Mauerfall-Jubiläum – ist Deutschland wiedervereinigt? 

Michael Angele

30.10.2019 - 12:07

DDR-Grenzsoldaten schauen am 11. November 1989 durch ein Loch, das Jugendliche in die Berliner Mauer gestemmt haben.
Bild: Keystone

Das Fremdeln von Deutschlands Ostens mit dem Westen ähnelt jenem Gefühl, das viele Schweizer angesichts der Deutschen empfinden. Die Sympathie der DDR mit der Schweiz müsste einmal aufgearbeitet werden.

Am 9. November wird es dreissig Jahre her sein, dass die Mauer gefallen ist. Aber immer noch ist Deutschland nicht richtig «wiedervereinigt» – obwohl es doch wirtschaftlich mit den fünf Bundesländern aufwärts geht, Lohngefälle und Arbeitslosigkeit langsam sinken; in Thüringen, wo letztes Wochenende gewählt wurde, liegt sie bei 5,2 Prozent.

Wie lässt sich das verstehen? Der Historiker Philipp Ther hat neulich an den Historiker Karl Polanyi erinnert, der schon im 19. Jahrhundert darauf hingewiesen habe, dass die Gefühle der Entwurzelung und des Verlusts der sozialer Identität nicht einfach verschwinden, «wenn es aufwärtsgeht».

So ist es. Und man muss diese Gefühlslage mit langen Zeiträumen und tiefen Kränkungen verrechnen. Vor dreissig Jahren haben die Ostdeutschen ja nicht nur ein ganzes System verloren, mit dem sie kaum je glücklich verbunden waren, es wurde ihnen von ihren Landsleuten aus dem Westen auch eingetrichtert, dass ihre Lebensleistung nichts wert gewesen sei.

Ampelmännchen und grüner Pfeil

Die Fabriken nicht wettbewerbsfähig, die Städte grau, selbst die Dialekte irgendwie zum Vergessen (sächsisch!). Eigentlich sind nur zwei Dinge aus der DDR in die neue Zeit übernommen werden, beide aus dem Strassenverkehr: die Ampelmännchen und der grüne Pfeil, der einen auch bei Rot rechts abbiegen lässt. Aber sogar der grüne Pfeil ist selten geworden.

Thüringen, Weimar, wenige Wochen vor dem 30-jährigen Mauerfall-Jubiläum: Für die Mauerinstallation «Horizonte» werden vor dem Goethe-Schiller-Denkmal und dem Deutschen Nationaltheater Weimar Betonelemente aufgestellt. Bis zum 9. November steht eine 20 Meter lange Mauer.
Bild:  Keystone

Viele Wessis sind in der Wendezeit als Kolonialherren wahrgenommen worden – und werden es noch. Ich weiss, wovon ich spreche. Anfang der 1990er Jahre hatte ich eine kleine Stelle an einem Institut der Akademie Ost. Ich arbeitete für eine Zeitschrift, die den sperrigen, DDR-konformen Titel «Referatedienst der Literaturwissenschaft» trug.

Aus dem «Referatedienst» wurde «Paratext», und aus dem schwerfälligen System aus Karteikarten und Druckfahnen sollte ein digitales Projekt entstehen. Das alles war für meine Ostberliner Vorgesetzte nicht das Problem. Problematisch wurde es, als klar wurde, dass unser Projekt nicht prestigeträchtig genug war und deshalb von der machtbewussten Oberchefin aus Hamburg für coolere Projekte geopfert wurde.

Bis heute gibt es viele westdeutsche Oberchefs im Osten, aber nur wenige ostdeutsche Oberchefs im Westen. Ostdeutsche sind in der Elite des Landes markant untervertreten. Es kursiert die nicht ganz zweifelsfreie Zahl von 1,7 Prozent. Bei einem Bevölkerungsanteil von 17 Prozent wäre auch die doppelte Prozentzahl noch wenig.

Paris ja, Westberlin nein

Meine Vorgesetzte vom «Referatedienst» hat dann auf Logopädin umgeschult und lebt heute zurückgezogen in der Uckermark. Aber man muss sich gar nicht so extrem zurückziehen; unsere Wohnungsnachbarn in Prenzlauer Berg, Ossis, arbeiten beide im Westen, aber mir wäre nicht bekannt, dass sie jemals einen Abend in Westberlin verbracht hätten. Über ihren letzten Urlaub in Paris sprachen sie dagegen mit Begeisterung. Sie ziehen demnächst in die ostdeutsche Stadt Brandenburg an der schönen Havel.

Man kann also sagen: Der Osten fremdelt immer noch mit dem Westen. Ich kann dieses Fremdeln gut verstehen. Es ähnelt dem, das viele Schweizer angesichts der Deutschen empfinden, die manchmal immer noch «Schwaben» heissen, was ja schon besagt, wer gemeint ist.

Dagegen gab es eine stille, meines Wissens noch nicht aufgearbeitete Sympathie der DDR mit der Schweiz. Das zeigte sich etwa an dem grossen Interesse in der DDR an Schweizer Literatur. Umgekehrt gab es eine etwas zweifelhafte Faszination für überdimensionierte Hornbrillen, Parteiabzeichen und Schwefelgeruch.

Verbitterter Spyri-Nachfahre

Rund 1'000 Menschen mit Schweizer Pass lebten sogar dauerhaft im zweiten deutschen Staat. Viele davon Kommunisten und manche Verliebte, und manche beides zugleich, wie der Reporter Jean Villain, ein Nachfahre von Johanna Spyri, den ich in quasi doppelter Verbitterung (Schweiz-DDR) ein paar Jahre vor seinem Tod in der Uckermark besucht hatte. In der DDR hatten seine Reportagebücher Millionenauflage, nun wollte kein Verlag mehr etwas von ihm drucken.

Umgekehrt haben nach der Wende ja dann viele DDR-Bürger in die Schweiz ihr Glück versucht, in der Gastronomie, auf dem Bau. Letzten Sommer traf ich einen in der Badi. Als Lastwagenfahrer verdiene er in der Schweiz das Dreifache wie zuhause. Alles supi. Es stört ihn nur etwas, dass in der Schweiz so viele Ausländer sind, das hätte er gar nicht gedacht. Hallo?

An dieser Stelle sollte man daran erinnern, dass das anhaltende Fremdeln der Ostdeutschen leider auch eine rechtsextreme Partei wie die AfD gross macht. Unter der Führung von Björn Höcke hat sie in Thüringen gerade 23,4 Prozent eingefahren. Höcke, ein Gymnasiallehrer, ist übrigens auch ein Westimport.

Der Berner Michael Angele liefert regelmässig eine Aussenansicht aus Berlin – Schweizerisches und Deutsches betreffend. Angele bildet zusammen mit Jakob Augstein die Chefredaktion der Wochenzeitung «Der Freitag». Er ist im Seeland aufgewachsen und lebt seit vielen Jahren in Deutschlands Hauptstadt. Berndeutsch kann er aber immer noch perfekt. Als Buchautor erschienen von ihm zuletzt «Der letzte Zeitungsleser» und «Schirrmacher. Ein Porträt».

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