Nordkoreas Diktator ist mal wieder verschwunden

Von Sven Hauberg

11.11.2021

In this photo provided by the North Korean government, North Korean leader Kim Jong Un, center, visits an exhibition of weapons systems in Pyongyang, North Korea, Monday, Oct. 11, 2021. Kim reviewed the rare exhibition and vowed to build an “invincible” military, as he accused the United States of creating regional tensions and lacking action to prove it has no hostile intent toward the North, state media reported Tuesday. Independent journalists were not given access to cover the event depicted in this image distributed by the North Korean government. The content of this image is as provided and cannot be independently verified. Korean language watermark on image as provided by source reads:
Sein bislang letzter öffentlicher Auftritt: Kim Jong-un (Mitte) am 11. Oktober bei einer Waffenausstellung.
Bild: Keystone

Wo ist Kim Jong-un? So lange wie jetzt war der nordkoreanische Diktator allerdings seit sieben Jahren nicht mehr verschwunden. Was ist da los?

Von Sven Hauberg

11.11.2021

Wer wissen will, was in Nordkorea vor sich geht, ist seit jeher vor allem auf Berichte von Geheimdiensten und Staatsmedien angewiesen. Seit Beginn der Corona-Krise dringt allerdings so wenig wie seit Jahrzehnten nicht mehr aus dem abgeschotteten Land in Ostasien. Und so bleibt einem oftmals nicht viel mehr übrig als blosses Spekulieren, wenn man wissen will, wie die Lage des Landes ist.

Das betrifft naturgemäss auch Kim Jong-un, das Oberhaupt der kommunistischen Diktatur. Immer wieder war der 37-Jährige in den vergangenen Monaten und Jahren abgetaucht – mal für Tage, mal für Wochen –, und stets schossen die Spekulationen darüber ins Kraut, was mit Kim denn nun wieder los ist. Dass Staatsoberhäupter einfach so von der Bildfläche verschwinden, das ist auf internationaler Bühne nämlich reichlich ungewöhnlich.



Nun hat Kim es einmal mehr getan: Seit einem Monat war der Diktator nicht mehr im Staatsfernsehen zu sehen, wie das Portal «NK News» am Donnerstag berichtete. Zuletzt sei Kim im Jahr 2014 derart lange abgetaucht, so die Nordkorea-Experten. Seinen letzten öffentlichen Auftritt hatte Kim Jong-un demnach am 11. Oktober auf einer Raketenausstellung in Pjöngjang, über den das Staatsfernsehen am Tag darauf berichtete. 

Ist Kim krank?

Laut der staatlichen nordkoreanischen Nachrichtenagentur KCNA war Kim zuletzt allerdings nicht untätig. So habe er etwa am 9. November einen Brief an den kambodschanischen König geschickt und diesem zum Jahrestag der Unabhängigkeit seines Landes gratuliert.

Dass sich Kim derzeit so rar macht, befeuert einmal mehr Spekulationen über seinen Gesundheitszustand. So soll Kim laut Berichten des südkoreanischen Geheimdienstes noch im vergangenen Jahr rund 140 Kilo auf die Waage gebracht haben; im Juni dieses Jahres dann häuften sich die Berichte über einen deutlich erschlankten Kim. Und tatsächlich sah der Diktator zuletzt stets deutlich dünner aus als sonst.



Vor seinem abrupten Gewichtsverlust war Kim für mehrere Wochen abgetaucht – um abzunehmen? Oder weil er sich in medizinischer Behandlung befand? Bereits im April 2020 jedenfalls hatte es Berichte über Herzprobleme des nordkoreanischen Staatsoberhauptes gegeben. Und nach seinem Gewichtsverlust sah man Kim mal mit seltsamen Pflastern am Hinterkopf, dann wieder berichteten die südkoreanischen Geheimdienstler von seltsamen Hautproblemen im Gesicht des Diktators.

Satellitenbilder zeigen Kims Luxusjacht

Die Gerüchteküche heizten auch Berichte an, nach denen Kim im vergangenen Juni eine Art Stellvertreter an die Seite gestellt bekam. Soll dieser sogenannte «Erste Sekretär» im Notfall bereitstehen, um die Amtsgeschäfte im Land zu übernehmen?

Vielleicht aber hat das geheimnisvolle Verschwinden der nordkoreanischen Nummer eins auch ganz andere Gründe. Wie ebenfalls «NK News» berichtet, lassen Auswertungen von Satellitenbildern erkennen, dass Kims 60 Meter lange Luxusjacht zuletzt mehrfach bewegt wurde. Ob sich Kim – vielleicht samt Familie? – aber auch an Bord befand, bleibt natürlich: Spekulation.



Mehr weiss man möglicherweise am 17. Dezember. Denn dann wird Kim wahrscheinlich das Mausoleum seines Vaters Kim Jong-il besuchen, dessen Todestag sich dieses Jahr zum zehnten Mal jährt.

Die Bevölkerung Nordkoreas dürfte indes ganz andere Sorgen haben als die Frage nach dem Aufenthaltsort ihres Staatschefs: Die Versorgungslage im Land gilt derzeit als katastrophal, was sogar Kim selbst vor einigen Wochen zugegeben hatte. «Die Lage muss ziemlich angespannt sein, wenn Kim Jong-un dies öffentlich eingesteht», sagte nun die Analystin Jenny Town im Interview mit dem «Spiegel».

Ein Land nagt am Hungertuch

Seit Beginn der Corona-Pandemie hat Nordkorea seine Grenzen dichtgemacht, sodass Lebensmittelimporte, vor allem aus China, ausbleiben. Das liess die privaten Märkte, die in den vergangenen Jahren als Alternative zum staatlichen Verteilsystem entstanden waren, zusammenbrechen.



«Aber das ist nicht das einzige Problem», so Town. «Den Nordkoreanern fehlt es nun auch an Saatgut und Düngemitteln, die ihre Pflanzen widerstandsfähiger machen könnten.» Hinzu kommen internationale Sanktionen, die Nordkorea wegen dessen Atomprogramm auferlegt worden waren, sowie Naturkatastrophen, die Ernten vernichteten.

Vielleicht, so mutmassten bereits Analysten, wolle sich Kim mit seinem Gewichtsverlust auch nur solidarisch zeigen mit seinem hungernden Volk. Eine zynische Erklärung, die aber auch vom nordkoreanischen Staatsfernsehen befeuert wurde. So hiess es im Juni in einem Bericht, Kim arbeite so hart für das Wohlergehen seines Volkes, dass er sogar Mahlzeiten auslasse.