Darum protestieren die Romands weniger gegen Corona-Massnahmen

uri

22.9.2021

Ein Freiheitstrychler waehrend einer Demonstration gegen die Massnahmen im Zusammenhang mit dem Coronavirus, am Donnerstag, 16. September 2021 in Bern. (KEYSTONE/Peter Klaunzer)
Ein Freiheitstrychler während einer Demonstration gegen Corona-Massnahmen am 16. September 2021 in Bern.
Bild: Keystone

In der Deutschschweiz gehen Corona-Skeptiker regelmässig auf die Strasse, um zu demonstrieren. In der Romandie ist der Protest eher selten. Die Gründe dafür sind statistischer Natur – und wohl auch kulturell bedingt.

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22.9.2021

Am gestrigen Dienstag fand zwar eine grössere Demonstration gegen Corona-Massnahmen in Lausanne statt. Ansonsten sind Proteste in der Romandie aber seltener als in der Deutschschweiz. Hier sind vor allem die Ausschreitungen von Bern am letzten Donnerstag im Gedächtnis, dazu Demonstrationen von Impf-Skeptikern in Winterthur, Schaffhausen, St. Gallen und Brig. Auch für dieses Wochenende ist eine Demo in Uster angekündigt, schreibt die NZZ.

In der Romandie seien entsprechende Aktionen indes eher selten. Hier sei es in den vergangenen Wochen neben Lausanne lediglich im jurassischen Delsberg und im zweisprachigen Biel zu entsprechenden Kundgebungen gekommen, wie die Zeitung schreibt.

Geimpfte gehen seltener auf die Barrikaden

Als Ursache für diesen Umstand sieht die NZZ nicht zuletzt statistische Gründe. So lebten im französischsprachigen Landesteil rund zwei Drittel weniger Personen als in der Deutschschweiz. Zudem gelte auch: «Wer gegen Covid-19 geimpft ist, geht seltener auf die Barrikaden.» Und gerade in der Romandie sei die Impfbereitschaft deutlich höher.



Laut Zahlen des Bundesamts für Gesundheit (BAG) haben in den Westschweizer Kantonen – mit Ausnahme des Juras – bereits weit mehr als 60 Prozent der Einwohner wenigstens eine Impfdosis erhalten. In allen Kantonen der Romandie ist demnach wenigstens die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger vollständig geimpft. In der Zentral- und der Ostschweiz gebe es unterdessen gleich neun Kantone, in denen bislang weniger als Hälfte der Einwohnerschaft bereits doppelt geimpft sei.

Der Röstigraben in Sachen Corona zeige sich ebenfalls bei der ersten Abstimmung zum Covid-19-Gesetz im Juni, so die NZZ. Während alle Kantone der Romandie deutlich mit Ja gestimmt hätten, sei die Gesetzesvorlage bei immerhin acht Deutschschweizer Kantonen durchgefallen.

Tieferliegende Mentalitätsunterschiede

Diese Zahlen allein könnten die Unterschiede aber nicht erklären. So sei die Impfbereitschaft in der Romandie wohl nicht zuletzt höher, weil die Menschen hier in den vorherigen Corona-Wellen deutlich stärker zu leiden hatten als in der Deutschschweiz. Entsprechend offener seien sie nun für Impfungen und die Massnahmen der Behörden.

Tieferliegende Mentalitätsunterschiede macht indes der Delegierte für den Sicherheitsverbund Schweiz, André Duvillard, aus. «Westschweizer haben eher einen pragmatischen als einen ideologischen Umgang mit den Massnahmen», wird er zitiert. Hier herrsche eher die Haltung vor, dass die Behörden ihre Entscheidungen aus gutem Grund treffen würden.

Duvillards Sicht wird vom Genfer Soziologen Sandro Cattacin gestützt, wonach sich die Westschweiz stärker vom republikanischen Modell beeinflusst werde. Hier denke man «schneller kollektiv, verhält sich wie die anderen und zieht eher am gleichen Strick», zitiert die Zeitung Cattacin.