In den Fängen der Geheimpolizei

«Willst du sterben?» – Was ein Student in nordkoreanischer Haft erlebte

tsha

2.4.2020

Der australische Student Alek Sigley war neun Tage im Gewahrsam der nordkoreanischen Geheimpolizei. Nun erzählt er von seinen erschreckenden Erlebnissen.

So abgeschottet wie heute, inmitten der Corona-Krise, war Nordkorea nur selten in seiner Geschichte. Wirklich offen war das Land aber nie. Einer der wenigen Ausländer, der die kommunistische Diktatur so frei erleben konnte wie kaum ein anderer, ist Alek Sigley.

Der Australier hat drei Semester an der Kim-Il-Sung-Universität in Pjöngjang studiert – bis er im vergangenen Juni verschwand. Tagelang wussten Freunde und Familie nicht, wo der damals 29-Jährige war – wurde Sigley gefangen gehalten, war er im Krankenhaus, hatte er das Land verlassen müssen?

Nach neun Tagen war Sigley zurück – zurück aus den Fängen der nordkoreanischen Behörden. Die Geheimpolizei des Landes habe ihn in ein Untersuchungsgefängnis gebracht, vermutete Sigley. Wer genau ihn aber verhört hatte, konnte er nicht mit Gewissheit sagen – die Männer hätten ihm ihre Identität nicht enthüllt. In einem längeren Artikel für den britischen «Guardian» berichtet Sigley nun von seinen neun Tagen in nordkoreanischem Gewahrsam.



Am 25. Juni 2009, dem Jahrestag des Beginns des Koreakrieges, sei er von mehreren Männern in einem schwarzen Mercedes mit verdecktem Nummernschild aus seinem Studentenwohnheim abgeholt worden, angeblich sollte er zu einer Studentenversammlung gebracht werden. Im Auto aber habe man ihm die Augen verbunden und ihm eine «lange Liste an Verbrechen, die ich angeblich gegen den nordkoreanischen Staat begangen habe», vorgelesen.

«Willst du sterben, du Arschloch?»

Am Gefängnis angekommen, habe ihn ein Mann angeschrien: «Willst du sterben, du Arschloch? Du Hurensohn ... Kommst in unser Land und begehst all diese Verbrechen. Glaubst du, Trump oder Pompeo werden deinen armen Hintern retten?» Er sei dann in einem Raum geführt worden, in dem er neun Tage komplett von der Aussenwelt abgeschnitten gewesen sei – ohne Uhr, ohne Fenster, die ganze Nacht habe das Licht gebrannt.

Dass er nach Nordkorea gekommen sei, um die Kultur des Landes besser kennenzulernen – Sigley studierte koreanische Literatur –, habe man ihm nicht geglaubt. Für einen Australier seien derartige Motive «unnatürlich», so seine Bewacher.

Auch sein Interesse an Wirtschaftsbeziehungen mit Nordkorea – Sigley betrieb nebenher eine kleine Agentur, die Reisen in das Land vermittelte – habe man ihm nicht abgenommen. Tagelang sei er befragt worden, oft nach demselben Muster:

Geheimpolizist: «Alek, dir ist klar, dass wir es ernst meinen? Wenn du Glück hast, wirst du lediglich zu zehn Jahren Arbeitslager verurteilt. Wir haben einen ganzen Berg an Beweisen deiner Verbrechen. Wenn du milde behandelt werden willst, gestehst du besser.»

Sigley: «Ich habe keine Ahnung, wovon Sie sprechen. Ehrlich.»

Geheimpolizist: «Okay, ich zeige Ihnen ein Beispiel.»

Dann habe der Geheimpolizist ein Foto hervorgeholt, das einen nordkoreanischen Spielzeugpanzer zeige und das Sigley bei Instagram hochgeladen habe.

Geheimpolizist: «Das ist Militärspionage!»

Erinnerungen an den Fall Otto Warmbier

Als er nach neun Tagen schliesslich entlassen wurde, habe er einen vorgefertigten «Entschuldigungsbrief» unterschreiben müssen, in dem er gestehen musste, «den Weltfrieden gefährdet» und «die Souveränität Nordkoreas verletzt» zu haben. Am Folgetag sei er zum Flughafen gebracht und nach Peking ausgeflogen worden.

Er habe schon immer gewusst, schreibt Alek Sigley in dem «Guardian»-Artikel, dass ihm in Nordkorea so etwas passieren könne. Weil er aber fliessend Koreanisch spreche, das Land schon mehrfach besucht habe und sich gut mit den Menschen verstehe, habe es ihn dann aber doch überrascht, dass man ausgerechnet ihn inhaftiert habe. Zumal, weil er mit einer Nordkoreanerin verheiratet sei.

Der Fall weckt Erinnerungen an den tragischen Tod des US-Amerikaners Otto Warmbier. Anfang 2016 war der damals 21-Jährige nach einer Gruppenreise in Nordkorea bei der Ausreise festgenommen und wegen «feindlicher Handlungen gegen den Staat» zu 15 Jahren Arbeitslager verurteilt worden.

Warmbier soll angeblich versucht haben, ein Propaganda-Plakat zu stehlen. Wenige Tage nach seiner Rückkehr in die USA im Juni 2017 starb er – er hatte damals bereits 15 Monate im Koma gelegen. Bis heute sind die Hintergründe von Warmbiers Tod nicht aufgeklärt.

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