Der Sommer wird länger

«Die Hitzerekorde dürfte es eigentlich nicht geben»

Von Andreas Fischer

20.5.2022

Allenthalben werden neue Hitzerekorde aufgestellt: Es ist Mai, und die Schweiz schwitzt bereits wie im Hochsommer. Ist das noch Wetter oder schon Klimawandel? Wir haben einen Fachmann gefragt.

Von Andreas Fischer

20.5.2022

Die wärmste je gemessene Mai-Nacht in Visp. Absoluter Mairekord im Jura.  Mehr als 33 Grad Celsius in Chur. Schweizweit mehrere Hitzetage in Folge. Verglichen mit dem langjährigen Mittel von 1991 bis 2020 ist der Mai deutlich zu heiss: in der Nordschweiz verbreitet um 2 Grad, im Süden um mehr als 1,5 Grad, wie Meteonews schreibt

Ist die aktuelle Hitzewelle nur ein Wetterphänomen? Das wäre zu kurz gegriffen, findet ETH-Forscher Erich Fischer im Gespräch mit blue News. Für den Klimaphysiker, einer der Leitautoren des letztjährigen Klimaberichts des Uno-Klimarats IPCC, ist es durchaus «bemerkenswert, dass wir zurzeit immer wieder sehr viele Rekorde beobachten». Die sollte es nach 170 Jahren Wetteraufzeichnungen eigentlich nur noch sehr selten geben.

Zur Person
Professors Portraits of the Department of Environmental Systems Science USYS Evaluation, Mach 2018. (ETH/Alessandro Della Bella)
zVg/ETHZ/Allessandro della Bella

Erich Fischer forscht und lehrt am Institut für Atmosphäre und Klima der ETH Zürich. Der Klimatologe ist einer der Leitautoren des letztjährigen Berichts des Uno-Klimarats IPCC.

Fischer bemüht zur Veranschaulichung einen Vergleich aus dem Sport. «Wenn sich sehr viele Athleten viele Jahre lang in einer Disziplin versucht haben, zum Beispiel im Weitsprung, dann liegt es in der Natur der Dinge, dass Rekorde immer seltener gebrochen werden.» Bei den Männern hat der aktuelle Weltrekord seit 1991 Bestand, bei den Frauen sogar seit 1988.

«Einzelne Wetterrekorde können Zufall sein», sagt Fischer. «Aber die Häufung in den letzten Jahren und auf der ganzen Erde kann man deutlich auf den Klimawandel zurückführen.»

Zu viele Rekorde auf der ganzen Welt

Rekorde gibt es nicht nur im Schweizer Mai 2022. In Indien und Pakistan leiden die Menschen seit zwei Monaten unter Temperaturen von weit über 40 Grad. Spanien und Frankreich erwarten am Wochenende eine Hitzewelle von aussergewöhnlicher Intensität. In Italien trocknet der Fluss Po aus, weil aus den Alpen zu wenig Wasser nachgeführt wird.

Das sind nur die aktuellen Beispiele. Im Juni 2021 wurden im Westen Kanadas 49,6 Grad Celsius gemessen. Kanadischer Rekord. In Syrakus auf Sizilien zeigte das Thermometer im August 2021 48,8 Grad Celsius an. Europarekord.

Die ständig neuen Temperaturrekorde sind «nichts, was man erwarten dürfte ohne den Klimawandel», stellt Fischer klar. «Bei der Hitzewelle in Indien kann man argumentieren, dass der Klimawandel die Wahrscheinlichkeit solcher Ereignisse deutlich erhöht hat. Man kann zwar ein konkretes Wetterereignis nicht dem Klimawandel zuschreiben, aber die Wahrscheinlichkeit, dass es eintritt, ist durch den Klimawandel signifikant erhöht, nämlich um den Faktor 100.» Das hat das Met Office, der britische Wetterdienst, gerade in einer Studie herausgefunden.

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Über 30 Grad im Mai: Ein Grund zum Jubeln oder Fluchen?

Wirklich viel passiert dann doch nicht 

Die Forschung ist spannend, sagt Erich Fischer. Aber werden aus den Ergebnissen dann auch praktische Massnahmen abgeleitet? «Die Resultate werden durchaus wahrgenommen und beachtet», sagt der Klimaphysiker. Die Ergebnisse der Wissenschaft in konkrete Handlungen umzusetzen, sei dann aber problematischer.

«Sobald es darum geht, Entscheidungen zu treffen, die Kosten verursachen und die Menschen auch etwas einschränken, wird es schwieriger», sagt Fischer. Dass etwa die CO2-Emissionen immer noch ansteigen, «also nicht einmal stabilisiert sind», wobei sie doch eigentlich sinken müssten, damit ist der Klimaforscher nicht zufrieden. «Auch als Bürger nicht», wie er betont. Bei notwendigen Veränderungen in der Mobilität und bei der Energieversorgung passiere zu wenig.

Dabei kommt noch einiges auf die Schweiz zu. Der Rekord-Mai 2022 wird wahrscheinlich nicht der heisseste Mai bleiben: «Wetterextreme werden sich weiter häufen, das können wir in den Daten schon sehen.» Insbesondere bei der Hitze ist der Trend an sehr vielen Messstationen in der Schweiz nachweisbar.

Bevölkerung wird sich anpassen müssen 

«Was zurzeit geschieht, entspricht genau unseren Erwartungen», blickt Erich Fischer zurück. «Im Sommer 2003 haben wir vorhergesagt, dass warme und trockene Sommer mit dem Klimawandel häufiger werden. Diese Vorhersage bewahrheitet sich jetzt.» War 2003 war noch ein Ausreisser, wurde seit 2015 eine grosse Häufung von heissen Sommern in der Schweiz beobachtet.

«Der Sommer wird länger.»

Dabei werden nicht nur die klassischen Sommermonate heisser. «Wir haben im Mai und September Verhältnisse wie früher im Juni oder Ende August. Temperaturen, die wir eigentlich erst Ende Juli erwarten, treten jetzt schon im Mai auf. Der Sommer wird länger», sagt Fischer.

Das hätten die Schweizerinnen und Schweizer wahrscheinlich unterschätzt, sagt Fischer. Ganz sicher bedeutet es für sie eine Umstellung. «Die Schweizer Städte sind nicht gebaut für diese Temperaturen. Ich habe erst heute Morgen Leute beobachtet, die sich darüber beschwert haben, schlecht geschlafen zu haben, weil es in ihren Wohnungen zu heiss war.»

Die Kühlung kommt vom Kohlestrom

Für den Klimaforscher zeigt die Tatsache, dass sich die Menschen schon im Mai über die Temperaturen beschweren, deutlich, «dass wir nicht nur die Emissionen senken, sondern uns bereits jetzt stärker an die Hitze anpassen müssen».

Grünere Städte, weniger Versiegelung: Fischer findet, dass sich in dieser Hinsicht bereits einiges tue, vor allem in Zürich. «Gleichzeitig werden dort aber noch immer ganze Quartiere, wie die Europaallee gebaut, die komplett versiegelt sind und in der es kaum einen Baum oder eine grüne Fläche gibt. Es ist noch ziemlich viel Umdenken nötig.»

Dabei geht es den Menschen in der Schweiz noch verhältnismässig gut. Richtig unerträglich werden die Lebensumstände in Ländern wie Indien oder Pakistan. «Dort sind wir bereits in einem kritischen Bereich. Temperaturen gegen 50 Grad Celsius, verstärkt von der schwülen Monsunluft, sind gesundheitlich eine grosse Herausforderung», sagt Fischer. «Sehr viele Menschen können dort zurzeit überhaupt nicht mehr nach draussen. Sie mussten sich in den letzten Wochen in Innenräumen von öffentlichen Gebäuden abkühlen.»

Dass die Menschen immer abhängiger von künstlicher Kühlung werden, tönt nach einem Teufelskreis. Kühlung braucht Strom, und der wird global vor allem mit fossilen Energieträgern erzeugt. «Indien hat kurzfristig sehr viel Kohlestrom zusätzlich zur Verfügung gestellt, um die Kühlung zu gewährleisten», erzählt Erich Fischer. «Das ist kurzfristig zum Wohl der Menschen nachvollziehbar, aber mittel- und langfristig natürlich verheerend.»

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