Guanziroli am Gericht

Zuhälter in Zürich: So beuten sie Frauen und Freier aus

Von Silvana Guanziroli

20.11.2019

Der Beschuldigte drängte sein Opfer über Monate in Zürich zur Prostitution. Er schlug und bedrohte sie, bis die Frau nicht mehr konnte.
Bild: Keystone

Menschenhandel und Prostitution sind in der Schweiz Alltag. Besonders in Zürich – entlang der Langstrasse – zwingen Zuhälter Frauen, für sie anzuschaffen. Wie brutal sie dabei vorgehen, zeigt dieser Prozess.

Sie hatte kein Geld, war fern von der Heimat und musste ihren Körper täglich für bezahlten Sex hergeben. Statt Liebe, Glück und ein besseres Leben fand die 26-jährige Ungarin Bianka* in der Schweiz ein Martyrium aus Gewalt und Ausbeutung. Während mehrerer Monate war sie in den Fängen eines Zuhälters, der über Jahre im Zürcher Milieu Frauen zur Prostitution zwang.

Heute steht dieser Mann vor dem Bezirksgericht in Zürich. Angeklagt ist der 46-jährige Ungare wegen des Verdachts auf Vergewaltigung, mehrfacher Förderung der Prostitution, mehrfacher sexueller Nötigung, mehrfacher versuchten Nötigung sowie der gewerbsmässigen Erpressung. Geht es nach der Staatsanwaltschaft, soll er für längere Zeit hinter Gitter. Die Anklagebehörde fordert eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren.

Wie der Mann die Frauen – aber auch Freier – ausbeutete, beschreibt die Staatsanwaltschaft in ihrer Anklageschrift, die «Bluewin» vorliegt.

Die Suche nach dem leichten Opfer

Und hier steht besonders Biankas Schicksal im Vordergrund. Erstmals trifft sie 2014 auf den Beschuldigten. Die damals 21-Jährige befindet sich gerade in prekärer finanzieller Situation. Sie hat Schulden, kaum Freunde und keine Familie, die sie hätte, um Hilfe bitten können. Zu dieser Zeit geht sie in Ungarn, aber auch in Italien, der Prostitution nach. Für den Zuhälter ist sie ein leichtes Opfer, so die Anklagebehörde. Der Beschuldigte gaukelt ihr vor, er kümmere sich um sie. Zusammen würden sie in die Schweiz fahren, um dort das grosse Geld zu machen. Für seinen Schutz bräuchte er einfach einen finanziellen Zustupf. Das Beste wäre, die Einnahmen fair fünfzig-fünfzig aufzuteilen, wie er sagt.

Doch nur wenige Tage später ist alles ganz anders. Im Mai zieht das ungleiche Paar durch die Schweizer Bordelle. Bianka schafft in Sexclubs in Affeltrangen TG, Kirchberg AG, Luzern oder Winterthur an. Das Geld, das sie verdient, steckt sich der Beschuldigte komplett in die eigene Tasche. Er gibt ihr lediglich Geld für Zigaretten und Kleidungsstücke. Trotzdem ist der Ungare mit Biankas Leistung unzufrieden. Er tritt ihr gegenüber zunehmend brutaler auf und droht, ihr die Zähne einzuschlagen oder ihr Gesicht mit Säure zu verätzen, wenn sie sich nicht mehr anstrenge. Wiederholt schlägt er Bianka und zwingt sie, ihn oral zu befriedigen. 

Schliesslich bringt der Beschuldigte die junge Frau in die berühmt-berüchtigte Lambada-Bar an der Zürcher Langstrasse. Hier vor dem Lokal schickt er sie auf den Strassenstrich. Er lässt sie keinen Moment aus den Augen, nimmt ihr sofort die Einnahmen ab. Nach wenigen Wochen ist Bianka kurz vor dem Zusammenbruch. Wie die Staatsanwaltschaft schreibt, sei das Opfer «physisch und psychisch so erschöpft von der Tätigkeit als Strassenprostituierte gewesen», dass sie während Monaten nicht in der Lage war, sich gegen den Beschuldigten aufzulehnen. 

Auf der Langstrasse vor der Lambada-Bar in Zürich musste Bianka ihre Freier anwerben, danach ging sie mit den Männern in ein Zimmer oberhalb des Clubs.
Bild: Google Maps

Nur einmal versuchte sie aus den Fängen des Zuhälters auszubrechen. Sie verliebte sich in einen gleichaltrigen Mann. Als der 46-Jährige dahinterkommt, droht er ihr und ihrem Liebhaber mit dem Tod. Das Paar trennte sich. 

Freier zahlt aus Angst und Liebe

Der Zuhälter schickt Bianka aber nicht nur auf den Strich. Mit ihr verfolgt er einen weiteren Plan und macht sie damit zu seiner Mittäterin. Er will, dass Bianka einen alten Mann findet, der sich in sie verliebt und den sie dann ausnehmen könnten. 

Tatsächlich trifft Bianka im August auf ein solches Opfer. Auf Druck des Beschuldigten präsentiert sie ihm eine Lügengeschichte. Sie gibt an, ihre Familie in Ungarn werde durch Gangster bedroht. Wenn sie nicht gewisse Geldbeträge überweise, würden diese Männer ihrer Familien Schaden zufügen. 

Der Zuhälter erzählt dem Freier, er sei der Vermittler zwischen den Gangstern in Ungarn und Bianka. In dieser Rolle taucht er immer wieder bei Haus des Freiers auf und forderte Geld. Zahle er nicht, würden die Gangster Bianka entführen und nach Ungarn verschleppen, was ihr sicheres Todesurteil sei, wie der Beschuldigte betont.

Der Freier, der die junge Frau mittlerweile bei sich aufgenommen hat, knickt ein und zahlt. Mehrfach. Insgesamt 18'520 Franken, und das obwohl er selbst kaum Geld hat. Er erhöht sogar die Hypothek auf seinem Haus. 

Mehrere Frauen betroffen

Im Oktober 2017 schliesslich klicken beim Beschuldigten die Handschellen. Gemäss den Untersuchungsakten ist Bianka nicht die einzige Frau, die der Beschuldigte zur Prostitution zwang und nötigte. In einem Fall soll er sein Opfer sogar vergewaltigt haben, wie die Untersuchungen zeigen. Der Zuhälter sitzt seit seiner Verhaftung im Gefängnis. Mittlerweile im vorzeitigen Strafvollzug. 

Ob er heute vor Gericht wieder auf seine Opfer treffen wird, ist ungewiss. Wo sich Bianka derzeit aufhält und ob sie nach Ungarn zurückgekehrt ist, ist nicht bekannt.


«Bluewin»-Redaktorin Silvana Guanziroli ist als Gerichtsberichterstatterin an den Zürcher Gerichten akkreditiert. In ihrer Serie «Guanziroli am Gericht» schreibt sie über die spannendsten Strafprozesse, ordnet ausgefallene Kriminalfälle ein und spricht mit Experten über die Rolle der Justiz. Guanziroli ist seit über 20 Jahren als Nachrichtenjournalistin tätig und hat die Polizeischule der Kantonspolizei Zürich absolviert.
silvana.guanziroli@swisscom.com
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