Immer mehr Menschen werden durch Implantate getötet

SDA/dor

26.11.2018 - 01:32

Laut internationalen Recherchen soll die Zahl der Problemfälle mit Brust- und anderen implantaten weltweit stark zugenommen haben.
Source: Keystone/Steffen Schmidt

In weiten Teilen der Welt werden immer mehr Menschen durch Implantate verletzt oder getötet. Dies förderte eine internationale Recherche ans Tageslicht.

Wegen defekter Herzschrittmacher, Hüftprothesen oder Brustimplantate leiden oder sterben Hunderttausende Menschen weltweit. Gleichzeitig werden Probleme vertuscht. Das zeigt eine weltweite Recherche zu Medizinprodukten.

Allein in Deutschland seien im vergangenen Jahr 14'034 Mal Verletzungen, Todesfälle und andere Probleme im Zusammenhang mit Medizinprodukten wie künstlichen Hüft- oder Kniegelenken, Brustimplantaten oder Insulinpumpen gemeldet worden, berichteten am Sonntag die Sender NDR und WDR sowie die «Süddeutsche Zeitung».

Die drei Medien haben gemeinsam mit dem internationalen Konsortium für Investigativen Journalisten (ICIJ) zahlreiche Unterlagen zu dem Thema, die sogenannten Implant Files, ausgewertet. Mehr als 250 Journalisten von 59 Medien aus 36 Ländern arbeiteten dabei zusammen. Für die Schweiz berichten Recherchedesk und das Datenteam von Tamedia.

Das in der Schweiz und Europa geltende Zulassungssystem erweist sich als fehleranfällig und intransparent, wie der «Tages-Anzeiger» berichtet. Nach einem Skandal um Brustimplantate hat Brüssel dem Bericht zufolge die Regeln verschärft. Auch der Bundesrat schickt demnach im Dezember eine Verschärfung des Heilmittelgesetzes ans Parlament. Doch die privaten Zulassungsstellen bleiben – nach massivem Lobbying der Branche, wie es heisst.

Produktbezogene Ursachen

Das deutsche Gesundheitsministerium bestätigte laut NDR, dass das zuständige deutsche Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) einen Anstieg von Fällen registriert habe, bei denen eine «produktbezogene Ursache» vorgelegen habe. Das Ministerium betonte dem Bericht zufolge jedoch, dass nicht bei jedem dieser Vorkommnisse der Tod oder eine schwerwiegende Verschlechterung des Gesundheitszustandes des Betroffenen eingetreten sei.

Die Dunkelziffer dürfte laut den Recherchen von NDR, WDR und «SZ» noch «erheblich höher» sein, da Hersteller, Ärzte und Spitäler den Behörden nur wenige Fälle meldeten, obwohl sie dazu verpflichtet seien. Als Beispiel wurden Brustimplantate genannt: So seien 2017 in deutschen Kliniken 3'170 Implantate allein wegen schmerzhafter Vernarbungen des Gewebes rund um die Silikonkissen herausoperiert worden. Gemeldet worden seien aber nur 141 Fälle.

Weiter hiess es in dem Bericht, die Behörden überliessen es den Herstellern in der Regel selbst, fehlerhafte Produkte zurückzurufen oder Sicherheitswarnungen auszusprechen. Seit 2010 hätten die Hersteller dies pro Jahr rund tausend Mal getan, die Behörden hätten im gleichen Zeitraum offenbar nur sechs Mal einen Rückruf angeordnet.

Kaum klinische Daten

Unter Berufung auf interne Unterlagen des Gesundheitsministeriums berichteten NDR, WDR und «SZ», dass in Deutschland regelmässig Produkte implantiert würden, die kaum getestet worden seien. Lediglich für eines von zehn Medizinprodukten der höchsten Risikostufe gebe es nach Einschätzung des Ministeriums klinische Daten.

Schäden durch Medizinprodukte würden allerdings selten publik, da die Hersteller Entschädigungszahlungen an Verschwiegenheitsverpflichtungen der Betroffenen knüpften, heisst es in dem Bericht. In den vergangenen zehn Jahren mussten Medizinprodukthersteller demnach ausserdem mehr als 1,6 Milliarden Dollar zahlen, um Korruptions- und Betrugsvorwürfe beizulegen, wie aus Daten der US-Börsenaufsicht SEC und des US-Justizministeriums hervorgehe.

Das Geschäft mit künstlichen Gelenken, Schrittmachern, Hörgeräten oder anderen Medizinprodukten sei laut Gesundheitsministerium mittlerweile auf einen Umfang von umgerechnet rund 300 Milliarden Franken weltweit gewachsen, heisst in dem Bericht. Allein deutsche Unternehmen setzten etwa 30 Milliarden Euro mit diesen Produkten um.

Das deutsche BfArM wisse zwar, welche Produkte in den vergangenen Jahren zu den meisten Todesfällen und Verletzungen geführt hätten. Sowohl die Aufsichtsbehörde als auch das deutsche Gesundheitsministerium verweigerten aber Auskunft darüber, weil es sich um vertraulich Informationen handele.

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