«Ich warne davor, der AfD die Schuld in die Schuhe zu schieben»

Julia Käser

21.2.2020 - 16:29

Nach der Bluttat im hessischen Hanau mit elf Toten warnt der deutsche Politologe und Autor Florian Hartleb vor rechtsterroristischen Einzeltätern – und vor den Folgen, wenn man nun mit dem Finger auf die AfD zeigt. 

Herr Hartleb, erst der Mordfall Lübcke, dann die Anschläge auf eine Synagoge in Halle und nun Hanau: Hat Deutschland ein Problem mit Rechtsextremismus?

Tatsächlich nimmt die Debatte über Rechtsextremismus seit einigen Jahren zu. Das begann, als die Terrorzelle Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) 2011 öffentlich bekannt wurde. Erst vor wenigen Tagen konnte die Polizei Mitglieder einer neuen mutmasslichen rechtsextremen Terrorgruppe festnehmen, die Anschläge auf Moscheen planten. Also ja – die Fälle haben sich gehäuft.

All das geschieht zu Zeiten, in denen das gesellschaftliche Klima und die politischen Diskurse von einer Polarisierung geprägt sind. Ich denke etwa an die Flüchtlingsherausforderung von 2015 und das Erstarken der AfD. Weiter grassieren vermehrt Verschwörungstheorien. Letzteres zeigt sich beispielsweise am Reichsbürger-Bündnis, das unter anderem an die komplette Überwachung Deutschlands durch einen US-Geheimdienst glaubt. Das tat der Hanau-Täter übrigens auch.

Stichwort AfD – der SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil fordert eine stärkere Überwachung der Partei durch den Verfassungsschutz. Sie habe das politische Klima Deutschlands vergiftet und den Täter von Hanau gewissermassen ‹munitioniert›. Was halten Sie von dieser Aussage?

Das sollte man differenzierter betrachten. Im Allgemeinen würde ich davor warnen, der AfD die Schuld für den Anschlag in die Schuhe zu schieben. Das Errichten einer Brandmauer gegen die Partei – wovon etwa CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer spricht – kann auch kontraproduktiv sein.



Fühlen sich AfD-Sympathisant als Terroristen behandelt, führt das am Ende nur dazu, dass die Partei weiter erstarkt. Der Täter von Hanau bezog sich an keiner Stelle auf die AfD. Für mich handelt es sich um einen typischen Fall von rechtem Terrorismus mit einem ‹einsamen Wolf› als Täter.

Sie haben ein Buch über rechte Einzeltäter verfasst. Was verstehen Sie unter ebendiesem ‹einsamen Wolf›?

Ein einziger radikalisierter Täter – in der Regel ein Mann. Dieser handelt aus einem Mix von politischen Motiven und persönlicher Frustration. Er plant seine Tat gründlich und bewegt sich dazu ausgiebig im Internet.

Zudem kommt fast immer Frauenhass. Frauen hassen, aber bei der Mutter wohnen: Das trifft sowohl auf den Hanau-Täter als auch auf jenen von Halle und nicht zuletzt auf Andres Behrig Breivik – der Rechtsterrorist, der in Norwegen 77 Menschen tötete – zu.

Wie kann es sein, dass niemand im sozialen Umfeld des Täters etwas bemerkte?

Wie bereits erwähnt verbringt ein ‹einsamer Wolf›, der seine Tat plant, viel Zeit vor dem Computer. Er zieht sich zurück, pflegt kaum reale soziale Kontakte, sein Leben spielt sich in der virtuellen Welt ab. Der Täter von Halle etwa war in der lokalen Kneipe niemandem bekannt. Es handelt sich um ausgeprägte Einzelgänger, Eigenbrötler.

Das heisst, bei Radikalisierung und Planung der Tat kommt dem Internet eine entscheidende Rolle zu?

Ganz genau. Wie ein Schwamm saugen die späteren Täter alles auf, was sie dort entdecken können. Sie finden Vorbilder. Weiter dient es ihnen als eine Art PR-Strategie: Die Tat soll von möglichst vielen beachtet werden.

Sie sprechen von Vorbildern – wiederholt wurden in letzter Zeit sogenannte Manifeste rechtsextremer Täter veröffentlicht. Wie schätzen Sie das ein?

In medialen Berichten über Terrorakte wird häufig sehr stark die Täterperspektive eingenommen. Es geht darum, das Unverständliche zu verstehen, das Irrationale zu fassen. Dabei ergeben sich verschiedene Problematiken. Es beginnt bei der Frage, ob man den vollen Namen des Täters nennen soll oder nicht.

Gelangt ein sogenanntes Manifest an die Öffentlichkeit, kann man seine schnelle Verbreitung kaum oder nur schwer stoppen. Dabei sollte man sich bewusst sein, dass ‹einsame Wölfe› andere in jedem Fall inspirieren. Sie zeigen möglichen Nachahmern vor, dass man ein solche Tat allein durchziehen kann. Für rechte Einzeltäter ist Breivik das, was der 11. September für den islamischen Terror ist.



Wie kann man all dem entgegenwirken?

Letzten Herbst wurde bei einer Tagung des deutschen Bundeskriminalamts (BKA) dazu aufgerufen, Rechtsterrorismus als Bedrohung ernst zu nehmen. Bedenkt man, dass in Deutschland rund 16'000 Reichsbürger leben, die teils Waffen besitzen, veranschaulicht das das bestehende Risiko.

Als Massnahme kann man sensible Einrichtungen wie Moscheen stärker bewachen oder etwa die Polizeipräsenz an Bahnhöfen und Flughäfen erhöhen – wie Innenminister Horst Seehofer (CSU) ankündigte. Das hat auch mit Symbolpolitik zu tun. In Norwegen wurde anders auf die Tat von Breivik reagiert. Ministerpräsidentin Erna Solberg beschwichtigte, wie wichtig Offenheit und Toleranz seien – gerade nach rechtem Terror.

Nichtsdestotrotz: Was rechtsterroristische Einzeltäter angeht, lässt sich das Ganze mit der Suche nach der Nadel im Heuhaufen vergleichen. Es fällt ausgesprochen schwer, ein Patentrezept zu entwickeln, dass dazu verhilft, frühzeitig auf solche Täter aufmerksam zu werden. 

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