Joe Bidens Erfolg ist Balsam für die schwarze Wählerschaft

Kat Stafford, Aaron Morrison und Angeliki Kastanis, AP

12.11.2020 - 00:00

Ex-Präsident Barack Obama (links) mit Joe Biden. Schwarze haben wesentlich zum Wahlerfolg von Joe Biden beigetragen.
Bild: Keystone/AP Photo/Pablo Martinez Monsivais

Schwarze haben wesentlich zum Wahlerfolg von Joe Biden beigetragen. Zu verdanken ist das Trumps Rhetorik und einer eindrucksvollen Mobilisierungskampagne. Doch was bedeutet das für die Zukunft?

Endlich Macht und Respekt. Jahrelang hatte der Afroamerikaner Eric Sheffield im US-Bundesstaat Georgia seine schwarzen Angehörigen und Freunde dazu gedrängt, wählen zu gehen. Und immer verlor der Kandidat, den er unterstützte. Aber nicht dieses Mal.

Und so fühlte sich der 52-Jährige stolz und bestätigt, als der Demokrat Joe Biden bei der Präsidentenwahl in seinem Heimatstaat in Führung ging. «All die Jahre haben viele schwarze Leute gesagt, ‹meine Stimme zählt nicht›», sagt der 52-Jährige, der im Immobilien-Gewerbe arbeitet. «Dies ist der Beweis, dass unsere Stimmen zählen.»

In Georgia und mehreren US-Staaten werden zwar immer noch einige Wahlzettel ausgewertet, und Präsident Donald Trump versucht mit unbegründeten Betrugsvorwürfen, Bidens Wahlsieg anzufechten. Aber bei allem Hickhack ist kaum umstritten, dass schwarze Wähler eine treibende nationale Kraft beim Wahlerfolg des Ex-Vizepräsidenten waren.

Dass eine überwältigende Mehrheit der schwarzen Wählerschaft Biden unterstützte und sie in grossen Scharen ihre Stimme abgaben, trug nicht nur wesentlich dazu bei, dass der Trump-Herausforderer eine Reihe traditioneller Wechselwählerstaaten gewann. Mit seinem sich abzeichnenden Sieg in der langjährigen republikanischen Bastion Georgia schuf er zudem einen neuen dieser Swing States – mit möglichen langfristigen politischen Implikationen.

Die Früchte jahrelanger Arbeit

Aktivisten sehen darin eine Absage an die rassistische Trump-Rhetorik und überwältigende Zustimmung zu Bidens Entscheidung, die Schwarze Kamala Harris zu seiner Vizekandidatin zu machen. Aber sie führen die Entwicklung auch auf ihre jahrelange Arbeit zurück, Wähler anzusprechen und zu mobilisieren. «Wir haben an uns geglaubt», sagt Maurice Mitchell, ein Stratege der Schwarzen-Bewegung Movement for Black Lives und Chef der Working Families Party, einer progressiven ethnisch gemischten Graswurzel-Kampagne. «Wir haben an die Macht schwarzer Wähler und schwarzer Organisatoren in unserer Bewegung geglaubt.»

Schwarze machten elf Prozent der US-weiten Wählerschaft aus, und neun von zehn unterstützten Biden, wie AP VoteCast ergeben hat, eine Auswertung des Stimmverhaltens von mehr als 110'000 Wählern durch die Nachrichtenagentur AP. Das entspricht dem Forschungsinstitut Pew Center zufolge ungefähr den Zahlen von 2016, als die Demokratin Hillary Clinton ebenfalls die überwältigende Mehrheit der Schwarzen hinter sich brachte, aber trotzdem nicht gewann.

Aber im Vergleich zu Clinton gewann Biden mehr Stimmen in wichtigen Gebieten mit einer grosser Zahl schwarzer Einwohner, so etwa in Wayne County mit der Metropole Detroit in Michigan und Milwaukee County in Wisconsin. Doch den vielleicht am stärksten hervorstechenden Beweis für den Einfluss schwarzer Wähler gab es in Georgia, wo Biden knapp führt und zum ersten demokratischen Präsidentschaftskandidaten seit fast 30 Jahren werden könnte, der diese republikanische Hochburg erobert hat.

«Ihr habt immer hinter mir gestanden»

Bislang hat Biden in Georgia 588'600 Wähler mehr gewonnen als Clinton 2016, während Trump nur um 366'900 zulegte. Fast die Hälfte von Bidens Zuwächsen stammt aus den vier grössten Bezirken Fulton, DeKalb, Gwinnett und Cobb – alle im Grossraum Atlanta mit starken schwarzen Einwohnerzahlen.

Biden hob die Rolle der Schwarzen in seiner Siegesrede am Samstagabend (Ortszeit) auch hervor, die «afroamerikanische Gemeinschaft ist wieder für mich eingetreten», sagte er. «Ihr habt immer hinter mir gestanden, und ich werde hinter euch stehen.»

Massive Mobilisierung

2008 und 2012 hatten schwarze Wähler in Rekordzahlen Barack Obama unterstützt, der dann der erste schwarze Präsident der USA wurde. Aber 2016 ging die schwarze Wahlbeteiligung in Schlüsselstädten deutlich zurück. Doch als Biden im vergangenen Jahr seine Bewerbung erklärte, waren es schwarze Wähler in Staaten wie South Carolina, Virginia und Alabama, die ihm halfen, demokratischer Spitzenkandidat zu werden.

Besonders für schwarze Frauen war dann Bidens Entscheidung für Harris eine zusätzliche Motivation. «Dies hier ist buchstäblich, wofür unsere Vorfahren gekämpft haben und gestorben sind – die Freiheit, Befreiung und das Überleben, von denen sie wussten, dass sie es selbst niemals erleben würden, aber dass es so wichtig für künftige Generationen sein würde», sagt Alencia Johnson, eine politische Strategin und Biden-Beraterin.

Aber um so weit zu kommen, bedurfte es einer massiven Wählermobilisierung. Die Organisation Black Voters Matter Fund nahm gezielt mehr als 15 Staaten ins Visier, schickte eine Flotte von Bussen auf die Strassen und sendete eine Flut von SMS-Botschaften aus, allein fast zwei Millionen in Georgia. Die Wahlrechtsgruppe Fair Fight startete zudem eine breit angelegte Kampagne gegen republikanische Versuche, eine Ausweitung der Briefwahlmöglichkeiten in vielen Bundesstaaten wegen Corona zu verhindern. Tatsächlich wählten dann auch viele Schwarze per Post.

Nun muss Biden liefern

Jetzt wenden sich Organisatoren und Aktivisten einem neuen Ziel zu: Sie wollen sicherstellen, dass Biden Wahlversprechen wie Investitionen in die Wirtschaft, Kampf gegen strukturellen Rassismus, Polizeireformen und Verbesserungen bei der Gesundheitsfürsorge auch einhält. Reverend William Barber II, ein führender Bürgerrechtler, erwartet nach eigenen Angaben, dass die Armut in der schwarzen Bevölkerung zu den unmittelbaren Prioritäten einer Biden-Regierung zählen wird. Sie liegt derzeit bei 18,8 Prozent, verschlimmert durch die Coronapandemie. «Wir erwarten, dass das Konsequenzen hat», so Barber.

Aber eine schnelle Umsetzung von Bidens Vorhaben wird unmöglich sein, wenn die Demokraten den Senat nicht kontrollieren. Entscheiden dürfte sich das bei zwei Stichwahlen in Georgia am 5. Januar. Aktivisten sagen, dass sie alles tun werden, um den Schwung aufrechtzuerhalten – eine neue Chance für schwarze Wähler, ihre Macht zu demonstrieren.

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