Wer erledigt die Jobs, wenn die Leute ausfallen?

Von Andreas Fischer und Anna Kappeler

7.1.2022

Mitarbeiter von ERZ, Entsorgung und Recycling Zuerich, sammeln Karton von der Strasse, aufgenommen am 1. Februar 2021, in Zuerich. Die Kartonmengen haben 2020 in der Stadt Zürich um rund einen Viertel zugenommen. Entsorgung und Recycling Zürich (ERZ) führt dies auf die Zunahme der Online-Bestellungen aufgrund des Lockdowns zurück und sammelt deshalb neu zweimal im Monat den Karton ein. Wegen der Separatsammlung des Kartons ist dieser von besonders hoher Qualität und eignet sich deshalb sehr gut für die Wiederverwertung. (KEYSTONE/Alexandra Wey)
Was, wenn der Abfall liegen bliebe wegen Omikron-Fällen? So weit kommt es vorerst noch nicht.
Bild: KEYSTONE

Die Corona-Zahlen explodieren, Betreiber kritischer Infrastrukturen müssen vorsorgen. Notfalls entsorgt der Park-Mitarbeiter den Abfall und der Bürogummi wird zum Bus-Chauffeur. Arbeitsvermittler verzeichnen derweil deutlich mehr Anfragen.

Von Andreas Fischer und Anna Kappeler

7.1.2022

32'239 neue Corona-Fälle binnen 24 Stunden meldet das BAG am Donnerstag. Ein Rekord. Entsprechend häufen sich die Krankheits-, Isolations- und Quarantänefälle.

Doch was heisst das für Jobs, deren Erledigung wir für selbstverständlich halten? Dass die Abfallsäcke vor unserem Haus regelmässig entsorgt werden oder dass Tram und Bus pünktlich fahren? Wir haben bei sogenannten systemrelevanten Berufen nachgefragt.

Personal wird umdisponiert

Im Tiefbauamt der Stadt Thun, unter anderem für die Abfallentsorgung zuständig, ist man im Moment noch relativ entspannt. «Natürlich haben wir krankheitsbedingte Ausfälle, aber die können wir auffangen. Der Betrieb ist noch nicht beeinträchtigt», sagt Amtsleiter Beat Baumann.

Besonders wichtige Bereiche: die Abfallentsorgung, der Winterdienst und das Krematorium. Was also, wenn dort noch mehr Leute ausfallen? Dann wird der Mitarbeitende vom Park schon einmal zum Abfallentsorger und arbeitet als Belader auf dem Abfallsammelfahrzeug. «Wir können das handwerkliche Personal aus anderen Bereichen der Stadtverwaltung einsetzen, zum Beispiel aus der Grünpflege, die im Winter nicht der dringendste Bereich ist», sagt Baumann.

«Entsorgungssicherheit bleibt gewährleistet»

Auch bei Entsorgung + Recycling Zürich ERZ arbeitet man mit Springern – oder es können Leute aus anderen Bereichen umdisponiert werden. «Im Winter sind zum Beispiel die Bioabfall-Touren weniger aufwendig, sie können beim Hauskehricht einspringen», sagt Mediensprecher Tobias Nussbaum. «Sollten die Abwesenheiten stark zunehmen, müssten allenfalls einzelne Sammeltage verschoben werden.»

Da Hauskehricht im Züri-Sack im Container entsorgt wird, sei das Nachholen der Leerung an einem darauffolgenden Tag in der Regel nicht problematisch. «Die Entsorgungssicherheit – diese zu erhalten ist unsere Aufgabe – bleibt aber gewährleistet.»



Profitieren könnten in Zürich die Temporärbüros, die etwa Arbeitslose für einzelne Einsätze vermitteln. Nussbaum macht ein Beispiel: «Ein Sammelteam besteht aus drei Leuten pro Abfallsammelfahrzeug.» Der Chauffeur müsse die Route kennen und also Erfahrung haben. Bei den zwei Beladern, die hinten mitfahren, sei die Arbeitserfahrung für temporäre Einsätze weniger zentral. «Personalengpässe können wir deshalb auch mit Arbeitskräften aus Temporärbüros schliessen.» Man sei sehr flexibel, «doch ohne einen Grundstock an eigenen Leuten wird es schwierig».

Es gibt auch Gewinner: die Arbeitsvermittler

Auch landesweit profitieren Arbeitsvermittler wie Adecco von diesen Engpässen. «Wir können bestätigen, dass wir schweizweit extrem viele Anfragen erhalten von Kunden, die krankheitsbedingte Personalausfälle haben», sagt Adecco-Sprecherin Annalisa Job. Sei es wegen positiver Covid-Tests oder der Quarantäne. «Teilweise müssen Unternehmen sogar schliessen.» 

Anfragen kämen «vor allem aus Transport, Industrie, Logistik, Detailhandel, Verkauf, Gastronomie/Hotellerie und sogar von Fitnesscentern». Job: «Eigentlich überall dort, wo die Leute vor Ort arbeiten müssen.»

Bei Adecco verweist man auf das eigene breite Netzwerk und Kampagnen auf verschiedenen digitalen Kanälen. «So schaffen wir es in den meisten Fällen, für unsere Kunden und Kandidaten eine Lösung zu finden», sagt Job.

Verwaltungsangestellte werden zu Busfahrern

Kreativ macht die Pandemie auch andernorts. Bei den Freiburgischen Verkehrsbetrieben TPF wird neu das Verwaltungspersonal auch zu Bus-Chauffeuren. «Es handelt sich dabei überwiegend um ehemalige Mitarbeiter des Fahrpersonals», sagt Sprecherin Anaïs Jeanmonod. Diese seien im Besitz des entsprechenden Führerscheins und würden die betreffenden Linien kennen.

Wegen coronabedingten Personalmangels bei den TPF zirkulieren ab Montag zwei Buslinien im 10-Minuten- statt im 7,5-Minuten-Takt. Auch die Zürcher Verkehrsbetriebe VBZ müssen wegen corona-bedingter Ausfälle des Personals ab Montag die Tramlinie 15 einstellen.



In Bern sind solche Massnahmen noch nicht notwendig. Dort würde man zunächst auf den Regelfahrplan vom Wochenende umschalten und in einem zweiten Schritt auf den Ferienfahrplan, um einen weniger dichten Takt zu fahren, sagt ein Sprecher von Bernmobil.

In Luzern könnten etwa 20 bis 25 Mitarbeitende jederzeit für den regulären Fahrdienst aktiviert werden, sagt Sprecher Sämi Deubelbeiss. «Das sind alles gelernte und versierte Chauffeure, die mindestens zehn Prozent ihrer Arbeitsleistung noch in unserem Fahrbetrieb Busse fahren.» 

Polizeien und Feuerwehren noch im Normalbetrieb

Bei verschiedenen von blue News angefragten Kantonspolizeien und Feruerwehren gibt es ebenfalls pandemiebedingte Abwesenheiten. Der Mehraufwand bei der Personalplanung sei aber zu bewältigen und der Betrieb nicht gefährdet.

Die Schweizer Kernkraftwerke haben ihrerseits Notfallszenarien. Die Mitarbeitenden dürften die Kraftwerke im schlimmsten Fall nicht mehr verlassen und würden vorübergehend vor Ort untergebracht, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet.

Rumpfmannschaft könnte sich ins Kraftwerk zurückziehen

«Im Worst-Case-Szenario können wir uns mit einer Rumpfmannschaft auf die Anlage zurückziehen», erklärt auch Daniel Böni, Geschäftsführer beim Zweckverband Kehrichtverwertung Zürcher Oberland (Kezo), gegenüber blue News. Dafür habe man Unterkünfte vorbereitet und die Verpflegung sichergestellt.

Zudem versuche man in Zusammenarbeit mit dem Kanton Zürich die Versorgung mit Betriebsmitteln sicherzustellen. «Ohne Ammoniak und Bi-Karbonate könnten wir die Rauchgasreinigung nicht mehr betreiben und müssten das Kraftwerk abschalten.» Das könnte schnell zu einem Problem werden: «Wenn die Verbrennungsanlage nicht in Betrieb ist, dann würden sich schnell Müllberge anhäufen.»