Wie Männer auf Fragen reagieren, die sonst nur Frauen gestellt werden

Anna Kappeler

12.6.2020 - 00:00

Wütende Frauen am 14. Juni 2019 in Lausanne.
Bild: Keystone

Frauen können als beste Fussballerin ausgezeichnet oder zur Bundesrätin gewählt werden – sexistische Fragen kommen trotzdem. Woran liegt das? Und wie reagieren Männer selbst auf solche Fragen? Ein Experiment.

Ein Jahr ist es her, als Zehntausende Frauen landesweit ihre Arbeit niedergelegt und am Frauenstreik 2019 für Gleichberechtigung demonstriert haben. Sexistische Fragen allerdings werden gleichwohl noch immer hauptsächlich den Frauen gestellt.

Warum ist das so? «Wir leben nach wie vor in einer Gesellschaft, in der Macht und Einfluss ungleich auf die Geschlechter verteilt sind», sagt Anja Derungs, Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich. Es gehe um strukturelle Ungleichheit und tief verankerte Rollenbilder. «Mit solchen Fragen wird versucht – oft unbewusst und unbeabsichtigt – berühmte, erfolgreiche Frauen ‹auf ihren Platz› zu verweisen.» 



Also wagen wir das Experiment. Und konfrontieren Männer aus verschiedenen Branchen mit sexistischen Fragen. Nicht etwa erfundenen, sondern solchen, die tatsächlich so gestellt wurden.

Mauro Tuena, Nationalrat und Präsident der Stadtzürcher SVP

Mauro Tuena (SVP/ZH) im Nationalratssaal während einer Debatte.
Bild: Keystone

Herr Tuena, Sie sind kinderlos. Wie wollen Sie Familien vertreten? (Frage ursprünglich an Karin Keller-Sutter und Viola Amherd am Tag, als sie als Bundesrätinnen gewählt wurden.)

Vorweg: Ich bin überrascht, dass so eine Frage überhaupt noch vorkommt. Die Gleichberechtigung ist in der Bundesverfassung verankert. Heutzutage sind Frauen und Männer doch gleichberechtigt. Hat eine Frau das Gefühl, für gleiche Arbeit weniger Lohn als ein Mann zu bekommen, kann sie das einklagen. Das gilt übrigens auch für den Mann.

Zur Frage: Als gewählter Volksvertreter muss ich öfter über Dinge reden, die ich nicht selber erlebe. Etwa über Cannabisversuche, obwohl ich noch nie gekifft habe. Oder ein Grüner muss über Strassen abstimmen, obwohl er noch nie ein Auto von innen gesehen hat. Also informiere ich mich vorher bei Betroffenen und rede mit unterschiedlichen Leuten, um mir meine Meinung bilden zu können.



Wie wichtig ist es Ihnen, bei einem Auftritt gut auszusehen? (Frage ursprünglich an Skirennfahrerin Lara Gut-Behrami.)

Ich schaue, dass ich auf einem Podium oder im Fernsehen gut gekleidet bin. Meine Fingernägel sind dann anständig geschnitten, meine Haare frisiert, mein Anzug muss sitzen. Mein Äusseres soll bei öffentlichen Auftritten anständig sein, darauf lege ich Wert.

Können Sie ‹twerken›? (Frage ursprünglich an Ada Hegerberg bei Verleihung Ballon d’Or als beste Fussballerin der Welt.)

Einer Fussballerin diese Frage zu stellen, ist deplatziert. Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun, also bitte. Würde mir so eine Frage gestellt, ich würde nicht darauf eingehen.

Christoph Sigrist, Pfarrer Grossmünster

Pfarrer Christop Sigrist vor dem Zürcher Grossmünster.
Bild: zVg

Herr Sigrist, Sie haben Kinder, jetzt sind Sie hier und arbeiten. Wie schaffen Sie das alles? (Frage ursprünglich an Anita Weyermann, ehemalige Leichtathletin.)

Das wurde ich noch nie gefragt. Nun, ich schaffe das, weil meine Frau und ich bereits vor der Geburt unserer beiden Söhne darüber diskutiert haben, wer bei uns für Kindererziehung zuständig wäre. Wir haben uns nach einer Auslegeordnung einvernehmlich auf sie geeinigt. Im Sinne einer ausgeglichenen Work-Life-Balance würde ich diese Frage Mitarbeitern stellen – Männern wie auch Frauen, wohlgemerkt.

Wie wichtig ist es Ihnen, bei einem Auftritt gut auszusehen? (Frage ursprünglich an Skirennfahrerin Lara Gut-Behrami.)

Das ist kein Thema – diese Frage empört mich. Auch aus persönlicher Erfahrung: Ich habe solchen Sexismus auf Männerseite erlebt: Betroffen war mein Vater. Als er Diakon, also kirchlicher Sozialarbeiter, wurde, sagte man ihm, dass man gerne einen schöneren Mann dafür gehabt hätte.

Können Sie ‹twerken›? (Frage ursprünglich an Ada Hegerberg bei Verleihung Ballon d’Or als beste Fussballerin der Welt.)

Was ist das?

Ein Tanz in der Hocke inklusive Po wackeln.

Das wurde Ada Hegersberg echt gefragt? (Pause) Das ist sexistisch, das ist jenseits. Grundsätzlich möchte ich zu all diesen Fragen anmerken: Stellt man sie nur Frauen, schreit die Diskriminierung der Frau zum Himmel.

Benjamin Lüthi, Ex-Fussballer und Teleclub-Experte

Benjamin Lüthi war Profi-Fussballer bei GC  – mit 28 Jahren gab er freiwillig seinen Rücktritt bekannt.
Bild: zVg

Herr Lüthi, Sie sind kinderlos. Wie wollen Sie Familien für Sport begeistern? (Frage ursprünglich an Karin Keller-Sutter und Viola Amherd am Tag, als sie als Bundesrätinnen gewählt wurden.)

Ou… Ich war auch mal ein Kind und bin dadurch bis heute Teil einer Familie – auch ohne eigene Kinder. Ich habe mich mit meiner Vergangenheit auseinandergesetzt und kann daher retrospektiv aus Erfahrung sprechen. Ich habe also sehr wohl Familienerfahrung. Andererseits kann ich Leute ohne Familie ideal repräsentieren. Das ist doch eine gute Balance.

Wie wichtig ist es Ihnen, bei einem Auftritt gut auszusehen? (Frage ursprünglich an Skirennfahrerin Lara Gut-Behrami.)

Ich muss mich wohlfühlen. Vor Auftritten ziehe ich mich so an, dass ich mich dem Setting entsprechend wohl fühle. Das Aussehen an sich ist für mich sekundär, Hauptsache ich kann befreit die Leistung erbringen.

Können Sie ‹twerken›? (Frage ursprünglich an Ada Hegerberg bei Verleihung Ballon d’Or als beste Fussballerin der Welt.)

Schauen wir mal. Soll ich es vorzuzeigen versuchen? (lacht) Ich mache mich manchmal gern zum Affen und nehme mich nicht so wichtig. (wird wieder ernst) Diese Frage als Frau und erst noch am Ballon D’Or gestellt zu bekommen, ist allerdings etwas total anderes. Beim Mann kann das lustig sein, bei einer Frau ist es dagegen sogleich aufgeladen. Eine Frage ist immer vom Kontext abhängig – und bei Ada Hegerberg war sie komplett unbedacht und daneben.

«Sexismus ist kein Luxusproblem»

Was tun gegen diese Ungleichheit? Dazu nochmals Anja Derungs vom Gleichstellungsbüro: «Es braucht eine Veränderung und die Bereitschaft, Normen zu hinterfragen und aufzubrechen», sagt sie. Sexismus – also die Ungleichbehandlung und Abwertung eines Geschlechts – sei kein Luxusproblem. Solche Stereotypen sichtbar zu machen und zu benennen, sei das Wichtigste.

Das heisse: «Die eigene gesellschaftliche Position hinterfragen, Ungleichheit bekämpfen, Verantwortung übernehmen», sagt Derungs. Und: «Sexismus benennen, auch wenn es ungemütlich ist.» Dazu brauche es eine breite Mobilisierung von Frauen und solidarischen Männern wie am Frauenstreik vor einem Jahr. Diese Kraft übrigens sei nicht verloren, sondern sehe aufgrund der Pandemie-Situation dieses Jahr einfach anders aus.

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