Profiteure der Pandemie

Die Mafia nutzt das Virus knallhart zu ihren Gunsten

tafi/dpa

21.1.2021

Carabinieri police officers wear face masks to curb the spread of COVID-19 as they stand inside a specially constructed bunker hosting the first hearing of a maxi-trial against more than 300 defendants of the âĘndrangheta crime syndicate, near the Calabrian town of Lamezia Terme, southern Italy, Wednesday, Jan. 13, 2021. A maxi-trial opened Wednesday in southern Italy against the âĘndrangheta crime syndicate, arguably the world's richest criminal organization that quietly amassed power in Italy as the Sicilian Mafia lost its influence. (Valeria Ferraro/LaPresse via AP)
Auch wenn in Lamezia Terme in Süditalien gerade ein Monsterprozess gegen mutmassliche Mitglieder der 'Ndrangheta begonnen hat: Die Mafia baut ihren Einfluss im ganzen Land aus. Sie stösst dabei in Freiräume vor, die ihr der Staat überlässt.
Bild: Valeria Ferraro/LaPresse via AP/KEYSTONE

Die Behörden ziehen sich zurück, viele Menschen sind verzweifelt: Die italienische Mafia hat in der Corona-Pandemie leichtes Spiel – und sie weiss, die Gelegenheit zu nutzen.

Das Coronavirus ist eine historische Chance – für die Mafia. Die Direzione Investigativa Antimafia (DIA) findet in ihrem aktuellen Quartalsbericht (PDF) deutliche Worte. Die italienische Anti-Mafia-Einheit beschreibt detailliert, wie verbrecherische Clans von Cosa Nostra, 'Ndrangheta und Camorra gezielt in Freiräume vorstössen, die ihnen der Staat im Zuge der Pandemie überlässt.

Die Corona-Krise hat der Mafia in Italien im vergangenen Jahr viele Gelegenheiten für ihre kriminellen Machenschaften in der Wirtschaft und dem Internet geboten, heisst es in dem DIA-Bericht. Ein Beispiel ist die Gastronomie, sie verzeichne «durch Corona einen Umsatzeinbruch von 34 Milliarden Euro», zitiert «Der Spiegel» (Bezahlschranke) den Branchenverband.



Restaurants und Bars seien seit jeher wichtig für die Mafia: «Die Unterwelt kontrolliert bereits über 5000 Lokale.» Und es werden mehr. Weil die kriminellen Vereinigungen über sehr viele Barmittel aus illegalen Geschäften verfügen, können sie gezielt in notleidende Unternehmen investierten. Die Mafiosi waschen damit nicht nur das Geld, sondern infiltrieren die Wirtschaft. Nicht selten versuchen sie dabei, sich die Vermögenswerte der Unternehmen anzueignen.

Rom als «kriminelles Labor»

Aus wirtschaftlicher Sicht ist die Strategie der kriminellen Clans sinnvoll: Wenn sie die Firmen kontrollieren, können sie auch Fördermittel und Wirtschaftshilfen abgreifen. Der Staat, der die Mafia bekämpft, finanziert sie zugleich.

Dabei sind es bei Weitem nicht nur Restaurants, für die sich die Mafia interessiert. Mit ihren Unternehmen verdient sie bei Infrastruktur-, Umwelt- oder Digitalisierungsprojekten mit, so «Der Spiegel». Dies nicht nur in Sizilien, Kalabrien und Kampanien – den süditalienischen Heimatregionen von Cosa Nostra, 'Ndrangheta und Camorra. Mittlerweile breite sich die Mafia im ganzen Land aus – begünstigt durch das Coronavirus. Denn das grassiert auch in Rom.



Die Hauptstadt biete die idealen Geschäftsbedingungen, um still und heimlich die Wirtschaft zu infiltrieren. Der Bericht der Anti-Mafia-Behörden spricht von einem «kriminellen Labor», in dessen verwinkelten Gassen  ohne verlustreiche Bandenkriege und blutige Attentate der grosse Reibach gemacht werden könne.

Immer neue Geschäftsfelder

«Die Mafia ist genauso gefährlich wie das Coronavirus», sagt denn auch der römische Polizeipräfekt Vittorio Rizzi. Niemand sei dagegen immun. Auch weil die Mafia während der Pandemie ihre Geschäftsmodelle ständig ändert, sozusagen mutiert. «Das reicht von der Arzneimittelfälschung bis zur Kontrolle der Logistikketten», so Rizzi im «Spiegel».



Rizzi warnt vor unabsehbaren Folgen durch die angespannte wirtschaftliche Situation vieler Firmen: Geraten sie in Schieflage und könne der Staat nicht helfen, seien sie leichte Beute für die finanziell hervorragend aufgestellten Syndikate. Allein die 'Ndrangheta mache einen Jahresumsatz von umgerechnet weit über 50 Milliarden Franken und krallt sich über ausgeklügelte Kreditsysteme über Umwege ganze Einkaufszentren, Hotels und andere Immobilienanlagen.

Dass der Staat in der Corona-Krise hilflos agiert, spielt der Mafia in die Hände. Oftmals sind kriminelle Organisationen die letzte Rettung für Menschen, die ihre Existenzgrundlage verloren haben und nun verzweifelt bei der Mafia anheuern. Etwa, um Drogen zu verkaufen. Denn das Kerngeschäft läuft trotz Lockdown und Ausgangssperren weiter – mit optimierter Logistik und angepassten Verkaufsstellen. Cannabis und Kokain gibt es in den Warteschlangen vor Supermärkten oder auf Bestellung geliefert.



Zudem nutzten die Clans die Notlage durch Corona, um auch über das Internet ihre Opfer anzugreifen. Unter anderem hätten die Cyber-Kriminellen die Infrastruktur des Gesundheitswesens im Visier gehabt und Krankenhäuser erpresst, die auch Corona-Patienten behandelten. Das Druckmittel war etwa sogenannte Ransomware, mit der die Täter drohten, die Systeme der Einrichtungen lahmzulegen. In Zahlen ausgedrückt: Während von Januar bis Oktober 2019 insgesamt 105 «kritische Infrastrukturen» angegriffen wurden, schoss die Zahl im Zeitraum des vergangenen Jahres in die Höhe auf 476 Attacken.

Die Bürger wehren sich

Der Kampf gegen das organisierte Verbrechen ist komplexer geworden, aufgeben wollen die Behörden aber nicht. Zwischen März und September des vergangenen Jahres gingen die Ermittler der Finanzpolizei Guardia di Finanza zufolge in etwas mehr als 90 Operationen gegen die 'Ndrangheta, Cosa Nostra, Camorra und die Mafia in Apulien vor und nahmen dabei mehr als 1000 verdächtige Mafiosi fest. Und in der süditalienischen Stadt Lamezia Terme hat unlängst einer der grössten Mafia-Prozesse der vergangenen Jahrzehnte begonnen.



Noch wichtiger aber ist, dass sich die Bürger zur Wehr setzen und sich ihre Viertel mit sozialem Engagement von den Mafiabossen zurückholen. Bürgerkomitees und Anwohnergremien besetzen die Freiräume, die durch den Rückzug des Staates entstehen, immer häufiger selbst, um sie nicht der Mafia zu überlassen.

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