Spitex-Pflegerin

«Wir hören oft: ‹Schön, dass Sie noch zu mir kommen›»

Von Gil Bieler

16.4.2020

Abstand halten ist im Alltag von Spitex-Pflegerinnen und -Pflegern nicht möglich. (Symbolbild)
Keystone

Das Coronavirus stellt auch die Spitex vor neue Herausforderungen. Eine Spitex-Teamleiterin über Hausbesuche im «gelben Mäneteli», grosse Dankbarkeit – und Verunsicherung auf beiden Seiten.  

Sie helfen älteren Menschen beim Anziehen, Haarewaschen oder bei der Körperpflege – für Pflegerinnen und Pfleger der Spitex ist es oft unmöglich, den vom Bund empfohlenen Mindestabstand einzuhalten. Dennoch kann man die Klientinnen und Klienten in der Corona-Krise nicht allein lassen. Also gilt es, sich so gut wie möglich mit der neuen Realität zu arrangieren.

Zur Person
zVg

Irene Belser ist Teamleiterin Spezialdienste bei der Abteilung Alter und Pflege der Stadt Winterthur.

Am aufwendigsten seien Einsätze bei Covid-19-Patienten, sagt Irene Belser, Teamleiterin Spezialdienste bei der zuständigen Abteilung der Stadt Winterthur. Sie meint damit: zeitaufwendig. Die Spitex-Pfleger rücken in solchen Fällen mit einem speziellen Covid-Rucksack aus. Bevor sie die Wohnung oder das Haus des Klienten betreten, streifen sie sich spezielle Schutzkleidung über. «Gelbe Mänteli», wie Belser sagt. Dazu kommen Mundschutz und Handschuhe.

Mit Desinfektionsmittel wird nach dem Einsatz alles gereinigt, was man wieder mitnimmt. Die Schutzkleidung kommt wieder ab, bevor man den Klienten verlässt – und bleibt gleich dort. «Das An- und Ausziehen braucht schon einiges an Zeit», sagt Belser. Sie arbeitet seit 2003 in der Pflege – aber eine Situation wie jetzt hat sie noch nie erlebt.

Flexibilität ist gefragt

Weil die Bestimmungen und Vorgaben im Umgang mit der Krankheit ständig wechseln, muss sich das Spitex-Personal immer wieder anpassen. Auch die Verfügbarkeit von Schutzmaterial variiert. «Anfänglich mussten wir etwa nicht bei jedem Einsatz Mundschutz tragen gemäss Gesundheitsdirektion Zürich», sagt Belser. «Doch wir haben gemerkt, dass Klienten zunehmend verunsichert reagierten.» Nun tragen die Spitex-Mitarbeiter sogar im Büro permanent einen Mundschutz.



Bei den Klientinnen und Klienten bemerkt sie eine grosse Dankbarkeit für das Spitex-Personal: «Man spürt schon, dass viele ältere Leute einsamer geworden sind», sagt Belser. Wenn der tägliche Gang zum Einkaufen plötzlich wegfalle, fehle schnell einmal etwas. «Wir hören oft Dinge wie: ‹Schön, dass Sie noch zu mir kommen.›»

Immerhin: Mehr Arbeit fällt bei der Spitex Winterthur durch die Ausnahmesituation unter dem Strich nicht an. Manche Klientinnen und Klienten hätten den Spitex-Dienst abbestellt, «aus Angst, dass etwas eingeschleppt wird». Andere nähmen dagegen neue Dienstleistungen in Anspruch – so liessen sich einige Klienten nun die Haare durch die Spitex waschen, während sie zuvor regelmässig zum Coiffeur gegangen seien.

Ausserdem liefere man Medikamente nun in manchen Fällen gleich für zwei Wochen aus statt für eine. So konnten – als Vorbereitung auf allfällig viele Klienten mit Covid-19 – vorsorglich freie Kapazitäten geschaffen werden.

«Ich habe keine Angst»

«Wir haben mit viel mehr Covid-19-Patienten gerechnet», sagt Belser. Bisher müssten sie in Winterthur aber nur vereinzelt Betroffene pflegen. Sie glaubt, dass das Social Distancing zu dieser erfreulichen Entwicklung beigetragen habe. «Es wird spannend zu sehen, was passiert, wenn es eine Lockerung gibt.»



Sollte der Aufwand ansteigen, stehen für die Pflege Fachpersonen auf Abruf bereit, die die Spitex Stadt Winterthur zu Beginn der Pandemie rekrutiert hat. Viele Studentinnen und Studenten hätten sich ausserdem gemeldet, um zum Beispiel für die ältere Bevölkerung Einkäufe zu tätigen, da ihr Alltag nun umgekrempelt worden sei.

Fürchtet sich Belser eigentlich vor einer Ansteckung? Sie sagt: «Ich habe keine Angst.» Sie gehöre nicht zu einer Risikogruppe und vertraue auf die Schutzvorkehrungen. Bei älteren Spitex-Pflegerinnen und -Pflegern dagegen spüre sie schon Unsicherheit. «Ich achte deshalb darauf, dass sie keine Risikoeinsätze übernehmen müssen.» Notfalls springen die Kolleginnen und Kollegen ein – oder eben Belser selbst.

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