Der traurige Schlusspunkt eines besonders dunklen Herbstes

Von Sven Hauberg

24.11.2021

Am 24. November 2001 stürzte eine Crossair-Maschine beim Landeanflug auf Zürich ab, 24 Menschen kamen dabei ums Leben. Es war die letzte Katastrophe in einem Herbst, der die Schweizer*innen zutiefst verstörte.

Von Sven Hauberg

24.11.2021

Den Herbst des Jahres 2001 wird man in der Schweiz nie vergessen. Eine Katastrophe jagte damals die nächste, angefangen mit den Terroranschlägen vom 11. September. Etwas mehr als zwei Wochen später, am 27. September, schockierte das Zuger Attentat die Nation, als Friedrich Leibacher 14 Politikerinnen und Politiker im Parlament des Kantons erschoss. Der Oktober begann mit dem Swissair-Grounding und endete mit einem katastrophalen Brand im Gotthard-Tunnel, bei dem elf Menschen starben.

Am 24. November, vor 20 Jahren also, erschütterte dann ein verheerender Flugzeugabsturz die Schweiz: In der Nähe von Bassersdorf ZH stürzte der Crossair-Flug 3597 ab, 24 Menschen kamen ums Leben. «Hört denn das nie mehr auf?», fragte sich damals nicht nur Moritz Leuenberger, wie der damalige Bundespräsident im Interview mit blue News sagte: «Viele Menschen empfanden so.»

Der Absturz, bei dem auch die US-Sängerin Melanie Thornton und zwei weitere Musikerinnen starben, traf ein Land ins Mark, das von den Ereignissen der Vorwochen bereits zutiefst gebeutelt war. Dass der Crossair-Absturz noch heute nicht vergessen ist, hat aber noch andere Gründe, wie Laura Frommberg, Chefredakteurin des Branchenmagazins «aeroTELEGRAPH», im Gespräch mit blue News sagt: «Wenn sich im Nachhinein noch herausstellt, dass es zu Fehlern kam, die eventuell hätten verhindert werden können, verschlimmert das natürlich Trauer, Wut und auch Ungläubigkeit.»

Abflug um kurz nach 20 Uhr

Crossair-Flug 3597 hob am 24. November, einem Samstag, um kurz nach 20 Uhr vom Berliner Flughafen Tegel ab. An Bord der mittelgrossen Maschine vom Typ Avro RJ100 befanden sich neben den fünf Besatzungsmitgliedern an jenem Abend 28 Passagiere. Rund zwei Stunden später, kurz vor der Landung in Zürich, kam es zur Katastrophe. Die Maschine unterschritt die Mindestsinkflughöhe, streifte mehrere Bäume, schlug schliesslich auf dem Boden auf und begann zu brennen.

Mit an Bord war auch Jacqueline Badran. Die heutige SP-Politikerin war damals 40 Jahre alt und überlebte den Absturz mit leichten Verletzungen. Seit der Katastrophe sprach Badran immer wieder über ihre Erlebnisse, zuletzt in einem SRF-Podcast. «Das Wissen, dass das Leben morgen zu Ende sein kann, hat mich immer begleitet», sagt sie.

Badran hatte sich mit einem Geschäftspartner, der ebenfalls überlebte, in den hinteren Teil des Flugzeugs gesetzt. Als die Maschine abstürzte, habe sie sich gedacht: «Hoffentlich explodiere ich und verbrenne nicht.» Doch es kam anders: «Dann war es wie: Der Film nimmt eine andere Wendung. Wie wenn sich die Regieanweisung geändert hat. Das ist jetzt nicht der Tod, sondern etwas anderes.» Badran rettete sich aus der Maschine – als eine von nur neun Überlebenden. «Du nimmst nichts mehr wahr ausser dem Fluchtweg», erinnert sie sich.

Übermüdeter Pilot

Der Pilot der Unglücksmaschine überlebte den Absturz nicht. Der 1944 geborene Schweizer war 1979 zur Crossair gekommen, also zu jener Airline, die als Erbin der Swissair heute unter dem Namen Swiss firmiert. «Wie die Untersuchung ergab, ereigneten sich in der Berufslaufbahn des Kommandanten zwischen 1967 und dem Unfallzeitpunkt verschiedene Vorfälle», heisst es in dem Schlussbericht zum Crossair-Absturz.

So zerstörte der Pilot 1990 ein parkendes Flugzeug, als er das Fahrwerk der Maschine einfahren liess. Fünf Jahre später wäre beinahe ein von ihm gesteuerter Landeanflug in Lugano missglückt; 1999 machte er einen Navigationsfehler während eines privaten Rundfluges. «Die fliegerische Leistung des Kommandanten» sei von der Crossair «nicht zutreffend bewertet» worden, so der Schlussbericht.



Weiter heisst es in dem 169 Seiten dicken Dokument: «Das Konzentrations- und Entscheidungsvermögen des Kommandanten sowie seine Fähigkeit zur Analyse komplexer Vorgänge waren aufgrund von Übermüdung beeinträchtigt.»

Heute gebe es viele Mechanismen in der Planung der Airlines, die verhindern sollen, dass Pilotinnen und Piloten eine Maschine übermüdet steuern, erklärt Luftfahrtexpertin Frommberg. «Airlines haben bei uns heute eigentlich ausgeklügelte Dienstplanungssysteme, um so etwas zu verhindern. Manchmal führt das ja sogar dazu, dass ein Flug ausfällt, weil eine Crew aufgrund einer Verspätung die vorgeschriebene maximale Dienstzeit überschritten hat und keine Ersatz-Crew zur Verfügung steht.»

«Das Regelbuch der Luftfahrt wird in Blut geschrieben»

Der Schlussbericht zur Crossair-Katastrophe gibt die Schuld an dem Unglück aber nicht allein dem Piloten. So war 2001 im Anflugsektor der Piste 28 des Flughafens Zürich «kein System vorhanden, welches bei Unterschreitung einer Sicherheitsmindesthöhe einen Alarm auslöst». Ausserdem nutzte der Pilot eine gedruckte Anflugkarte, auf der der Höhenzug, den die Maschine beim Absturz berührte, nicht eingezeichnet war.

Rescue workers are seen next to the wreckage of the Crossair jet, Sunday Nov. 25, 2001, at the crash site in Birchwil, Switzerland. The Jumbolino jet by Swiss Crossair crashed late Saturday during its approach to Zurich airport. At least ten people died. The four-engine aircraft carrying 33 people was on a flight from Berlin. (KEYSTONE/Walter Bieri)
Die Crossair-Maschine wurde bei dem Absturz komplett zerstört.
Bild: Keystone

Nach dem Unglück wurden 13 Sicherheitsempfehlungen ausgesprochen, um derartige Katastrophen in Zukunft unwahrscheinlicher zu machen. «Es gibt diesen einen sehr makabren Spruch: Das Regelbuch der Luftfahrt wird in Blut geschrieben», sagt Frommberg. Denn nach fast jedem Flugzeugunglück würden «Anpassungen bei Abläufen und Sicherheitsmassnahmen vorgenommen» – so eben auch nach dem Crossair-Absturz.

«Ich kann mir kaum vorstellen, dass heute genau diese Verkettung noch einmal passieren kann», sagt Laura Frommberg. «Es gibt wohl nur sehr wenige Branchen, in denen eine so akribische und strenge Sicherheitskultur herrscht wie in der Luftfahrt.»