100'000 Franken für Sexvideos – Seitensprung wird zum Albtraum

20.3.2019 - 00:00, Von Silvana Guanziroli

Seine sexuellen Abenteuer brachten einen zweifachen Familienvater in die Bredouille. (Symbolbild)
Bild: Getty Images

Mit der Treue nimmt es der verheiratete Familienvater nicht so genau und das hat für ihn schwere Konsequenzen. Mit Sexvideos seiner geheimen Schäferstündchen wird er jahrelang bedrängt. Heute stehen seine Erpresser vor Gericht.

Der zweifache Familienvater sucht das Abenteuer ausserhalb des ehelichen Schlafzimmers. In der Wohnung einer Bekannten im Zürcher Quartier Altstetten tobt er sich regelmässig mit diversen Frauen aus. Was er nicht weiss, er wird dabei von einer Videokamera aufgezeichnet. Und damit hat das verbotene Liebesspiel für den untreuen Ehemann schwere Konsequenzen. Das Filmmaterial gerät in die falschen Hände.



Die gehören dem Ex-Mann der Frau, die dem Familienvater die Wohnung zur Verfügung stellt. Es ist 2013 als der Fall ins Rollen kommt. Damals, so schreibt die Zürcher Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift, schmieden der Ex-Mann und ein weiterer Komplize den Plan, wie sie mit den Sexvideos einfach und schnell an viel Geld kommen wollten.

Opfer kann nur 20'000 Franken auftreiben

Die mutmasslichen Täter konfrontieren den Ehemann damit, dass diese Sexvideos existieren und sie das Material veröffentlichen werden, sollte er ihren Forderungen nicht nachkommen. Und die sind happig. Die beiden Männer wollen sich ihr Schweigen mit 100'000 Franken bezahlen lassen.

Der Ehemann gerät in Panik. Er weiss, er kann das Geld nicht auftreiben aber er weiss auch, bei Veröffentlichung des Materials verliert er seine Familie. Seine Frau würde ihn sofort verlassen. Er fleht die Erpresser an, den Preis zu senken. Sie einigen sich schliesslich auf die Hälfte, auf 50'000 Franken. Es kommt zu einer ersten Zahlung von deren 20'000.

In den nächsten Monaten bedrängen ihn die Erpresser immer wieder, den restlichen Betrag zu zahlen. Der Ehemann findet Ausreden, vertröstet die Täter – und lebt in grosser Angst. Neben dem Verlust seiner Familie fürchtet sich der Kosovo-Albaner zudem vor der Rache der gehörnten Ehemänner. Auf den Sexvideos sind auch seine Liebesgespielinnen, die in der Mehrzahl verheiratet sind, zu erkennen.

Beim Bahnhof Altstetten kam es zur Übergabe des getürkten Geldes und des USB-Sticks.
Bild: Google-Streetview

Geldbündel mit Papierstücken

Im August 2016 wird der Druck schliesslich so gross, dass der Ehemann ebenfalls zu einem Trick greift. Er vereinbart ein Treffen und kündigt an, das Geld mitzubringen. Tatsächlich hebt er bei der Bank zwei Tausendernoten ab. Doch damit fehlen ihm immer noch 28'000 Franken. Deshalb schneidet er sich Papierstücke zurecht, die er mit den echten Noten zu zwei vermeintlich grosse Geldbündeln verpackt. Und sein Täuschungsmanöver gelingt tatsächlich. Gegen die Geldbündel wird dem Ehemann der USB-Stick ausgehändigt. Erpresser und Opfer ziehen zunächst ihrer Wege.

Dass der Fall doch noch die Zürcher Justiz beschäftigt, liegt an den gierigen Erpressern. Wütend über die Täuschung versuchen sie eine der Sexgespielinnen dazu zu bringen, der Frau des Opfers alles zu erzählen. Sie sei von dem Mann doch auch getäuscht worden und könne es ihm so «heimzahlen», so ihre Worte. Sie zeigen der Frau das Sexvideo, von dem sie bisher nichts wusste und zählen auf ihre Mithilfe. Ein Fehler. Die Frau geht zur Polizei und erstattet Anzeige.

Freiheitsstrafe von einem Jahr gefordert

Im Februar 2017 klicken schliesslich die Handschellen. Die Männer kommen in Untersuchungshaft. Heute müssen sie sich, wie auch die Wohnungseigentümerin, vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass sich die beiden Männer der Erpressung schuldig gemacht haben. Zudem hätten alle drei den Geheim- und Privatbereich des Opfers durch die Verwendung von Aufnahmegeräten verletzt

Bezirksgericht Zürich. Hier findet heute der Prozess statt.
Bild: Keystone

Im Fall der Hauptbeschuldigten verlangt die Anklagebehörde eine Freiheitsstrafe von je 12 Monaten. Bei der Frau eine Geldstrafe von 5'400 Franken (180 Tagessätzen zu 30 Franken) sowie eine Busse in der Höhe von 1'200 Franken.

Polizei spricht von Sextortion-Welle in der Schweiz

Die Erpressung mit Sexvideos nimmt in der Schweiz derzeit deutlich zu. Die Polizei und Präventionsstellen warnen speziell im Internet vor einer Sextortion-Welle. Das Wort setzt sich aus «Sex» und «Extortion» (engl. Erpressung) zusammen. Und hier gibt es zwei Varianten:

– Bei der klassischen Methode erhalten die meist männlichen Opfer über soziale Netzwerke eine Freundschaftsanfrage einer Frau. «Sie bringt ihre Opfer dazu, sich im Videochat zu entblössen, zu masturbieren, ausgelassen nackt herumzutanzen oder anzüglich zu posieren», wie die Schweizerische Kriminalprävention auf ihrer Homepage schreibt. Alle Handlungen werden während des Videochats aufgezeichnet.

– Bei der zweiten Variante handelt es sich um eine Malware. Hier werden Computer und Smartphones mit einer Schadsoftware infiziert. In diesem Fall aktiviert die Malware tatsächlich die Webcam und filmt die Opfer während sie Pornos schauen.

Polizei und Präventionsstellen raten davon ab, den Forderungen der Erpresser nachzukommen. Es gebe Fälle, wo es zu einer Geldzahlung kam und das Material dennoch veröffentlicht wurde, so die Experten. Stattdessen sollten Opfer in jedem Fall bei der Polizei Anzeige erstatten.


«Bluewin»-Redaktorin Silvana Guanziroli ist als Gerichtsberichterstatterin an den Zürcher Gerichten akkreditiert. In ihrer Serie «Guanziroli am Gericht» schreibt sie über die spannendsten Strafprozesse, ordnet ausgefallene Kriminalfälle ein und spricht mit Experten über die Rolle der Justiz. Guanziroli ist seit über 20 Jahren als Nachrichtenjournalistin tätig und hat die Polizeischule der Kantonspolizei Zürich absolviert. silvana.guanziroli@swisscom.com.
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