange nicht vorbei ist und wieder genauer aufpassen, sich nicht anzustecken. Ausserdem könnten sich nun vielleicht mehr Ungeimpfte entscheiden, sich doch noch immunisieren zu lassen.

Hoffnung auf mehr Impfwillige

Das hofft auch die Ministerpräsidentin und appellierte am Montag an alle Impfverweigerer, sich nun umzuentscheiden. «Für euch wird es schwieriger werden. Und genau so sollte es meiner Meinung nach sein», so Mette Frederiksen.



Immerhin: Die Unterstützung der wiedereingeführten Massnahmen ist in der Bevölkerung gegeben. So  begrüsste die Gastro-Branche die Rückkehr des Corona-Passes. Und auch Gesunsheitsminister Magnus Heunicke jubelte über die Akzeptanz bei den Bürgerinnen und Bürgern. 

«Vielen Dank an alle, die das Angebot annehmen. Wir können es schaffen», schrieb er auf Twitter, nachdem am Dienstag bereits innerhalb von 24 Stunden 37'015 Mal der Corona-Pass online gebucht wurde – mehr als dreimal so oft wie am Vortag.

Mit Material der dpa