Wie Russland und NATO in der Arktis einen neuen Kalten Krieg anheizen

3.10.2018 - 14:11, Philipp Dahm

Spionage-U-Boote, Militär-Provokationen, Dollar-Berge und Kriegsrhetorik? Klingt nach einem James-Bond-Film, ist jedoch bittere Realität: Russland und NATO positionieren sich gerade für ein riskantes Spiel in der Arktis.

London verlegt Spezialeinheiten in den hohen Norden, Grossbritannien will in Norwegen 800 Kommandotruppen stationieren – diese Ankündigung stellt eine Zäsur dar, denn es wird der erste Stützpunkt fremder Soldaten in dem Land seit Ende des Zweiten Weltkriegs sein. Das Ganze sei ein «Warnschuss» Richtung Moskau, sagt Verteidigungsminister Gavin Williamson, als er dem «Sunday Telegraph» seine neue Arktis-Strategie präsentiert

Das britische 539 Assault Squadron 2016 bei einem Manöver in in Harstad in Norwegen.
Bild: Royal Navy

Bei einem Treffen der Konservativen legt Williamson nach: «Es ist eine der grössten Bedrohungen, der wir uns heute stellen müssen. Wir werden nicht zulassen, dass der Kreml das Ende des Kalten Krieges umschreibt», zitiert ihn das Armee-Portal «Forces Network». Sein Ministerium ist alarmiert, seit der Bericht «Auf dünnem Eis: Die britische Verteidigung in der Arktis» kritisiert hat, dass die NATO an ihrer nördlichen Flanke schlecht aufgestellt sei. Fazit: «Grossbritannien muss bei der arktischen Sicherheit mehr Ambitionen zeigen.»

Nachdem Russland in diesem Jahr die grösste Übung seit dem Zweiten Weltkrieg durchgeführt hat, probt nun die NATO beim Manöver «Trident Juncture» mit 40'000 Mann, 10'000 Fahrzeugen und 150 Kampfjets den Ernstfall. Selbst neutrale Länder wie Finnland und Schweden machen mit, berichtet «Breaking Defense». Dass Skandinavien derart nervös ist, hat gute Gründe: An der Grenze im hohen Norden ist das Klima rauer, seit wiederum die NATO ihre Präsenz in den baltischen Staaten verstärkt hat.

Moskau reagiert im März 2017 mit simulierten Angriffen auf die norwegische Radarstation Vardø, die von den USA installiert wurde. Zwei Monate später nehmen laut «The Barent Obeserver» zwölf russische Jets eine NATO-Flotte vor der Küste ins Visier, die ein Manöer abhalten. Eine Woche später stören Moskaus Militärflieger dann die «Arctic Challenge»-Übung, bei der Kampfjets aus Norwegen, Finnland und Schweden mitfliegen.

Rohstoffe im Wert von 22 Billionen Dollar

Tatsächlich ist der Kreml in der Arktis wieder schwer aktiv: Verlassene Stützpunkte aus Sowjetzeiten werden wieder aktiviert, neue Basen gebaut und bestehende erweitert. Im März 2017 verkündet Admiral Wladimir Koroljow bei der Taufe des Milliarden-Schiffes «Kazan», Russlands U-Boote hätten 2016 mit 3000 Tagen auf Patrouille wieder jenes Nievau erreicht, das die Unterwasser-Flotte im Kalten Krieg hatte.

Putin steltl die RS-28 Sarmat vor, die bei der NATO SS-X-30 Satan 2 heisst.

Präsident Wladimir Putin persönlich präsentierte im März 2018 die neue Interkontinental-Rakete Sarmat, die angeblich über 25'000 km/h schnell fliegen kann, gut getarnt sein soll und 10 bis 24 Sprengköpfe ausstösst. Sorgen machen der NATO auch die neuen Onkis-Raketen, die gegen Schiffe eingesetzt werden und schwer abzufangen sein sollen, weil sie auch in niederigster Höhe knapp 2000 km/h erreichen können.

«Vesti News» berichtet am 27. September 2018 über den Test der neuen Oniks-Rekete in in der Arktis.

«In den letzten Jahren gab es eine signifikante Aufrüstung», fasst der NATO-Sprecher Dylan White zusammen. Kein Wunder, dass nicht nur die acht arktischen Anrainer, sondern auch Washington und selbst Peking sich im eisigen Norden in Stellung bringen: Rohstoffe im Wert von geschätzt 22 Billionen Dollar lagern hier. Die «Marine Corps Times» freut sich deshalb, dass auch das Pentagon im hohen Norden einen neuen Kurs einschlägt: «Das US-Militär konzentriert sich wieder auf den arktischen Schauplatz, auch Europa.»

Das Marine Corps ist bisher nicht mit Personal in Norwegen präsent, aber mit Material schon lange: Die Amerikaner haben Panzer, Fahrzeuge und Gerät wie hier nahe Trondheim in norwegischen Höhlen gebunkert. Auch zwei Flugplätze könnten im Krisenfall sofort aktiviert werden.
Bild: Gemeinfrei

Geologische Beweise gefordert

Der Klimawandel verändert die Region, die Erwärmung gibt neues Land preis, und die Aussicht auf erschliessbare, frische Rohstoffe wecken Begehrlichkeiten. 13 Prozent der unentdeckten Öl- und 30 Prozent der noch unbekannten Gasreserven werden in der Arktis vermutet. Der Rückgang des Eises wird den Abbau von Mineralien ermöglichen, legte aber auch die Überreste einer alten Wetterstation der Nazis frei. Und Geschichte wiederholt sich: Im April hat Russland ganz in der Nähe eine riesige Militärbasis eingeweiht.

Der Nagurskaja-Stützpunkt auf den Franz-Josef-Inseln.
Bild: Russsisches Verteidigungsministerium

Auch juristisch haben die Arktis-Staaten Stellung bezogen. Eigentlich sind die territorialen Fragen geklärt, seit sich Russland und Norwegen 2010 auf eine Grenzziehung verständigt haben und jeder Staat seine im Seerecht verankerte Zone von 200 nautischen Meilen ziehen kann. Doch wenn ein Land nachweisen kann, dass der Meeresboden auf der eigenen Kontinentalplatte liegt, darf dieser Bereich ausgeweitet werden. Nun gibt es Streit um die letzten freien Quadratmeter am Nordpol.

Eisbären statten der USS Honolulu nahe des Nordpols einen Besuch ab.
US Navy

Hausgemachte NATO-Probleme

Ein Knackpunkt ist dabei der Lomonossow-Rücken: Kanada, Dänemark und Russsland behaupten jeweils, das 1800 Kilometer lange Unterwassergebirge liege auf der jeweils eigenen Platte. Und wenn Putin die Ansprüche mit der Platzierung der Flagge unter Wasser unterstreicht, weckt das spätestens seit der Krim-Annektion bei den Nachbarn Angst.

Diese wird durch hausgemachte Probleme der NATO verstärkt, ihre Mitglieder haben nach dem Ende des Ost-West-Konflikts nicht mehr in ihr Militär investiert. London musste etwa ab 2015 mehrmals Paris bitten, See-Aufklärer zu schicken, um ein russisches U-Boot zu verfolgen, das in britische Hoheitsgewässer eingedrungen war. Eigene Flugzeuge vom Typ Nimrod waren 2010 aus Kostengründen verkauft worden.

Aufrüstung allenthalben

Da hilft bloss eines: aufrüsten. Und alle sind sie dabei: die Norweger, die in den USA F-35-Jets und in Deutschland U-Boote gekauft haben. Die Briten denken über die Beschaffung von P-8A-Poseidon-Aufklärern nach und wollen ihre U-Boot-Flotte für 3,3 Milliarden Dollar aufrüsten, weiss «Business Insider». Norwegen hat in Washington 52 F-35-Jets bestellt und vier deutsche U-Boote gekauft, berichtet die Nachrichtenagentur «Reuters».

Klein, aber dank Brennstoffzellen und Elektroanhieb sagenhaft leise: Norwegen kauft 2019 für fünf Milliarden Franken U-Boote der Klasse 212 in Deutschland ein.
Keystone

Russland hält dagegen. Die Nordflotte soll in diesem Jahr fünf neue Schiffe, 15 neue Jets und 62 Radar- und Flugabwehranlagen bekommen, sagte der Verteidigungsminister im August bei Russian Zvezda TV. Bis 2025 sollen ausserdem drei U-Boote der Borei-Klasse und fünf der Borei-II-Klasse gebaut und in Küstennähe drei neue Raketen-Einheiten aufgestellt werden – bestückt mit Seeziel-Flugkörpern vom Typ 3K60 Bal und K300 Bastion.

Territoriale Ansprüche und Aufrüstung in der Arktis.
imgur.com/AwfrR49

Oslo beobachtet das Vorgehen mit Argusaugen. «Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass potenzielle Spannungen in der Arktis beginnen», glaubt Aussenmisterin Ine Eriksen Soerei, «aber wenn sie anderswo beginnen, könnten sie leicht hier enden.» Aus diesem Grund hat ihre Regierung auch das Pentagon gebeten, einige GIs im Norden zu postieren, die in Troms unweit der Grenze bleiben sollen. Russland kündigte «Konsequenzen» an, falls dieser «unfreundliche Akt» Wirklichkeit wird. 

Voilà – Russlands neue Waffen:

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