Die Schweiz bleibt in der vierten Welle gelassen, und Deutschland wundert sich

Von Andreas Fischer

12.11.2021

Auf dem Bundesplatz in Bern startete Bundespräsident Guy Parmelin am Montag die nationale Impfwoche. (Archivbild)
Bundespräsident Guy Parmelin startete am Montag die nationale Impfwoche. In Deutschland ist man erstaunt, dass die Schweiz keine härteren Massnahmen gegen das Coronavirus ergreift.
KEYSTONE/KARL-HEINZ HUG

Die Fallzahlen steigen, die Spitäler füllen sich, doch neue Corona-Massnahmen sind nicht in Sicht. In Deutschland blickt man ziemlich verwundert auf die entspannte Schweiz – und sucht nach Gründen.

Von Andreas Fischer

12.11.2021

Ganz Europa bereitet sich auf erneute harte Corona-Massnahmen vor. Ganz Europa? Nein. Ein kleines Land mittendrin weigert sich standhaft – und die Nachbarn reiben sich verwundert die Augen. Was ist da los in der Schweiz? Das fragte man sich zuletzt auch in Deutschland häufiger.

Während viele Länder die Massnahmen wieder verschärfen, bleibt die Schweiz relativ entspannt. «Ich glaube nicht, dass 2G nötig wird. 3G hat funktioniert», sagte Gesundheitsminister Alain Berset am Donnerstag in einer Diskussionsrunde bei «20 Minuten».



Auch der Zuger Kantonsarzt Rudolf Hauri erteilte 2G eine Abfuhr. Der Präsident der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte findet die Zahlen in der Schweiz «noch nicht so schlecht». Zu blue News sagte er, dass es bei allfälligen Massnahmen auf die «eigene epidemiologische Lage mit Blick auf die damalige zweite Welle» ankommt und nicht «auf einen Vergleich mit Österreich oder Deutschland».

Verwunderung und Unverständnis

Trotzdem sei an dieser Stelle ein Vergleich erlaubt: In ganz Österreich gilt in vielen Bereichen des öffentlichen Lebens die 2G-Regelung, ein Lockdown für Ungeimpfte ist in Planung. Auch in Deutschland dürfen in immer mehr Bundesländern nur noch Geimpfte und Genesene in Restaurants, Bars und auf Veranstaltungen. Dort wird ein echter Lockdown zwar weiterhin ausgeschlossen, manche Experten rechnen aber mit einem «Lockdown durch die Hintertür».



In der Schweiz sind derartige Massnahmen nicht geplant. Die vierte Welle der Corona-Pandemie verschont die Schweiz trotzdem nicht. Auch hierzulande steigen Infektionszahlen und müssen immer öfter Covid-19-Patient*innen hospitalisiert werden oder landen auf der Intensivstation. Die Schweiz hat die zweitniedrigste Impfquote in Westeuropa, nur in Österreich ist sie noch niedriger.

Dass die Schweiz trotzdem gelassen bleibt, wird in Deutschland mit einer Mischung aus Verwunderung und Unverständnis gesehen.

Trotzig gegen Bern

Die Gründe dafür sucht man in der direkten Demokratie und einer Art «Trotz-Gen», das deutsche Beobachter*innen in der Schweiz ausgemacht haben wollen. «Geprägt durch die direkte Demokratie und den ausgeprägten Föderalismus haben viele Schweizer auch einen Abwehrreflex gegen Vorschriften aus Bern», schreibt etwa der «Spiegel».

Die Impfgegner in der Schweiz seien so laut und omnipräsent wie sonst nirgends in Europa: «Im Kampf um Stimmen gegen die vergleichsweise milden Corona-Massnahmen geben sie den Ton an.» «Es ist ungemütlich geworden im Paradies der direkten Demokratie», sekundiert die konservative «Frankfurter Allgemeine Zeitung» und weiss: «In der Schweiz bestärkt das Zertifikat die Kritiker nur in ihrem Widerstand.»



Für Befremden sorgt etwa, wie ausführlich über die Skeptiker-Beiz Walliserkanne berichtet wurde. «Die atemlose Berichterstattung mancher Schweizer Medien über rebellierende Wirte (…) könnte den Eindruck entstehen lassen, dass die radikalen Corona-Massnahmengegner im Land in der Mehrheit seien», analysiert die «Spiegel»-Autorin, glaubt aber, dass sie trotz ihrer «medialen Omnipräsenz» in der Minderheit seien. Dies würden die aktuellen Zustimmungswerte zum Covid-Gesetz belegen.

«Leichtsinnig»? «Egoistisch»? Oder doch «vorbildlich»?

«Es braucht Massnahmen, um das Gesundheitssystem zu schützen. Aber die sind noch gering und viel weniger als in anderen Ländern», hatte Alain Berset bei «20 Minuten» gesagt. In Deutschland und Europa führen solche Aussagen dazu, dass die Schweiz als «leichtsinnig» und «egoistisch» wahrgenommen wird (von manchen aber auch als «vorbildlich»).

Für den deutschen Mediziner Frank Ulrich Montgomery, Präsident des weltweiten Zusammenschlusses der Ärzteverbände (WMA), sind die stark steigenden Ansteckungen ein Grund, dass die 2G-Regel auch in der Schweiz zum Thema werden müsse, wie er in einem Interview mit den Zeitungen von CH Media sagte. Sie müsse zwar nicht flächendeckend eingeführt werden, aber in Städten schon: «Im Zürcher Bankenviertel ziemlich sicher, auf der Rütli-Wiese hingegen kaum.»

Oberster Kantonsarzt: «3G ist epidemiologisch vertretbar»

Oberster Kantonsarzt: «3G ist epidemiologisch vertretbar»

Ein Zertifikat nur für Geimpfte oder Genesene (2G-Regel) sei in der Schweiz derzeit kein Thema. Der Zuger Kantonsarzt Rudolf Hauri, Präsident der Vereinigung der Kantonsärztinnen und Kantonsärzte, meint: «Jetzt ist es richtig, dass wir bei 3G sind. Die Zahlen sind noch nicht so schlecht. Das bedeutet auch, dass die Tests noch eine gewisse Wirkung haben. Aber man muss das beobachten.»

12.11.2021