Grünes Gewölbe

Die gestohlenen Juwelen sind wohl für immer verloren

dpa/tafu

23.11.2020

Das Residenzschloss mit dem historischen Grünen Gewölbe der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. (Archivbild)
Das Residenzschloss mit dem historischen Grünen Gewölbe der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. (Archivbild)
Bild: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa

Der Einbruch ins Dresdner Grüne Gewölbe soll auf das Konto eines Berliner Clans gehen. Erste Verdächtige sind gefasst, von der Beute fehlt jede Spur. Sind die kostbaren Schmuckstücke zerstört – oder gibt es eine Chance?

Nach einem Jahr ist sich die Sonderkommission «Epaulette» ziemlich sicher, wer für den brachialen Einbruch und dreisten Diebstahl kostbaren Schmucks aus dem Historischen Grünen Gewölbe in Dresden im deutschen Bundesland Sachsen verantwortlich ist. Der Einbruch soll auf das Konto eines Berliner Clans gehen. Erste Verdächtige sind gefasst.

Der Verbleib der einzigartigen und kunsthistorisch unschätzbar wertvollen Juwelen aber ist weiter unklar – auch vermeintliche Spuren verliefen im Sande. Die Ermittler sind dennoch zuversichtlich und die Staatlichen Kunstsammlungen «vorsichtig optimistisch», dass die Preziosen von August dem Starken (1670-1733), sächsischer Kurfürst und polnischer König, in das barocke Schatzkammermuseum zurückkehren – irgendwann.



Am Tatort im Juwelenzimmer wird die Geschichte des Coups vom 25. November 2019 erzählt, der weltweit Schlagzeilen machte. Die prächtigste Vitrine, aus der zwei Unbekannte in wenigen Minuten rund ein Dutzend der kostbarsten Objekte rissen, ist leer.

Die Spuren brachialer Gewalt sind längst beseitigt. Der Grossteil der Diamant- und Brillantgarnituren, die den Dieben nicht in die Hände fiel, ist in einer anderen Vitrine zu sehen: die Perlen der Königin neu aufgefädelt, ihr Brillantschmuck strahlt. Sie mussten restauriert werden, die Einbrecher hatten sie mit Löschpulver besprüht, um Spuren zu verwischen. Die Überreste eines Brillant-Colliers, das die Täter zerrissen, wartet noch darauf.

Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, vor der beim Einbruch beschädigten Vitrine im Juwelenzimmer im Historischen Grünen Gewölbe. (Archivbild)
Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, vor der beim Einbruch beschädigten Vitrine im Juwelenzimmer im Historischen Grünen Gewölbe. (Archivbild)
Bild: Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa

«Die Stücke sind weg»

Kunstmarktdetektiv Willi Korte indes glaubt, dass die Schätze unwiederbringlich verloren sind. «Das ist kein Kunst-, sondern ein Juwelendiebstahl.» Anders als bei einem berühmten Gemälde sei da in der Regel das Absetzen einfacher als das Stehlen. Und er ist überzeugt, dass es schon vorher Pläne für deren Absatz gab.

«Ich glaube, das traurige Schicksal ist: die Stücke sind weg», sagt der Provenienzforscher, der sich mit zurückliegenden Kunstdiebstählen beschäftigt. Die Chance, dass der Schmuck auf dem Kunstmarkt auftaucht oder den Museen angeboten wird, sei sehr gering. Selbst wenn die Steine nur einen Bruchteil des üblichen Marktwerts erbringen, rechne sich das gemessen am Aufwand und dem im Vergleich zum Raubüberfall beim Juwelier viel geringeren Risiko.



Die Täter waren mit roher Gewalt im Juwelenzimmer des Museums vorgegangen, ohne Respekt vor der Kunst. Sie schlugen mit einer Axt Löcher ins Glas einer Vitrine und rissen auch einige der prächtigsten Schmuckstücke von der Schauwand: einen Degen mit rund 770 kleineren Diamanten, Teile von Orden, das Achselband (Epaulette) mit dem «Sächsischen Weissen», einem viereckigen grossen Brillanten, und die grosse Brustschleife der Königin Amalie Auguste mit 51 grossen und gut 600 kleineren Brillanten.

Nicht verkaufbar

Die zig kleinen, aber auch die grösseren Steine sind nach Ansicht von Museumsdirektor Dirk Syndram kaum zu verkaufen. Sie müssten umgeschliffen werden, das könnten nur Fachleute, es sei teuer und mit Materialverlust verbunden. «Heute ist die meistgeschätzte Art der Brillant, der durch einen Gegenschliff viel Tiefe und ein strahlendes Funkeln hat.» Der Grossteil der Beute stamme aus der Diamantrautengarnitur. Bei diesem Schliff fehle die Tiefe, «selbst grosse Diamanten funkeln nicht so». Früher, als das Angebot noch begrenzter war, waren grosse Steine beliebt. «Sie haben Einschlüsse und Verfärbungen.» Heute müssten Diamanten weiss und lupenrein sein.

Diese Schmuckstücke wurden 2019 gestohlen: (oben, von links nach rechts) ein Hutverschluss des Diamantrosen-Sets, ein Bruststern des Polnischen Weissadlerordens, eine grosse Brustschleife, eine Aigrette für das Haar in Form einer Sonne, sowie (unten, von links nach rechts) ein palettenförmiges Juwel, ein Juwel des Polnischen Weissadlerordens, eine Kette aus 177 sächsischen Perlen, einen Degen des Diamantrose-Sets, eine Epaulette des Diamantrosen-Sets und eine Aigrette für die Haare in Form eines Halbmonds. 
Diese Schmuckstücke wurden 2019 gestohlen: (oben, von links nach rechts) ein Hutverschluss des Diamantrosen-Sets, ein Bruststern des Polnischen Weissadlerordens, eine grosse Brustschleife, eine Aigrette für das Haar in Form einer Sonne, sowie (unten, von links nach rechts) ein palettenförmiges Juwel, ein Juwel des Polnischen Weissadlerordens, eine Kette aus 177 sächsischen Perlen, einen Degen des Diamantrose-Sets, eine Epaulette des Diamantrosen-Sets und eine Aigrette für die Haare in Form eines Halbmonds. 
Bild: Keystone/dpa/Jürgen Karpinski

Bei einem Neuschliff bleibe bei den vielen kleinen Steinen kaum etwas übrig. «Von 0,5 auf 0,05 Karat, das ist dann nur noch ein Splitter», sagt Syndram. Und auch bei grösseren Exemplaren gehe viel Substanz verloren. «Am meisten würde sich der Austausch von Geld gegen Objekte lohnen.»

Es ging ums Material, nicht um die Kunst

Im seriösen Fachhandel sei es nicht möglich, die Diamanten loszuwerden, sagt der Präsident des deutschen Bundesverbandes der Juweliere, Schmuck- und Uhrenfachgeschäfte, Stephan Lindner. Juweliere würden die Herkunft am alten Schliff erkennen und Verdacht schöpfen. Das sei etwas anderes als bei der 100-Kilo-Goldmünze, die 2017 aus dem Berliner Bode-Museum gestohlen wurde, deren Materialwert berechenbar ist. «Die Dresdner Kunstschätze sind nur als solche wertvoll.»

Ein Besucher im Juwelenzimmer des Historischen Grünen Gewölbes im Residenzschloss.(Archivbild)
Ein Besucher im Juwelenzimmer des Historischen Grünen Gewölbes im Residenzschloss.(Archivbild)
Bild: Oliver Killig/dpa-Zentralbild/dpa

Auch Peter Guld, Landesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter, geht davon aus, dass das Clan-Milieu über gewisse nicht legale Absatzmärkte und Infrastrukturen zur Bearbeitung der Steine verfügt. «Ich befürchte, dass hier nur der Materialwert von Bedeutung war und die Objekte, wenn überhaupt, in Einzelteilen wieder auftauchen.» Eine Erpressung oder Veräusserung an einen potenten Sammler hält er für relativ unwahrscheinlich. «Da müssten sie jetzt langsam ein Signal geben.»

Angebliche Angebote einzelner Stücke aus der Beute haben sich «im Grunde als gegenstandslos» erwiesen, sagt Jürgen Schmidt von der Dresdner Staatsanwaltschaft. Es gebe bisher keine Anhaltspunkte, dass die Absender im Besitz von Beutestücken sein könnten. Auch die Offerte eines Privatdetektivs, ein anonymer Kunstmäzen wolle den Tätern die Beute abkaufen, hat keine weitergehenden Hinweise erbracht. «Wir tun alles Menschenmögliche, die Schmuckstücke zurückzubringen», sagt Schmidt. Dafür gebe es «eine realistische Chance».

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