Wegen der Steinbock-Safaris knallt es im Wallis

pab

7.11.2019 - 14:58

Die Tageslizenzen für die Steinbockjagd bringen dem Kanton Wallis jährlich 650'000 Franken ein. 
Bild: iStock

Spezialisierte Reiseveranstalter bieten Gutbetuchten die Möglichkeit, im Wallis Steinböcke zu schiessen. Ein Bericht über diese Safaris hat nun einen gewaltigen Proteststurm ausgelöst. Die Politik reagiert. 

Einen Löwen zu jagen, kostet 30'000 Franken, eine Giraffe 6'000 Franken – und einen Walliser Steinbock 20'000 Franken. Solche Safaris bieten spezialisierte Reiseveranstalter an, und sie stellen in der Schweiz eine einmalige Trophäenjagd dar. Laut Recherchen der Sendung «Mise au Point» des Westschweizer Senders RTS kostet es sogar über 20'000 Franken, auf die prächtigsten Exemplare schiessen zu dürfen.

Die Sendung hat einen gewaltigen Proteststurm ausgelöst. Eine Online-Petition verlangt, dass dieser Praxis nun ein Ende gesetzt wird. Die Politik bezieht nun Stellung dazu.

Laut einer Umfrage des RTS werden jährlich zwischen 100 und 120 Tagesjagdscheine ausgestellt, um Steinböcke im Wallis zu jagen – eine in Frankreich, Italien sowie in der Romandie geschützte Tierart. Den Wildhütern kommt bei dieser Praxis, die dem Kanton Wallis 650'000 Franken einbringt, eine zentrale Bedeutung zu.



Obschon diese Safaris bereits seit Jahrzehnten organisiert werden, reagierte das Publikum auf die Reportage von RTS am Sonntag mit Empörung. Über 18'000 Personen haben eine Online-Petition unterzeichnet mit der Forderung, diese «schändliche Jagd» einzustellen.

Die Politik bezieht Stellung

Während die Empörung im Wallis immer grösser wird, gab der Walliser Staatsrat Jacques Melly am Dienstag in der Sendung «Forum» des RTS bekannt, dass man seit April darüber nachdenke, das Schiessen gegen Bezahlung zu untersagen. «Wir haben nicht auf die Sendung ‹Mise au Point› gewartet, um uns mit dieser 40 Jahre alten Frage zu befassen.»

Melly äusserte sein «Verständnis für die Aufregung und heftigen Reaktionen der Fernsehzuschauer», betonte aber gleichzeitig, dass «wegen des negativen und unrühmlichen Aspekts dieses Jagd-Tourismus nicht alle Jäger verurteilt werden dürfen.»

Der Walliser Staatsrat Jacques Melly versteht die Aufregung, nimmt aber die Jäger in Schutz. 
Bild: Keystone

Der Staatsrat wies ausserdem darauf hin, dass eine Regulierung der Steinbockbestände erforderlich sei. Während es vor 20 Jahren noch 3'000 Steinböcke gegeben habe, seien es derzeit über 5'000. «Pro Jahr müssen auf jeden Fall 450 Tiere geschossen werden. Wenn es keine Jagd-Safaris mehr gibt, müssen diese Aufgabe die Jäger oder Wildhüter tiergerecht übernehmen.»

«Das ist das Gegenteil der Jagdleidenschaft»

Die Jäger der Region sind ebenfalls aufgebracht und fühlen sich zu Unrecht angeprangert. «Das hat mit der Jagd einfach gar nichts zu tun, es ist ein organisiertes Gemetzel», erklärte Christian Fellay in der Tageszeitung «Le Temps». Fellay ist verantwortlich für Sicherheit und Einsatz von Schusswaffen beim Kantonalen Walliser Jägerverband.



«Sie gehen einige Meter hinauf mit Wanderstöcken und schaffen es, aus zehn Meter Entfernung einen Steinbock zu erlegen: Das ist das völlige Gegenteil von Jagdleidenschaft. Und im Wallis lässt man diejenigen, die über die nötigen finanziellen Mittel verfügen, seit 40 Jahren schiessen.»

Nicht durch die Wissenschaft zu rechtfertigen

Die Umweltschutzorganisation Pro Natura stellt sich nicht gegen die Jagd, verurteilt aber bestimmte Arten der Jagd – wie das Show-Jagen. «Diese Safaris sind Trophäenjagden, die man gegenüber der Öffentlichkeit nur schwer rechtfertigen kann, insbesondere aus ethischer Sicht», erklärte Nicolas Wüthrich, Pressesprecher der Organisation, in «Le Temps». «Die Jagd kann akzeptiert werden, solange sie eine Daseinsberechtigung oder einen Sinn hat.»

Für jene Art des Jagd-Tourismus fehle aber ein wissenschaftliches Argument. Bevorzugte Opfer dieser Show-Jagden sind Wüthrich zufolge ältere Tiere mit längeren Hörnern. «Obwohl man weiss, dass die Steinbockherden unter genetischer Verarmung leiden, werden alte Böcke gejagt, die über das breiteste genetische Material verfügen», sagt der Pro-Natura-Sprecher.

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