Flüchtlingskrise: «Dem Virus ist es egal, wer welchen Pass hat»

Jennifer Furer

20.3.2020

Auf der griechischen Insel Lesbos bahnt sich eine Katastrophe an. Ein Schweizer Helfer warnt: Sollte sich das Coronavirus auch unter den dort gestrandeten geflüchteten Menschen verbreiten, drohe eine Tragödie.

Die Nachrichten rund um das Coronavirus überschlagen sich. Es bleibt kaum Zeit, sich über die eigene Landesgrenze hinweg zu informieren. Dabei spitzt sich fernab der breiten Öffentlichkeit die ohnehin prekäre Lage auf der griechischen Insel Lesbos weiter zu.

Dort warten über 20'000 geflüchtete Menschen darauf, auf das europäische Festland übersiedeln zu können. Im Flüchtlingslager Moria, das eigentlich nur für rund 3'000 Menschen ausgelegt ist, harren jetzt knapp siebenmal so viele Frauen, Männer und Kinder aus.

Die restriktive europäische Migrationspolitik schränkt ihre Möglichkeit ein, Schutz vor Verfolgung zu beantragen. Täglich kommen mehr Menschen auf der Insel an. Die Situation in den Flüchtlingslagern wird immer prekärer.

Der Schweizer Fabian Bracher war bis zum Montag auf der Insel. Er ist Vorstandsmitglied der NGO «One Happy Family». Bracher zeigt sich im Interview besorgt um die tausenden geflüchteten Menschen und befürchtet eine Katastrophe, sollte das Coronavirus die Insel erreichen. 

Zur Person
zvg

Fabian Bracher ist Vereinspräsident von «One Happy Family». Die nicht gewinnorientierte Organisation mit Sitz in Burgdorf BE leitet und unterstützt seit 2017 ein Gemeinschaftszentrum auf der Insel Lesbos.

Wie sieht die Lage auf Lesbos derzeit aus?

Die Menschen sind unsicher, die Atmosphäre ist angespannt. Ich bin seit 2015 immer wieder in Lesbos und habe mich in den Ort verliebt. Aber dieses Mal war es anders: Ich fühlte mich zum ersten Mal auch selber unsicher.

Warum?

Die Situation auf Lesbos hat sich in den letzten Wochen verschärft. Immer mehr Geflüchtete leben auf den griechischen Inseln in menschenunwürdigen Bedingungen. Die einheimische Bevölkerung fühlt sich alleingelassen, und rechtsradikale Gruppierungen üben vermehrt Angriffe auf geflüchtete Menschen, aber mittlerweile auch auf Hilfsorganisationen und Journalisten aus. Die Polizei schaut weg. Es ist eine Art rechtsfreier Raum entstanden, in dem man sich nicht mehr sicher fühlen kann.



Eine weitere Bedrohung ist das Coronavirus. Nun soll es auch im Flüchtlingslager Moria bestätigt worden sein.

Wir beobachten diese Entwicklung mit grosser Sorge. Die medizinischen Organisationen vor Ort probieren alles, um einen Ausbruch im Flüchtlingslager zu verhindern.

Wie wäre das möglich?

Durch eine Evakuierung der geflüchteten Menschen aus dem Camp. Aber im Moment geschieht Gegenteiliges: Die Flüchtlingslager werden geschlossen, stehen unter Lockdown. Geflüchtete Menschen können die Camps nur sporadisch verlassen. Momentan dürfen 100 Leute pro Stunde raus. Sprich: Jeder darf alle 16 Tage das Camp verlassen.

Heute sind die Menschen also noch stärker in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Schockierend dabei ist, dass diese Massnahme einen Tag nach einem grossen Brand im Flüchtlingslager ergriffen wurde, bei dem ein sechsjähriges Mädchen ums Leben kam.



Was haben Schliessungen der Camps denn für Folgen?

Die Menschen werden ihrem Schicksal überlassen. Man lässt sie im Stich. In den Flüchtlingslagern herrschen fatale Zustände. Schon allein deshalb, weil sie nicht für eine so grosse Anzahl Menschen ausgelegt sind. Der Zugang zu sanitären Anlagen, Nahrungsmitteln und medizinischer Versorgung ist massiv eingeschränkt. Es gibt für 1'000 Personen nur einen Wasserhahn, an dem sich die Geflüchteten die Hände waschen können. Menschen stehen bis zu fünf Stunden für ihr Essen an. Wer am Schluss dran kommt, hat praktisch nichts mehr. Es gibt auch fast keine Möglichkeiten, Kleider zu waschen.

Was könnte den geflüchteten Menschen auf Lesbos helfen?

Eine Dezentralisierung und besserer Zugang zu Medizin, Nahrungsmitteln und sanitären Anlagen wäre jetzt angebracht. Es wäre wichtig, alle Menschen an verschiedene Orte zu bringen, an denen sie besser vor dem Virus und diesen engen und unhygienischen Zuständen geschützt sind.

Die Krise in Lesbos

Steht die Schweiz in der Pflicht?

Natürlich. Alle EU-Länder und Mitgliedstaaten des Schengen/Dublin-Abkommens stehen jetzt in der Pflicht. Es ist nicht nur die Aufgabe von Griechenland, den Geflüchteten Zugang zu menschenwürdigen Bedingungen zu gewähren. Die Menschen aus Lesbos müssen jetzt grossflächig an verschiedene Länder verteilt werden.

In Zeiten des Coronavirus machen die Länder ihre Grenzen zunehmend dicht oder verschärfen die Kontrollen drastisch.

Das mag sein, aber genau jetzt müssten alle Länder reagieren und den Menschen auf Lesbos helfen. Die Schweiz beispielsweise hat noch viel Platz in Asylzentren. Im Moment steht aber die Bürokratie im Weg.

Inwiefern?

Die Schweiz kann Griechenland Kontingente zur Übernahme der geflüchteten Menschen anbieten. Damit dies aber gut funktioniert, muss es möglichst unbürokratisch und schnell geschehen. Ansonsten hat Griechenland wiederum einen erhöhten administrativen Aufwand – was schlussendlich wieder keine Entlastung bringt.

Täglich kommen geflüchtete Menschen auf Lesbos an.
Angelos Tzortzinis/DPA

Macht die Schweiz zu wenig?

Ja, bisher hat sie eigentlich nichts gemacht. Bundesrätin Karin Keller-Sutter wollte unbegleitet Kinder in die Schweiz holen. Das ist meines Wissens bis jetzt nicht geschehen. Nicht nur die Aufnahme von geflüchteten Menschen ist jetzt wichtig: Die Schweiz müsste jetzt ihre diplomatische Gewalt nützen und sich dafür einsetzen, dass die Menschenrechte und Abkommen wie die Genfer Flüchtlingskonvention eingehalten werden.

Hat die Schweiz im Moment nicht genug mit sich selbst zu tun?

Das Coronavirus ist nicht nur medizinisch gefährlich. Es bringt auch den Egoismus mancher Menschen und Länder ans Tageslicht. Man ist momentan um sich selbst und um die eigenen Bürger besorgt. Es wird nicht mehr an Menschen gedacht, die sich ausserhalb der Landesgrenze befinden. Die fehlende Unterstützung für die geflüchteten Menschen in Zeiten des Coronavirus kann zu einer grossen humanitären Katastrophe führen.

Inwiefern?

Wenn das Coronavirus in den Flüchtlingslagern grassiert, wird es nicht mehr aufzuhalten sein. Menschen mit starken Symptomen wie Atembeschwerden kann dort nicht geholfen werden. Ich befürchte eine Tragödie.

Was kann der einzelne Bürger tun, um zu helfen?

Petitionen und Initiativen wie «Leave no one behind» oder «Europe must act» unterstützen. Diese fordern, dass in der Coronakrise niemand zurückgelassen wird. In diesen Zeiten muss an alle Menschen gedacht werden. Dem Virus ist es egal, wer welchen Pass hat.



Wie helfen Freiwillige vor Ort?

In Griechenland wird die Verbreitung des Virus immer stärker. Noch ist die Ansteckungsgefahr aber nicht so hoch wie in der Schweiz. Bereits jetzt wird aber diskutiert, den Flugbetrieb einzustellen. Viele sind verunsichert und kehren nach Hause zurück. Jene, die vor Ort bleiben, versuchen zu tun, was sie noch können beziehungsweise dürfen. 

Das von Ihrer Organisation betriebene Flüchtlingsgemeinschaftszentrum ist am 7. März komplett ausgebrannt. Wird es trotz der angespannten Situation auf Lesbos wieder aufgebaut?

Mit angezogener Handbremse. Zum einen wegen des Virus und zum anderen wegen der angespannten Atmosphäre. Wir gehen im Moment vorsichtig vor und haben erst ein lokales Bauunternehmen mit Reparaturarbeiten beauftragt. Wir würden uns aber wünschen, dass durch eine Evakuierung der Geflüchteten ein schneller Wiederaufbau gar nicht nötig würde. 

Der Brand wütete am 7. März im Flüchtlingsgemeinschaftszentrum der NGO.
zvg

Wissen Sie schon, wer oder was für den Brand verantwortlich ist?

Nein, wir warten den Bericht der Feuerwehr und Polizei ab.

Werden Sie wieder auf Lesbos zurückkehren?

Ja, ganz bestimmt. Im Sommer, wenn ich mein Studium in sozialer Arbeit abgeschlossen habe, werde ich wieder vor Ort sein.


Die Coronakrise: Eine Chronologie

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