Seit der Coronakrise ist die Luft viel weniger verschmutzt

tsha

18.3.2020

Italiener singen gemeinsam gegen die Krise an

Italiener singen gemeinsam gegen die Krise an

Mit Musik gegen die Langeweile in der Corona-Quarantäne: Menschen in Rom schmettern von ihren Balkonen aus Lieder wie den Klassiker «Volare». Italien steht de facto komplett unter Quarantäne.

17.03.2020

Die Coronakrise lässt zumindest überfüllte Städte aufatmen – ein Forscher behauptet sogar, sie würde auch Leben retten. Das führt zur Frage: Lässt sich den derzeitigen Geschehnissen auch Positives abringen?

Tausende Tote, Zehntausende Infizierte, Millionen Menschen in Sorge: Das Coronavirus hält die Welt in Atem. In vielen Ländern ist das öffentliche Leben zum Erliegen gekommen, die Wirtschaft schrumpft, die Politik versucht zu reagieren. Ganz klar: Das Coronavirus ist eine Katastrophe. Aber lässt sich ihr auch irgendwie Positives abringen?

Die Umwelt atmet auf

Die Coronakrise, so die steile These von Stanford-Professor Marshall Burke, hat Zehntausenden Menschen das Leben gerettet. In China seien in den letzten Monaten zwischen 50'000 und 75'000 Menschen weniger als sonst an der in dem Land üblichen Luftverschmutzung gestorben, so der Forscher.

«Der Rückgang der Luftverschmutzung in China, der durch die wirtschaftliche Zwangspause verursacht wurde, hat wahrscheinlich zwanzigmal mehr Menschen in China das Leben gerettet als durch das Virus gestorben sind», schreibt Burke.

Auch sonst geht die Luftverschmutzung zurück. In vielen europäischen Ländern wurde der Flugverkehr weitgehend eingestellt, die Menschen arbeiten von zu Hause aus und müssen nicht mehr mit dem Auto in die Arbeit pendeln – die Folge: Der weltweite CO2-Ausstoss geht zurück.

Lange anhalten dürfe dieser Effekt aber nicht: In China etwa, wo das Schlimmste mittlerweile wohl überstanden ist, läuft die Wirtschaft wieder an. Und das, was in den letzten Monaten verpasst wurde, will nachgeholt werden. Die Atempause für die Erde dürfe also eine kurze sein.

Die Menschen haben ihre Städte wieder für sich

Klar: Städte wie Venedig leiden unter dem Fernbleiben der Touristen. Schliesslich zählen Urlauber für viele Orte zu den wichtigsten Einnahmequellen. Zumindest vorübergehend aber freuen sich manche, ihre Städte wieder für sich zu haben. Wie etwa die Bewohner der Lagunenstadt, die in den sozialen Netzwerken Bilder von ihrer Heimat teilen, wie man sie nie zuvor gesehen hat. Nicht nur die Strassen sind leer – auch das Wasser in den Kanälen der Stadt ist so sauber wie schon lange nicht mehr.

«Das Wasser sieht sauberer aus, weil es weniger Verkehr auf den Kanälen gibt und die Ablagerungen so am Boden bleiben», so das Rathaus von Venedig gegenüber CNN. Auch das also nur ein kurzfristiger Effekt, der sich legen dürfe, sobald wieder mehr Schiffe unterwegs sind. Die Bewohner freut es dennoch: «Dieses Virus hat etwas ... Schönes zutage gefördert», schreibt eine Nutzerin der Facebook-Gruppe «Venezia Pulita».

Die Menschen rücken zusammen

Es ist paradox: Die Menschen sollen sich aus dem Weg gehen, um sich nicht gegenseitig anzustecken – und könnten gleichzeitig doch wieder mehr zueinander finden. So erklärte etwa unlängst der Papst, «zärtliche Gesten, Zuneigung, Mitgefühl» seien heute wichtiger denn je, und machte gleich ein paar Vorschläge, wie das aussehen könnte: «eine warme Mahlzeit, ein Streicheln, Kuscheln, ein Telefonanruf».

Am vergangenen Freitagabend setzten die Italiener ihre Idee vom Miteinander trotz Isolation dann auf besonders kreative Weise in die Praxis um: Sie verabredeten sich zum gemeinsamen Musizieren auf ihren Balkonen und Terrassen und am Fenster. 



In den deutschsprachigen Ländern breitete sich unterdessen der Hashtag #Nachbarschaftschallenge aus, mit dem Ziel, die Menschen in seiner nächsten Umgebung zu unterstützen.

Künstler finden neue Wege

Wenn Künstler nicht mehr auftreten können, weil Veranstaltungsorte geschlossen sind, haben sie ein Problem. Denn ohne ein Publikum ist ein Künstler nichts. Und so gehen manche Musiker in diesen Tagen neue Wege.

Der Pianist Igor Levitt etwa streamt jeden Abend kostenlos ein Konzert, Gianna Nannini will via Instagram für ihre Fans singen, und auch der kanadische Rocker Neil Young kündigte Gratiskonzerte an – per Stream aus dem Wohnzimmer der Musiklegende in die Wohnzimmer seiner Verehrer. «Weil wir alle zu Hause bleiben müssen und nicht viele nach draussen kommen, werden wir versuchen, einen Stream von meinem Kamin zu machen, den meine liebe Frau filmen wird», so Young.

Die Globalisierung wird infrage gestellt

Die Globalisierung hat Millionen von Menschen aus der Armut geholt und das Leben von Milliarden von Menschen deutlich verbessert. Nie zuvor ging es uns so gut wie heute. Die Coronakrise zeigt aber auch, wie abhängig wir von anderen Ländern mittlerweile geworden sind. So steht etwa die deutsche Automobilindustrie kurz vor dem Zusammenbruch, weil internationale Lieferketten zusammenbrechen. Zeit also, um neue Wege zu gehen?

Der französische Starökonom und Bestsellerautor Thomas Piketty sieht in der aktuellen Krise auch eine Chance. Denn sie zeige den Regierungen auf, wie sehr sie in die Wirtschaft eingreifen können – und wenn das in Krisenzeiten möglich ist, dann müsste das doch unter normalen Umständen noch leichter sein.

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