«Die drei Küsschen könnten uns abhanden kommen – das ist kein Kulturverlust»

Anna Kappeler

9.7.2020 - 07:00

Mit oder ohne Maske im Zürcher HB? Im Zug selber sind Masken seit diesem Montag Vorschrift.
Bild: Keystone

Stil-Knigge in Corona-Zeiten: Bin ich ein Bünzli, wenn ich den hustenden Menschen hinter mir zurechtweise? Und: Wie sage ich es mit Anstand? Solche und andere Fragen an den Stilexperten Jeroen van Rooijen.

Wir alle wollen das Coronavirus eindämmen. Dabei allerdings gehen wir nicht alle gleich vor. Die Hygiene- und Abstandsregeln bieten Hilfe, doch sie lassen auch Interpretationen zu.

Die Folge? Der eine entwickelt sich zum Moralapostel, der Mitmenschen öffentlich blossstellt, die andere zur Corona-Ignorantin, die nicht ans Virus glaubt. Zeit für die Einschätzung eines Stilexperten.

Herr van Rooijen, beim Einkaufen oder beim Warten auf den Bus: Sage ich dem hustenden Menschen, dass er in die Ellbogen-Beuge husten soll?

Ich würde es nonverbal lösen: ihm einen dezidierten Blick zuwerfen und zwei Schritte nach hinten machen. Das ist feiner, als jemanden anzupflaumen. Und doch eine unmissverständliche Aufforderung, sich sozialverträglich aufzuführen.

Funktioniert eine verbale Zurechtweisung, ohne giftig zu sein?

Ich zweifle daran. Und wenn, dann helfen Charme und Humor dabei. Aktuell sind alle angespannt und die Nerven liegen blank, da empfehle ich, nicht auf Eskalation zu gehen. Wenn ich direkt giftig werde, kann ich weder mit Lebensfreude noch mit einer entspannten Situation rechnen.

Zur Person
Keystone

Der Frauenfelder Jeroen van Rooijen ist Stilexperte. Er ist Mitinhaber des Concept Stores Cabinet in Zürich. Bekannt wurde er etwa durch seine Kolumne in der «NZZ am Sonntag», in der er Stil-Fragen beantwortete. 2016 kürte das deutsche Magazin «Gentlemen’s Quarterly» (GQ) ihn zum «bestangezogenen Mann in der Schweiz».

Bin ich eine Polizistin, wenn ich die Person ohne Maske im Zug auf die Maskenpflicht hinweise?

In dieser Situation befand ich mich gestern. Und ich musste mich zusammenreissen, nichts zu sagen. Dann fiel mir ein: Es ist ja klar, dass wenn 95 Prozent der Menschen eine Maske tragen, die anderen fünf Prozent sie kaum einfach vergessen haben. Sie sind im Gegenteil wohl Querulanten. Diese Menschen suchen die Konfrontation. Tue ich denen den Gefallen mich aufzuregen, tappe ich in ihre Falle. Ich bin dafür, dass es eine soziale Kontrolle gibt. Aber sie geschieht mit Vorteil nonverbal. Sonst kommt es nur zu Streitigkeiten.

Lohnt es sich denn, sich auf eine Diskussion mit Corona-Ignoranten einzulassen?

Ich würde versuchen, mich dieser Person nicht mit einer Aufforderung oder einer Zurechtweisung zu nähern, sondern mit einer offen formulierten Frage. Etwa: Oh, ertragen Sie keinen Textilien vor dem Gesicht? Das lässt einem einen Notausgang offen, falls das Gegenüber sich sehr aufregen sollte, à la ‹Ich habe bloss eine Frage gestellt, alles ok›. Ob sich eine Diskussion lohnt, weiss ich nicht. Das hängt vom Fall ab. Es gibt aber schon so etwas wie eine Bürgerpflicht, es zumindest zu versuchen. Aber klar, der Fall ist delikat und kann nach hinten losgehen.

Im angelsächsischen Raum gibt’s für solche Situationen den Begriff: ‹social distancing shaming›, Abstandsscham. Bringt der Kampf gegen das Virus den in uns allen schlummernden Bünzli zutage?

Oh, das ist interessant. Wenn man das bünzlig nennen will, ist das möglicherweise so, ja.

Umfrage
Sollte die Schweiz eine Maskenpflicht in der Öffentlichkeit einführen?

Sie finden dieses Verhalten nicht negativ?

Nein. Lassen Sie es mich positiv ausdrücken: Wir sind alle vorsichtig geworden, weil wir verunsichert sind. Ich könnte mir vorstellen, dass das Bundesamt für Gesundheit BAG eine gewisse Unsicherheit durchaus als im Dienste der Sache anschaut.

Wie meinen Sie das?

Die Leute bleiben dadurch vorsichtig und alert. Sie verfallen nicht in eine Nachlässigkeit. Ich finde, momentan ist eine gewisse Nervosität gewollt und richtig. Was ich dagegen bünzlig finde, ist, Leute anzupflaumen. Und den Quartierpolizisten zu spielen.

« Sie geben einfach nach und entschuldigen sich? Und bewegen sich weg. Deeskalation ist wohl das Gescheiteste.»

Stilvoll bin ich, wenn ich bei mir anfange? Und einen Schritt zurück mache?

Genau. Ich lote meinen eigenen Spielraum aus. Ist dieser erschöpft, … (Er zögert) Dann muss ich vielleicht das zu leben versuchen, was das Leben überhaupt erst lebenswert macht: Gelassenheit, Grosszügigkeit und Nachsicht. Trägt jemand im Bus keine Maske, ist er mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Ignorant und Blödmann. Vielleicht aber gibt es medizinische Gründe, weshalb er sein Gesicht nicht bedeckt. Worauf ich hinauswill: Nicht alles in der Welt ist schlimm und böse. Wir müssen die Hoffnung aufrechterhalten, dass es alle schon richtig meinen.

Umgekehrt: Wie verhalte ich mich, wenn ich selber angegangen werde, mich aber im Recht sehe?

Sie geben einfach nach und entschuldigen sich? Und bewegen sich weg. Deeskalation ist wohl das Gescheiteste.



Stichwort Wegbewegen: Der Chef kommt mit ausgestreckter Hand auf mich zu am Firmen-Apèro. Kann ich ihm den Handschlag verweigern?

Ich habe jeweils die Hände hinter dem Rücken. Oder ich lasse sie im Hosensack, was zwar zugegeben etwas plumper ist. Eine andere Möglichkeit ist es, die Hand zum Gruss zu erheben. Kurz: Machen Sie unmissverständlich klar, dass Sie das nicht wollen. Eine ausgestreckte Hand muss ich im Moment nicht entgegennehmen. Wer jetzt Leuten die Hand gibt, hat ohnehin die letzten drei Monate verpasst. So einen Chef darf es nicht geben.

« Wenn Sie auch nach Corona nie wieder drei Küsschen geben wollen, können Sie trotz einer gewissen Distanz eine herzliche Person sein.»

Was sagt es über mich, dass ich auch nach Corona nie wieder drei Küsschen geben/erhalten will?

Das sagt, dass Sie trotz einer gewissen Distanz eine herzliche Person sein können. Lassen Sie Ihre Körpersprache für sich sprechen. Die drei Küsschen könnten uns langfristig abhandenkommen. Das ist kein Kulturverlust. Dieses Geküsse machen die meisten Leute ohnehin nur widerwillig. Es ist zudem altmodisch, die Jungen umarmen sich stattdessen längst.

Auf Abstand zu machen, ist nicht unhöflich?

Absolut nicht. Im Gegenteil: Eine gewisse Distanziertheit ist eine Form von Höflichkeit. Das gibt Raum – Ihnen und dem Gegenüber.



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