Pflegerin erzählt

 «Wir brauchen Ruhezeiten, um die zweite Welle überstehen zu können»

Von Julia Käser

6.11.2020

Überstunden und weder Ferien noch arbeitsrechtliche Schutzbestimmungen: «Wir mussten schnell merken, dass wir am kürzeren Hebel waren – oder sind», sagt eine Pflegefachkraft aus dem Kanton Zürich. 
Bild: Keystone

Bundesrat Alain Berset bemängelt die Zusammenarbeit zwischen den Spitälern im Kampf gegen das Coronavirus. Eine Spitalangestellte schliesst sich der Kritik an –  und erzählt, was die Pflege jetzt braucht. 

Gesundheitsminister Alain Berset nahm am Mittwoch kein Blatt vor den Mund. Die Zusammenarbeit zwischen den Spitälern in der Schweiz sei mangelhaft, so der SP-Bundesrat. Angesichts der anhaltend hohen Corona-Fallzahlen sind erste Spitäler bereits an ihre Kapazitätsgrenzen gestossen. Andere hingegen führen nach wie vor nicht dringende Eingriff durch.

Berset kritisierte die Kantone und appellierte an die Solidarität. Zudem will er Privatkliniken vermehrt in die Zusammenarbeit miteinbeziehen. Laut  A.K.*, Pflegefachkraft aus dem Kanton Zürich, wäre dieser Schritt denn auch dringend notwendig.

«Während der ersten Welle war in den Akutspitälern mit Notfallbetrieb auch unabhängig der Corona-Situation viel los. Zum Beispiel passierten ja noch immer Unfälle», erzählt die Spitalangestellte. In Kliniken, die nur geplante Eingriffe vornehmen, sei die Lage komplett anders gewesen – weil diese Operationen allesamt gestrichen wurden, um Kapazitäten zu schaffen.

«Personalmangel ist grösser als während der ersten Welle»

«Diese Kapazitäten wurden aber nicht spitalübergreifend genutzt», kritisiert K. So hätten Pflegende in einigen Spitälern 13 Stunden täglich gearbeitet und sich alle Ferien gestrichen, während andere auf Kurzarbeit gesetzt worden seien. «Es hat mich enttäuscht, dass nicht mehr ‹out of the box› gedacht wurde.»

K. hofft darauf, dass das dieses Mal besser gemacht wird. Denn im Vergleich zur ersten Welle sei der Personalmangel in einigen Spitälern viel grösser geworden. Hinzukomme die Erschöpfung aus der ersten Welle – und die sei gross. «Die Pflege musste sich einem unbekannten Gegner stellen, was psychisch sehr anspruchsvoll und intensiv war.»

Dass die arbeitsrechtlichen Schutzbestimmungen für das Spitalpersonal während der ersten Welle ausgesetzt worden sind, habe für starke Verunsicherung gesorgt. «Das bedeutete, dass wir tatsächlich rechtens zu 13-Stunden-Schichten gezwungen werden konnten und dass wir ohne unsere Einwilligung auf Isolationsstationen arbeiten mussten.»

Man habe viele Gespräche geführt mit Mitarbeitenden, Berufsverbänden und Gewerkschaften. «Jedoch mussten wir schnell merken, dass wir am kürzeren Hebel waren – oder sind», sagt K. auch im Hinblick auf die aktuelle Situation. Mit einer landesweiten Protestwoche hat das Pflegepersonal erst vergangene Woche einen weiteren Anlauf genommen, um für bessere Arbeitsbedingungen zu kämpfen. 

Gefahr einer Ansteckung ist für Pflegende immer präsent

Corona-Prämie hin oder her: Sie und zahlreiche ihrer Mitarbeitenden würden versuchen, die Pandemie nüchtern zu betrachten – als lehrreiche Zeit, so K. Deshalb seien sie auch bereit, aussergewöhnliche Leistungen zu erbringen und würden sich berufsethisch sowieso dazu verpflichtet fühlen. «Diese Einstellung hält viele von uns aufrecht – sie reicht jedoch nicht aus. Wir brauchen die Ruhezeiten, die uns zustehen, müssen essen und trinken und durchatmen können, um die zweite Welle überstehen zu können.»

Hinzu kommt die andauernde Gefahr einer Ansteckung. Akutspitäler verfügen laut K. zwar über genügend Schutzmaterial. Trotzdem sei man dem Risiko, sich zu infizieren, dauernd ausgesetzt. Da viele Menschen auch symptomlos an Covid-19 erkrankten, müsste jeder Patient oder jede Patientin als potenzieller Träger des Virus betrachtet werden.

Getestet würden jedoch nur symptomatische Patienten oder solche, die in ein Heim verlegt werden. «Demente, frisch operierte, lungenkranke Patientinnen oder solche, die an Übelkeit oder Herzerkrankungen leiden, können oft keine Maske tragen und wir kommen ihnen trotzdem sehr nahe», sagt K. zu «blue News». 

Berufsausstieg aufgrund der Coronapandemie

Zu schaffen macht ihr auch das Misstrauen, mit dem die Pflegenden teils konfrontiert sind. So habe sich schon lange abgezeichnet, dass die Schweiz auf einen Pflegenotstand zusteuere. Ein Anliegen der im Parlament umstrittenen Pflegeinitiative sei es, den Pflegeberuf mit besseren Löhnen attraktiver zu machen. «Nun wird das aber so ausgelegt, als ob die Pflegenden die Pandemie dazu ‹benutzen› würden, um ihre Löhne aufzubessern.»

Es gebe zahlreiche Studien, die belegten, dass die Mortalitätsrate steige, je weniger diplomiertes Personal auf der Station sei, sagt K. «Unter den aktuellen Bedingungen ist es jedoch kaum möglich, den einzelnen Patientinnen und Patienten gerecht zu werden.» Corona absorbiere sehr viel mehr Mitarbeitende als normal. 

Viele Pflegende hätten zudem gerade in diesen schwierigen Zeiten den Beruf an den Nagel gehängt. Weil sie ausgebrannt seien – «und weil ihnen die Wertschätzung, die sie verdient hätten, nicht entgegengebracht wird», wie K. feststellt. 

Keine Verschnaufpause für das Gesundheitswesen 

Die Pflege sei dringend darauf angewiesen, dass die Bevölkerung auf die erprobten Methoden im Kampf gegen Viren vertraue. Bisher hätten sich diese schliesslich immer bewährt. Und: «Covid-19 ist keine Glaubensfrage. Das Virus ist real und wir alle, besonders wir in der Pflege, müssen damit fertig werden.»

Die Pandemie sei für alle Neuland. Dass im Umgang mit dem neuartigen Virus mitunter Fehler passieren, sei normal – egal auf welcher Stufe. Angesichts der aktuellen Lage ist es gemäss K. aber nicht hilfreich, darauf herumzureiten. Vielmehr brauche es nun Solidarität. Und: «Wir müssen offen darüber reden, wie es um unser Gesundheitssystem steht.»

K. fordert, dass gehandelt wird, bevor es zu spät ist. Das Gesundheitswesen kenne keine Verschnaufpausen. «Nach der Pandemie wird es mit dem gleichen Tempo weitergehen, weil alles Aufgeschobene nachgeholt werden muss. Und auch dafür benötigt es Personal.»

*Name der Redaktion bekannt

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