Schwarze sterben durch Polizeigewalt? Trump: «So wie Weisse. So wie Weisse!»

Philipp Dahm

15.7.2020 - 13:29

Colbert findet, er sieht nach seiner Sommerpause ein wenig wie ein französischer Philosoph aus.
Screenshot: YouTube

Miami ist das neue weltweite Sars-CoV-2-Epizentrum – und ausgerechnet in Florida will Donald Trump den nächsten Parteitag abhalten. Auch die Rassismus-Diskussion ficht den Präsidenten nicht an.

Seit Montag sind die grossen amerikanischen Late-Night-Shows zurück aus ihrer zweiwöchigen Sommerpause – und sie haben gefehlt, wenn man bedenkt, wie viel sich in den letzten beiden Wochen in den USA getan hat. Andererseits ist auch in den Wochen davor um Donald Trump herum viel passiert – und irgendwann müssen sich Autoren und Moderatoren ja auch mal ausruhen.

Den Auftakt macht heute Stephen Colbert, dessen «Late Show» nach wie vor aus seinen heimischen vier Wänden kommt – inklusive Ehefrau als Sidekick. Und natürlich macht Stephen Colbert zum Auftakt etwas über die Pandemie. «Die Zahl der Coronafälle schiesst im ganzen Land nach oben. Sogar die Staaten, die es richtig gemacht haben, fallen wieder zurück.» Kalifornien musste deswegen sein Sars-CoV-2-Regime wieder anziehen –aber Hollywood stehe ja auf Fortsetzungen.

Der neue Film von Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom: Lockdown 2 – wir haben zu schnell geöffnet und jetzt sind die Leute sauer.
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Städte wie Los Angeles und San Diego hatten bereits angekündigt, den Präsenzunterricht teilweise oder ganz zu streichen – ein Vorhaben, das beim US-Präsidenten gar nicht gut ankommt. Und tatsächlich seien US-Schüler beim ersten Lockdown um sieben Monate zurückgeworfen worden, was Lese- und Mathe-Kenntnisse angeht. «Wenn wir nochmals sieben Monate zurückgeworfen werden, gibt es keine Möglichkeit, herauszufinden, wie viele Monate das sind», witzelt Colbert.

Doch mit Blick auf die Neuinfektionen pro Tag hat Kalifornien keine Probleme – verglichen mit Florida: Im sonnigen Süden trübt ein Negativrekord nach dem nächsten das nationale Gemüt. Dort wurden am Sonntag 15'300 neue Ansteckungen gemeldet. «Und [Montag] über 12'000 neue Fälle. Wenigstens gibt es nicht so viele alte Leute da», sagt der Moderator mit bösem Zynismus, denn Florida ist Amerikas Seniorenparadies, «oder zumindest wird es dort in drei Wochen dank des Gouverneurs keine mehr geben».

Floridas Gouverneur Ron DeSantis könnte einer naturwissenschaftlichen Sammlung entsprungen sein, meint «A Late Show».
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Im Gegensatz zu Kalifornien wird der Sonnenstaat von einem Republikaner regiert: «[Ron] DeSantis hat das Virus nicht ernst genommen und nun ist sein Staat das Epizentrum, aber er macht sich keine Sorgen.» Im Clip ab Minute 2.59 erklärt der Gouverneur dann, die neuen Höchstmarken seien bloss «Blips», also lediglich «kurzzeitige Phänomene». «‹Blip› ist einfach ein lustiges Wort. Es wird schon nicht so schlimm sein. Schauen wir mal auf die Kurve von Florida … Wenn Sie, Gouverneur, glauben, das sei nur ein kurzzeitiges Phänomen, haben Sie nur ein kurzzeitiges Phänomen im Kopf.»

Oups! Neuinfektionen in Florida.
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Jacksonville in Florida ist auch der Austragungsort des nächsten Republikaner-Parteitags. Der sollte eigentlich in North Carolina stattfinden, wurde aber verlegt, weil der Bundesstaat «auf Dinge wie das Einhalten der Abstandsregeln und das Tragen von Masken» bestanden habe. Einige Senatoren wollten «Trumps Covid-Coming-out-Party» aber schwänzen, weiss Colbert und liest vier Namen vor. «Was hält die Jungs bloss ab? Können wir mal ein Bild von ihnen sehen? Oh mein Gott, sie sind noch hinter der Risikogruppe. Es sind ‹Blips›, die auf ihre Erfüllung warten.»

Senatoren, die den Parteitag der Republikaner in Florida schwänzen.
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Und als wäre es nicht schon eine krude Idee, den Parteitag im am stärksten betroffenen Staat abzuhalten, erwägen die Organisatoren angeblich auch noch Kreuzfahrtschiffe als Unterbringungsmöglichkeiten zu nutzen. «Du bist also in Florida, verbringst den ganzen Tag in einem Auditorium mit schreienden Leuten, die keine Masken tragen, und dann fährst du zum Schlafen auf eine schwimmende Pertrischale – eine höhere Ansteckungschance hast du nur beim All-You-Can-Eat-Angebot, bei dem du deinen Kopf direkt ins Buffet tauchst.»

Late Night USA – Amerika verstehen

50 Staaten, 330 Millionen Menschen und noch mehr Meinungen: Wie soll man «Amerika verstehen»? Wer den Überblick behalten will, ohne dabei aufzulaufen, braucht einen Leuchtturm. Die Late-Night-Stars bieten eine der besten Navigationshilfen: Sie sind die perfekten Lotsen, die unbarmherzig Untiefen bei Land und Leuten benennen und dienen unserem Autor Philipp Dahm als Komik-Kompass für die Befindlichkeit der amerikanischen Seele.

Immerhin denken die Veranstalter auch darüber nach, das Ganze im Freien abzuhalten. «Im August. In Florida», feixt Colbert mit Blick auf die Kombination aus Hitze, Sümpfen und Moskitos. Einen Stich versetzen wollen Trumps Getreue übrigens auch – und zwar Anthony Fauci. Dass der Immunologe ins Visier des Weissen Hauses geraten ist, wissen wir bereits.

Doch ein Handlanger des Präsidenten bereitet angeblich nun schon seit Wochen «ein Memo vor, das zeigt, wie oft Dr. Fauci nicht nur jetzt, sondern in seiner ganzen Karriere falsch gelegen hat». Colberts Rat: «Mach das Memo lieber nicht so lang. Trump verliert das Interesse normalerweise bei Seite [Such-Dir-Irgendeine-Aus].»

Und noch während Colbert seine Show aufnimmt, zeigt US-Sender CBSN ein Interview mit dem Präsidenten. Der wird gefragt, warum immer noch so viele Schwarze durch Polizeigewalt sterben – ab Minute 9.41. Trump antwortet: «So wie Weisse. So wie Weisse! Schrecklich, dass sie das so fragen. So wie weisse Leute. Übrigens [sterben sogar] mehr weisse Leute.» «Sehr beruhigend», findet das Colbert – die Polizei könne also nicht rassistisch sein, denn «No Lives Matter».

Auch die Diskussion um die Konföderierten-Fahne versteht der 74-Jährige nicht. «Die Leute lieben sie, und ich kenne Leute, die die Konföderierten-Fahne mögen. Sie denken nicht an Sklaverei.» Colbert ahmt Trump nach: «Sie denken nicht an Sklaverei, sie denken bloss an die guten Leute, die dafür gekämpft haben, dass die Sklaverei beibehalten wird.»

Ein kleiner Bonus mit Jimmy Fallon: Der Late-Night-Gastgeber ist ja nicht gerade für seine politische Bissigkeit bekannt. Aber dafür kann der Mann manchmal einfach unterhaltend sein. Hier zwei Beweisclips: ein kleines, launiges Musikstück über die Rückkehr in sein New Yorker Studio ...

... und ein Sketch über heisse Drehbücher für die Post-Corona-Zeit – mit jedem dummen «Das ist heiss»-Spruch, den man sich ausdenken kann, und herrlich blöden Storylines.

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