Müssen wir Angst vor China haben?

tsha

1.10.2019

Mit einer gigantischen Militärparade und martialischen Worten hat die Volksrepublik China den 70. Jahrestag ihrer Gründung gefeiert. Müssen wir Angst haben vor der Supermacht aus Fernost?

Es waren markige Worte, mit denen sich Xi Jinping heute Dienstag in Peking an seine Landsleute und an die Weltöffentlichkeit wandte. Niemand, so der chinesische Staatspräsident, könne «das chinesische Volk und die chinesische Nation auf ihrem Weg nach vorn stoppen». Anschliessend nahm der 66-Jährige eine der grössten Militärparaden aller Zeiten ab. 15'000 Soldaten marschierten am Tiananmen-Platz auf, Hunderte Waffensysteme wurden präsentiert.

Was China mit dieser Machtdemonstration zur Feier des 70. Jahrestags seiner Staatsgründung sagen wollte, ist evident: An uns kommt niemand vorbei. Grund zur Sorge also?

Im vergangenen Jahr hat die Volksrepublik China Schätzungen zufolge rund 250 Milliarden US-Dollar für sein Militär ausgegeben. Eine gigantische Zahl. Zum Vergleich: Die Schweizer Militärausgaben lagen im selben Zeitraum bei weniger als fünf Milliarden Franken. Allerdings: Die USA steckten 2018 satte 649 Milliarden Dollar in ihr Militär. Macht pro Bürger fast 2'000 Dollar. Dagegen sind die 178 Dollar, die China pro Bürger für Rüstung ausgibt, verschwindend gering.



Krieg und Frieden

Dennoch: Die chinesischen Militärausgaben steigen seit Jahren kontinuierlich an. Welche Ziele verfolgt das Land? Offiziell gibt sich die Regierung friedfertig. Es seien die USA, die den Weltfrieden gefährdeten, heisst es aus Peking. Für den Analysten M. Taylor Fravel verfolgt China allerdings selbst handfeste militärische Ziele. So gehe es dem Land vor allem um die Sicherheit in seinen Grenzgebieten, etwa im Grenzstreit mit Indien, in der Taiwan-Frage und im Streit um die Spratly-Inseln im Südchinesischen Meer. Kürzlich ist der Konflikt um die einstige britische Kolonie Hongkong hinzugekommen.

Friedlich war die Volksrepublik in ihrer 70-jährigen Geschichte nicht immer. 1962 forderte der Grenzkrieg mit Indien rund 2'000 Tote; im chinesisch-vietnamesischen Krieg starben Anfang 1979 auf beiden Seiten rund 30'000 Menschen. Beide Male waren Grenzstreitigkeiten Ursache für die Konflikte. Doch dass die heutigen Konflikte ähnlich eskalieren dürften, gilt als unwahrscheinlich.

Gefahr für die Demokratie?

Heute sind es freilich zwei ganz andere Arten von Krieg, die Analysten befürchten. So wird China immer wieder für Cyberangriffe auf ausländische Staaten verantwortlich gemacht. Und seit Donald Trump im Weissen Haus sitzt, macht immer wieder auch dass Wort vom «Handelskrieg» die Runde.

China ist, hinter den USA, die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt. Und die Welt spürt das deutlich. Seien es die Länder entlang der «Neuen Seidenstrasse», die sich zum Teil in finanzielle Abhängigkeit von China begeben, oder die amerikanischen Arbeiter, die um ihre Jobs bangen.

Klar ist auch: Im Handelstreit mit den USA pocht China auf die Regeln des freien Marktes, ohne sich selbst immer daran zu halten. Das Land subventioniert seine Wirtschaft und verschafft sich so Vorteile auf dem Weltmarkt. Und gegen Ideenklau und Plagiate wird seit Jahren eher halbherzig vorgegangen.

Für China hat sich diese Strategie ausgezahlt. Das Land steht heute so gut da wie seit zwei Jahrhunderten nicht mehr. So erfreulich es ist, dass viele Millionen Menschen aus der Armut befreit werden konnten: Das Beispiel Chinas scheint auch zu zeigen, dass es keine demokratischen Strukturen braucht, um wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Ist es das, wovor sich der Westen am meisten fürchten sollte?

70 Jahre Volksrepublik China

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