Wie sich Sepp Blatter als Gastprediger schlägt

Nicolai Morawitz

5.11.2018

Hielt an seinem Geburtsort Visp am Sonntag eine Gastpredigt: Sepp Blatter.
Keystone

Für die einen der Gründervater der modernen FIFA, für andere ihr Totengräber: An Joseph Blatter scheiden sich drei Jahre nach seinem Rückzug aus dem Präsidium die Geister. Am Wochenende ist der Walliser bei einer Gastpredigt in Visp wieder öffentlich aufgetreten – und liess dabei auch durchblicken, was er von den jüngsten «Football Leaks»-Enthüllungen hält.

Sonntagmorgen in der reformierten Kirche in Visp: Der Bau ist steingewordene Bescheidenheit – das kleine Gotteshaus scheint fast vom umliegenden Wohnviertel verschluckt. Auf den Besuch des Katholiken und Ex-FIFA-Präsidenten Sepp Blatter deuten allenfalls kleine laminierte Schilder hin: «Film- und Fotoaufnahmen» sind während des Gottesdienstes verboten. Polizei- oder Sicherheitskräfte sucht man vergebens.

Die Kirche ist bis auf den letzten Platz gefüllt, Blatter nimmt auf der vordersten Bank Platz. Bevor Blatter an diesem Reformationssonntag an die mit einem Fussball geschmückte Kanzel treten darf, führt Pfarrer Tillmann Luther ein Kurzinterview: Wo in der Kirche Reformationsbedarf bestehe, will er von seinem Ehrengast wissen.

Blatter: «Ich bin mit mir im Reinen»

Blatter berichtet auf Walliserdeutsch von seinem Treffen mit dem Papst. Diesem habe er gesagt: «Wenn ihr so weiter macht in der Kirche und ich im Fussball, dann haben wir bald mehr Leute in den Stadien als in den Kirchen». Es gelte, alte Zöpfe abzuschneiden. Pfarrer Luther daraufhin: «In dir steckt ein zweiter Luther». Gelächter unter den Kirchgängern.

Blatter eröffnet der Kirchgemeinde, dass ihm nach seinem Rücktritt 2015 die Familie geholfen habe, aber auch der Glaube. «Der Zweifel bringt nichts». Heute sehe er sich als Humanist, der sich auf Konfuzius, Buddha, Sokrates, Jesus und Mohammed beziehe.

Die Medienberichte zum Fall FIFA in den letzten Tagen und der Gottesdienst seien «kongruent». Die Zeit und die «Vorsehung» werde ihm helfen: Er werde als Sieger hervorgehen und recht behalten.

Im «Bluewin»-Videointerview erklärt Blatter, warum er aus den FIFA-Enthüllungen vom Wochenende neue Hoffnung schöpft und welche Verbindungen zwischen Fussball und Religion er sieht. 

Seine Botschaft an die Gemeinde hatte Blatter mit den Worten «Mission und Passion» überschrieben. Den gleichen Titel trug bereits eine 2016 erschienene Biografie über ihn. Blatter liefert einen mit Fussball-Anekdoten gespickten Vortrag, in dem er Lebensweisheiten, religiöse Versatzstücke und Erinnerungen an Könige, Kaiser und Präsidenten miteinander kombiniert. Der 82-Jährige wirkt wach und trägt den Schalk im Nacken.

Sich selbst präsentiert er als «Entwicklungshelfer des Fussballs», der in 45 Jahren bei der FIFA geholfen habe, den Fussball auf der ganzen Welt zu verbreiten.

Fussball: Zwei Milliarden Gläubige?

Zwei Milliarden Menschen hätten heute weltweit direkt oder indirekt mit dem Fussball zu tun, rief Blatter in Erinnerung. Fast schien es, als sehe er Fussball-Gläubige in ihnen. «Gott hat sicher einmal Fussball gespielt», so Blatter – in der Jugend war er Mittelstürmer.

Überhaupt sei der Fussball eine «Schule des Lebens»: Disziplin, Respekt, Kampf und Fairplay würden darin vermittelt. Ausserdem brauche es aber Glaube, Liebe, Hoffnung und das Vertrauen zu den Mitmenschen.

Bei den vorwiegend älteren Gottesdienstgängern, die allerdings namentlich nicht genannt werden wollen, kommt Blatters launige Botschaft gut an: Er habe es verstanden, seine Erfahrungen aus dem Fussball mit religiösen Ansichten zu verbinden, sagt etwa eine Frau im Anschluss.

Ob eine Prise Demut und Einsicht dem Vortrag nicht auch gut zu Gesicht gestanden hätten? Nein, findet ein anderer Kirchgänger. Man sei an Blatter als Menschen und seiner langen Karriere interessiert gewesen. Und diese Erwartungen habe der Gast erfüllt.

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